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Mittwoch, 8. September 2004
Dispatches from the Cold War, Part 1
20:33h //cold war's not cooling down//
"The Butter Battle Book" was attacked in The New Republic for being soft on Communism [and we all know how morally repulsive it is to be soft an anything]. That's not the kind of thing people used to say about "The Pokey Little Puppy." Dr. Seuss took the same course as that other doctor who hitched a ride on the baby boom and the government gravy train it rode through school and into college: Dr. Spock. They went pink.
Cat People; Louis Menand, The New Yorker ... link Tommy, we hardly knew you
20:31h //politique mon amour//
Tagtäglich würden wir Zeugen dafür, "dass Ausdrücke aus dem Wörterbuch des Unmenschen keineswegs verschwunden" seien, sagte der Bundespräsident. "Schleichend werden Worte im Umlauf gebracht, die aus dem Geist des Ressentiments stammen und auch prompt Ressentiments erzeugen." Der Antisemitismus tarne sich heute oft als Antizionismus, warnte Klestil. Die Achtung des Anderen - Nachbarn, Minderheiten, Kranke, Behinderte -, aber auch die Achtung des Andersseins in der politischen Arena sei Prüfstein jeder funktionierenden Demokratie. Aus Anlass seines hundertsten Todestages wird Herzl endlich einen Platz bekommen (nicht nur wie bisher eine Stiege), sogar einen Teil der Ringstraße - den Teil an dem sich die Redaktion der Presse, für die er geschrieben hat, befindet; die FPÖ war naturgemäß dagegen, die Palästinensische Gemeinde ebenfalls - vergeblich, zum Glück. Die Zeremonie wird am 1. Juli stattfinden und die Antisemiten sind ein wenig spät dran. Vor einer Woche habe ich bei der Uni zum ersten Mal ein hübsches Plakat gesehen, auf dem sie sich bei der Stadt Wien herzlich für die Ausrichtung des 5. Herzl Symposions bedanken und ihre Meinung über die neuesten Schandtaten der Zionisten kundgetan haben. Oben auf dem Plakat sind in trauter Zweisamkeit Herzl und Sharon - beide in arroganter Pose - zu sehen, darunter ein Lehrstück der antisemitischen Klischees; es reicht nicht, mit dem Wort Vernichtungspolitik die Behauptung von wegen Israelis sind die neuen Nazis hinzustellen, es muss auch noch der spanische Faschismus sein, dessen Reinkarnation der Staat der Juden darstellen soll. Seit neuestem klebt ein kleiner Zettel daran mit dem Aufruf zur Demonstration gegen die Umbenennung. Auch wenn sie spät dran sind, lustig wird es trotzdem werden und diesmal wird wohl der ORF dabei sein und die antisemitischen Peinlichkeiten der Öffentlichkeit nahebringen - nicht wie letztes Jahr bei der Gedenkfeier anlässlich der Reichskristallnacht, deren Störung durch "anti-Zionisten" zwar durch die einschlägigen Kanäle gegangen, nicht aber an das Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen war. Die Frage ist lediglich, ob sie gleich zu Anfang "Israel verrecke!" rufen werden oder erst gegen Ende der Veranstaltung. Und weil ich mir mit all dem soviel Zeit gelassen habe, hat Samuel Laster in der Jüdischen schon was darüber: Antisemitische Demonstration in Wien /über die erwähnte Demo gibt es hier weiteres/, auch zum Herzl-Symposion (an dem auch Ass. Prof. Dethloff von unserem Institut teilgenommen hat). Wie gesagt, es wird ein Spaß. ... link (0 comments) ... comment gesehen
20:30h //tv on the blog//
In der heutigen Folge von Scrubs war John Ritter als Vater der Hauptfigur J.D., gespielt von Zach Braff, zu sehen. Dieser sieht (wie in seinem neuem Film Garden State, in dem er zusammen mit Natalie Portman auch die Hauptrolle spielt, zu beobachten) John Ritter tatsächlich sehr ähnlich. Eine halbverschüttete Kindheitserinnerung: Weniger verschüttet sind natürlich Spielbergs andere Serien Animaniacs, Pinky and the Brain, Tiny Toon Adventures, Seaquest DSV, Freakazoid!, ... (in denen er auch manchmal vorkommt). Noch anzuschauen wäre seine Verfilmung des Romans Empire of the Sun (mit John Malkovich) von J.G. Ballard (Geburtsjahr 1930), basierend auf dessen Kindheit im von den Japanern besetzten Schanghai, in dem sich zu dieser Zeit auch Leute aufgehalten haben, die heute am Institut für Philosophie der Universität Wien tätig sind. In einer Rezension des Buches im Guardian heisst es: Damit schließt sich der Kreis - falls David Cronenberg etwas mit John Ritter zu tun hat. Gute Nacht. ... link (0 comments) ... comment gerade gesehen
20:28h //tv on the blog//
Ravioli, Alfred Dorfer.
Mit Verspätung wegen der EM. Die Szenen bei seinem Vater spielen in der Berufsschule für Gastgewerbe - Wien, Meidling; die Szene dazwischen mit seinem Buben sind nebenan, U6 Längenfeldgasse. Der Stil in der Wohnung ist 50er60er70er und wenn man in der Unterwäsche betrunken darin herumwandert, liegt Selbstmord mit dem überbliebenen Valium tatsächlich auf der Hand. Auch das Schlafen fällt schwer, wenn der Nachtstrom brummt. Gegenüber die Glasfassaden von Franz-Josefsbahnhof und den angeschlossenen Gebäuden, wegen denen es einen neuen Aufgang von der U4 Friedensbrücke gibt - Gussenbauergasse, dann von dort vorbei am Siegmund-Freud-Hof (unter dem ein Pestfriedhof sein soll // die Pathologie in der Sensengasse ist gut, besser aber ist das Ärztezentrum in der Blutgasse, gleich neben der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft und der Thomas Bernhard Privatstiftung) zu dem Wohnblock, Eisenbahnergenossenschaftswohnung, Baujahr 53 oder 54. Der Schmäh mit Descartes ist gut, aber cogito, ergo sum hat er nie geschrieben, gerade mal ego sum, ego existo, der wahr sein soll, sooft er ihn ausspricht. Auch Captain Kirk soll ja nie beam me up, scotty gesagt haben, aber das ist vielleicht nicht ganz dasselbe. Zu Thomas Bernhard und dem Blutgassenviertel wäre noch zu sagen, dass im Fenster des Café Bräunerhof ein Foto von ihm hängt, lachend, ein wenig jovial, datiert mit Ende 1987; der deutsche Playboy informiert, dass das Foto berühmt ist und beim Thomas-Bernhard-ABC von 3sat kommt es unter C wie Café Bräunerhof. Weniger berühmt ist das Foto von Grissemann und Stermann, das im Café Fichtl in Floridsdorf hängt. Gute Nacht. ... link (0 comments) ... comment Ludwig Nagl über Hannah Arendt über Augustinus
20:26h //philosophie//
der appetitus ist der band zwischen den individuen und der individuen mit der welt, der sozialstruktur überhaupt; er hat zwei gesichter: cupiditas (instrumentalisierung, verführung) und caritas. im modus der cupiditas ist man der welt verfallen, ein teil der habituellen verhältnisse.
memoria: in den confessiones wird eine erkundung der memoria durchgeführt, bei arendt ist damit noch die zukunftslose gegenwart verbunden; eine kulturelle amnesie, die kulturindustrielle zerstörung des erinnerbaren schreitet voran (ähnlich marcuses eindimensionaler mensch). natalität: wir sind trotzdem nicht die gefangenen der vergangenheit, denn das handeln der gegenwart setzt jeweils ein und ist nicht ein kausales produkt der vergangenheit; gleichzeitig wird die vergangenheit zerstört, im handeln öffnet sich der abgrund ein stück; der riss, an dem das handeln einsetzt ist nicht (wie bei foucault) ein produkt der menschlichen geschichte, sondern ein begleiter der menschlichen existenz und kann nicht theoretisch schlüssig deduziert oder transmittiert werden. ... link (0 comments) ... comment Agamben Reloaded
20:25h //politique mon amour//
I won't argue the constitutional point, which belongs to a (small-r) republican era that is now behind us. But, if this really is a war, it lacks most of the customary features the law typically looks to when drawing constitutional distinctions between wartime and peacetime. And it's probably going to last indefinitely - if not forever. So really, what the adminstration wants is to have it both ways. It wants to deny the traditional protections of the Geneva Convention to Al Qaeda prisoners because "this isn't that kind of war and they aren't those kind of soldiers." But, when it comes to defining its own powers, it argues that it very much is that kind of war - no different than World War II, according to Ashcroft. Everybody likes to have it both ways - it's human nature. But in this case, accepting the administration's claims means accepting that the constitutional order once considered the exception (wartime) is now the rule, and what was once the rule (peacetime) is now history. And so is everything that went with it - checks and balances, due process, etc. Or rather, these things still exist only in so much as they are tolerated by an executive branch that claims an inherent right to set the law aside at will. There are names for governments like that. Constitutional republic isn't one of them. Das Problem mit Agamben ist, dass er diesen Prozess nicht beschreibt (zumindest in Homo sacer nicht), sondern gerade einmal feststellt, dass er passiert; und es ist ihm anscheinend auch nicht klar, dass es immer wieder vorgekommen ist und dass Ausnahmezustände auch zu Ende gehen können. Interessant wäre es also, einen Vergleich anzustellen mit vorhergehenden Situationen und festzustellen, warum genau es der Bushjunta möglich ist, für sich alle möglichen Privilegien in Anspruch zu nehmen ohne abgesetzt zu werden. Eine Antwort würde sicher darin liegen, dass eine straff durchorganisierte ideologische Bewegung alle drei Teile der Regierung kontrolliert und darüberhinaus über weite Strecken die Medien und den nationalen Konsens hinter sich hat; dass es also weniger mit den metaphysischen Qualitäten der Souveränität zu tun hat, auch nicht mit der Macht "inherent in the president," sondern schlicht und ergreifend eine Frage der gesellschaftlichen Verhältnisse, ob und wie weit eine dermaßen skrupellose Bewegung handeln kann. Dass Kerry als Präsident sehr viel (wahrscheinlich alles) besser machen würde, steht außer Zweifel. Mehr zweifelhaft ist allerdings, ob er den Status des war on terror aufklären, ob er mit der unsinnigen Ansicht aufräumen würde, dass hier die Existenz der USA, wenn nicht der gesamten westlichen Welt auf dem Spiel steht. Denn das tut sie nicht. Die Djihadisten wollen in der Islamosphäre die Macht übernehmen; primär kämpfen sie gegen die eigenen Regierungen, die zu einem großen Teil von den USA gestützt werden. Dahingehend verfolgen sie eine ähnliche Strategie wie die RAF: es geht darum, den Gegner dazu zu bringen, sich zu demaskieren, damit die Terroristen das Volk auf seine Seite bekommen und den Staat stürzen kann. Die Djihadisten haben die USA sehr erfolgreich zum Handeln provoziert und auch die Elemente im politischen System, die schon seit einem Jahrzehnt eine endgültige Abrechnung mit Saddam verlangt haben, zum Handeln motiviert. Die Rechnung ist aufgegangen, die USA verhasster denn je. Jetzt geht es darum, den offenen Kampf gegen die Staatsmacht zu beginnen. Der ideale Ort dafür ist Saudiarabien; hier ist die (junge, radikale) Bevölkerung durch die Indoktrinierung im wahhabistischen Schulsystem von klein auf den Djihadisten ideologisch sehr nahe, die Regierung als kollaborierend mit den USA verhasst. Zusätzlich haben die Geschehnisse im Irak eine propagandistische Wirkung - der sogenannte Widerstand ist nicht national, sondern religiös und panarabisch konnotiert. Es ging bei den Terroraktionen auch darum, "die Massen aufwachen zu lassen" und das Heer der Unzufriedenen für sich einzunehmen. Das Ziel aber ist die Machtübernahme und die Errichtung einer bestimmten politischen Ordnung, die Wiedererrichtung des Kaliphats. Die beste Möglichkeit, den Krieg gegen (diesen) Terrorismus zu gewinnen, ist, ihn nicht zu führen. Man muss die Terroristen als solche demaskieren und sich nicht selbst dabei demaskieren lassen. Der Christian Science Monitor (ich weiß, die Ironie ...) berichtet, dass unter der lokalen Bevölkerung Jubel ausgebrochen ist, als bekannt wurde, dass der Mann, der für die Ermordung des Amerikaners Paul Johnson verantwortlich war, von den Sicherheitskräften getötet worden war. Eine der unzähligen Schwächen im Konzept der RAF war, dass die BRD zwar die Schrauben angezogen hat, die RAF aber ihre sehr großen Sympathien in der Bevölkerung durch die Brutalität ihres Vorgehens verloren hat. Sie hatte auch die Medien nicht auf ihrer Seite und hatte keine echte Möglichkeit, ihre Thesen von der Notwendigkeit einer Revolution an die Massen zu bringen, ganz abgesehen davon, dass es den meisten Leuten zu gut ging und sie mit den herrschenden Verhältnissen soweit zufrieden waren, dass von einer Bereitschaft zum Aufstand keine Rede sein konnte. Wichtig ist auch, dass es für Unzufriedene eine Alternative gab: Willy Brandt, der für friedlichen und gefahrlosen Fortschritt stand und als jemand, der den Zweiten Weltkrieg in Norwegen im Exil vor den Nazis zugebracht hatte auch schwerlich im Verdacht stehen konnte, doch ein Kellernazi zu sein, dessen Karriere nach dem 8. Mai bruchlos weitergegangen war. Zum wiederholten Mal wurde also die Frage nach Reform oder Revolution - nach einigem Blutvergießen - beantwortet und so sollte es auch diesmal sein. Man muss vorsichtig die negativen Aspekte einer geglückten djihadistischen Revolution (Iran) kommunizieren und den nach Veränderung strebenden Menschen eine reformistische Alternative anbieten. Bush und seine Junta haben als Antwort auf eine revolutionäre Bewegung selbst einen revolutionären Kurs eingeschlagen, die demokratische Revolution im Nahen Osten, angestoßen durch den Sturz Saddans - alles nach der guten alten Dominotheorie, die schon in Vietnam nicht gestimmt und den alten Liberalismus der Great Society mit sich in den Abgrund gerissen hat. Wie also weiter? Die USA sind vollständig delegitimiert und die EU hat keinen Plan. Die Entwicklung geht weiter und in Zentralasien zeigen sich ähnliche patterns wie im Nahen Osten, gleich nebenan an der Südflanke Russlands ist Putin dabei, die Scheiße so lange aufzutürmen, bis sie über ihm zusammenbricht und was beim eventuellen Fall des Regimes im Iran passiert weiß auch keiner. Was wäre also angezeigt? Ich weiß es nicht, aber ich hoffe, dass zumindest einige Maßnahmen sich im Rahmen des Möglichen befinden: die gerechte Lösung des Israel-Palästinenser Konflikts, eine wirtschaftliche Bindung der Region an die EU (um den zahlreichen Jungen wirtschaftliche Perspektiven zu bieten), dazu ein EU-Beitritt der Türkei. Also Ideologie und Wirtschaft: Die Auflösung des Nahostkonflikts erlaubt eine Verschiebung des Fokus auf die Probleme der jeweiligen Gesellschaften als auch der Region insgesamt; die wirtschaftliche Entwicklung verringert das Potential für Extremismus und befördert eine demokratische Entwicklung. Wer weiß, vielleicht könnte auch der in Syrien bereits 40 Jahre andauernde Ausnahmezustand beendet werden. ... link (0 comments) ... comment Handbuch des politischen Kampfes - Kapitel 3
20:24h //handbuecher//
Was tun, wenn der Gegner die Faschismuskeule benutzt (oder die Walze von der Faschismuskeule)? Abermals zeigt die Wonkette, wie man sich erfolgreich zur Wehr setzt: Das Time Magazine wärmt die alte Semmel von Vizepräsident Cheneys "geheimem" Versteck auf und bekommt dafür den Faschismusknüppel zwischen die Füße geworfen: "TIME magazine would have revealed secret the location of Anne Frank, if they knew it."
Unsere furchtlose Kämpferin für die Freiheit des Zynismus reagiert auf die einzig richtige Art auf eine Faschismuskeule zu reagieren - indem sie einfach mit einer größeren kommt: It's a great analogy, because Cheney has also been in hiding from the Nazis -- the "energy policy Nazis," he calls them -- and he's been keeping a diary. Of course, instead of containing things like, "I still believe, in spite of everything, that people are truly good at heart," it's just a collection of Halliburton contracts and some doodles of Antonin Scalia shooting ducks. We expect HarperCollins to be publishing it in October. ... link (0 comments) ... comment Endlich das Ende vom Ende?
20:15h //land ohne eigenschaften//
Mölzer bekommt das einzige verbliebene Mandat der FPÖ im EU-Parlament; in seinem Schlepptau hat er Stadler und Strache, fordern tut ersterer, dass die Partei zu ihren "Kernthemen" zurückkehrt; Die Bleckmann wird in Karenz geschickt, Haider ist unsicher, meint, er sehe die FPÖ nicht als kuschelige 6% Partei von nationalliberalen aufrechten Bürgern ...
Mehrere Stunden lang eine eilig einberufene Bundesparteivorstandssitzung; Ämter werden verschoben, die aufgeriebenen Truppen ausgetauscht und umgruppiert. Am Ende steht die schauderhafte Erkenntnis, dass Haider ein Konzept hat und (vergleichsweise) pragmatisch vorgeht und dass rechts von ihm tatsächlich nicht nur Platz, sondern auch die mögliche neue Führung der Partei ist. Es bleibt zu hoffen, dass so oder so (abgestandener Rechtspopulismus oder offener Neonazismus) dieses leidige Kapitel der österreichischen Politik geschlossen wird. Meine insgeheime Hoffnung: ein Big Bang; Haider und Dichand, FPÖ und Krone treten endgültig ab und die Nachkriegszeit kommt auch in diesem Land zu einem Ende. ... link (0 comments) ... comment Irakbeichte
19:28h //confessiones//
[Ich schleppe das jetzt schon drei Wochen mit mir herum und sehr viel besser wird es nicht mehr - nicht dass es wirklich gut wäre. Nachträge, Ergänzungen, Verbesserungen, Links kommen irgendwann nach; einige der kursiv gesetzten Begriffe könnten erklärt und kommentiert werden.]
Die Irakerin aus der Lehrveranstaltung von Prof. Böhm aus dem letzten Semester sehe ich in letzter Zeit öfters. Ich habe es bis jetzt nicht geschafft, sie zu grüßen, und ich bringe es auch nicht fertig, ihr in die Augen zu sehen. Vorhin sind wir auf der Straße aneinander vorbei gegangen und ich habe auf den Boden gesehen. Ich bin mir halbwegs sicher, dass sie mich erkannt hat; jetzt und auch die letzten Male. Der Grund dafür, dass ich ihr nicht mehr in die Augen sehen kann, ist, dass ich im Großen und Ganzen für den Irakkrieg war; nicht vorbehaltlos, nicht von vorne herein, nicht ohne böse Vorahnungen, aber im Endeffekt dafür. Ich habe mich einwickeln lassen, nach allen Regeln der Kunst. Demokratischer Interventionismus, demokratischer Internationalismus, demokratischer Imperialismus; so oder so ähnlich habe ich den (nicht erklärten) Angriffskrieg wegerklärt, mich darüber empört, warum einem totalitären Regime Souveränität zukommen soll, war über den blanken Antiamerikanismus der Kriegsgegner empört, war der Meinung, dass das Regime Massenvernichtungswaffen in seinem Besitz hat, wollte sie (die Kriegsgegner und Antiamerikaner der Welt) hassen lassen, solange sich nur fürchteten. Dass ich in meinem Irrglauben und meinem Ressentiment nicht allein war, macht es nicht besser; im Gegenteil: Leute, denen ich in ihrem Urteil vertraut hatte, haben sich als ebenso leicht zu blenden herausgestellt wie ich. Gleich nachdem sich der Rauch gelegt hat und sichtbar wurde, wohin der Weg führt, den die US Regierung eingeschlagen hat, regte sich bei ihnen erste Kritik. Die Vertreter der hawkish left, darunter mein Haus- und Hof-blatt The New Republic (deren Redakteur Spencer Ackerman sein blog Iraq'd aus der Perspektive eines liberal hawk schreibt, der sich mehr und mehr die Frage stellt, ob das alles einen Sinn hatte und ob noch etwas und wenn ja was zu retten ist) haben sich selbst Fragen gestellt, wegen der Massenvernichtungswaffen, wegen der Strategie der Regierung, wegen der Vernachlässigung Afghanistans, wegen des bewussten (und lustvollen) Bruchs mit den Alliierten. Das ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit: viele Linke haben beschlossen, sich einzugraben und alles auf Bush (und Blair) zu setzen, darunter neben Leuten wie Christopher Hitchens auch sogenannte Marxisten; ein Großteil der rechten Reichshälfte der USA befindet sich im denial mode, bellt die von ihr so genannten liberalen Medien für die schlechten Nachrichten aus dem Irak an, nennt Demütigung, Folter, Mord in den Gefängnissen samt den Bildern davon harmlose college pranks, bloß Streiche von jungen Leuten, die Dampf ablassen müssen, schließlich schultern sie die Bürde des weißen Mannes, diesen undankbaren arabs die Demokratie - wenn nicht überhaupt die Zivilisation - zu bringen. Diese Untertöne, die auch gar nicht wirklich versteckt sind, hat es davor auch schon gegeben, aber ich habe mich an irgendeinem Punkt halbbewusst entschlossen, sie zu überhören. Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, mich zu fragen, ob die undemokratischsten Politiker der USA (über deren Praktiken ich sehr wohl informiert war) geeignet sind, Demokratie zu exportieren; ob man solchen Leuten mit irgendetwas trauen kann. Aber durch die Verheißung, Hitler diesmal nicht zum Zug kommen zu lassen, ihm sein München zu verweigern und ihn vom Thron zu stoßen, habe ich die kritischen Fragen, die entscheidend gewesen wären, ungestellt gelassen. Und so hat sich mein Blick auf die konzentriert, die sich diesem noblen Ziel entgegengestellt haben; nicht nur auf die prinzipiellen Nein Sager, auch auf die letzten Dritte Welt Romantiker, auf die Verfechter einer unbedingten nationalen Souveränität, auf die Pazifismus Träumer und auf die fanatischen Antiamerikaner; auf Leute also, die ich auch so nicht ausstehen kann. Ignoriert habe ich die Zweifler, die Bedächtigen, die Multilateralisten, die, die großen Programmen zur Weltverbesserung grundsätzlich skeptisch oder ablehnend gegenüber stehen und die, die der Bush Administration in gar nichts vertrauen. Einzig auf die, die auf eine Fortsetzung der Inspektionen gedrängt haben, habe ich gehört; und als sich herausstellte, dass es damit nichts werden wird, und mir klar wurde, was anderen schon längst klar gewesen war, dass nämlich die Bush Administration von Anfang an den Krieg wollte und sich davon nicht abbringen lassen würde, habe ich es hingenommen, das Interesse an der Sache verloren und mich danach gesehnt, dass es endlich beginnt und dann schnell wieder zu Ende ist. Ich war also erleichtert, als der Krieg begonnen wurde (erklärt wurde er nicht, ebenso wie der Krieg gegen die Taliban nicht erklärt wurde; er begann einfach - und ja: Kriege werden begonnen und beginnen nicht einfach) und hoffte auf ein schnelles Ende. Als es kurz danach aussah, als würde die Offensive ins Stocken geraten und der Spiegel "Supermacht im Sand" titelte, war ich mir sicher, dass es ohne Probleme weiter gehen wird; nicht geglaubt habe ich die apokalyptischen Prophezeiungen (darunter auch in telepolis), dass es in Baghdad entweder zu einem zweiten Stalingrad oder einem zweiten Dresden kommen wird - man merkt hier stark die deutsche (Deutsche als Opfer) Perspektive und die nicht geringe Tendenz, sich mit den so genannten Opfern der Amerikaner zu identifizieren und den Nationalismus, den man in Deutschland nicht ausleben kann, im Irak oder in Serbien auszuleben. Von der Situation in Österreich habe ich nicht viel mitbekommen, weil ich zu jener Zeit in Polen war, aber ich vermute stark, dass man sich an die deutsche Debatte angeschlossen hat, oder - wie im früher schon erwähnten Fall der AIK - sie mitbestimmt hat. Mit solchen Leute im "eigenen Lager" ist es nicht schwer, einfach die andere Richtung einzuschlagen und so lange zu gehen, bis man wo anstößt. Es ist nicht das richtige und für jemanden, der von anderen politische Vernunft einfordert, auch sehr unangebracht, aber es ist einfach. Ich hatte also Recht mit dem Fortgang des Krieges und Baghdad fiel, während unter dem Gelächter der Welt der irakischen Informationsminister behauptete, es sei immer noch alles in Ordnung. Ich hatte Recht gehabt und kurz danach zeigte sich, wie wenig wichtig das noch war. Denn für danach hatte niemand vorgesorgt. Urplötzlich stand die CPA da (auch sie wurde niemals gegründet, noch wurde ihre gesetzliche Basis geregelt; es gibt sogar zwei verschiedene Ansichten darüber, worin ihre Existenz fußt. Sie war eines Tages da und operierte), aber wie es weitergehen sollte wusste niemand. Von offizieller Seite übte man sich in optimistischen Gesten und schrittweise, Fehlschlag für Fehlschlag wurde den Kriegsbefürwortern klar, dass der Karren in den Dreck gefahren war. Die Kämpfe gegen diejenigen, die die nach der Macht greifenden Fraktionen als heldenhafte Widerstandskämpfer bezeichnen, machten Platz für Kritik an Planung und Durchführung des Krieges. Man begann auch wieder vermehrt, mit den Kriegsbefürwortern der rechten Reichshälfte zu streiten; die durch die wohlklingende Rhetorik der Demokratiebringung geschmiedete Koalition der Befürworter fiel wieder auseinander. Mit der Zeit wurde auch die Zahl derjenigen geringer, die der Meinung waren, dass man noch etwas retten könnte, dass die Bush Administration nur ihre Politik um 180 Grad drehen müsste, und die Erkenntnis sickerte durch, dass sie dazu nicht willens oder nicht fähig war. Das Hauptaugenmerk wurde darauf gerichtet, regime change im eigenen Land zu erwirken, das heißt Kerry zum Präsidenten zu wählen und bis dahin den Schaden möglichst gering zu halten. Trotz allem dürfte den meisten klar sein, dass aus dem Projekt der Demokratisierung im Irak nicht mehr viel werden wird, dass der Schaden nicht mehr oder nur sehr langsam zu reparieren sein wird. Dass Präsident Bush in seinem rücksichtslosen march to war den letzten Rest Glaubwürdigkeit Amerikas in der Welt verspielt hat, dass auch im Land selbst zu viel Schaden angerichtet wurde und vorallem: dass die Rechten alles in ihrer Macht stehende tun werden um zu verhindern, dass die Demokraten - sollten sie überhaupt zum Zug kommen - etwas daran ändern können. Schon vor dem Krieg waren einige Kommentatoren (darunter derjenige des Forward, der seine dahingehendenen Bedenken als Grund anführte, gegen den Krieg zu sein und der mir das einzige wirklich durchdachte und vernünftige Argument gegen den Krieg geliefert hat) der Meinung, dass ein wesentlicher Teil der Ziele des Krieges auch darin bestand, die multilateralen Institutionen in den Augen der amerikanischen Öffentlichkeit zu diskreditieren, mit den als einschränkend empfundenen Bindungen an die Alliierten Schluss zu machen und sie zu "we lead, you follow" coalitions of the willing umzubauen; weiters das bereits durch die drei tax cuts historische Budgetdefizit weiter zu erhöhen, um unter einem demokratischen Präsidenten wieder (wie unter Clinton) massive Kürzungen im Haushalt zu fordern um den Umbau der amerikanischen Gesellschaft zu einer ownership society voranzutreiben, das heisst: in die Zeiten vor dem New Deal zurückzukehren, den Staat auf Militär und Geheimdienst (jeweils mit ausgeweiteten Befugnissen ausgestattet) und eventuell noch ein wenig corporate welfare zu stutzen. All das und noch viel mehr hat man (und habe ich) mit einem ja zum Irakkrieg unterstützt. Es hätte jedem klar sein können, was die Herren über Guantánamo im Irak machen würden. Aber ich habe es vorgezogen, mich der Rhetorik hinzugeben; und ich bin ihnen auf den Leim gegangen. ... link (0 comments) ... comment La France? Oui!
19:26h //philosophie//
Les sujets de philo pour les 322.626 candidats du bac général
Série littéraire (L) - Doit-on tout attendre de l'Etat? - La notion d'inconscient psychique est-elle contradictoire? - Expliquer un texte de Leibnitz sur l'erreur, la mémoire, l'imagination et l'esprit critique. Série scientifique (S) - Les hommes ont-ils besoin d'être gouvernés? - Faut-il chercher à tout démontrer? - Expliquer un texte d'Aristote sur le désir et le plaisir Série économique (ES) - Qu'est-ce que comprendre autrui? - Toute vérité est-elle démontrable? - Expliquer un texte de Descartes sur l'intérêt particulier et l'intérêt de tous. La notion d'inconscient psychique est-elle contradictoire?; Libération Philo: les élèves planchent, les ministres dissertent; Marie-Joëlle Gros, Libération ... link (0 comments) ... comment Eine Totenmesse für den Linksradikalismus
19:26h //philosophie//
Empire ist ein interessantes und radikales Buch, aber es baut auf einem irreführenden Begriff auf, weil die Rede von Empire genau den Unterschied verwischt, von dem die Autoren reden wollten. Wo die aktuelle Welt als Empire im Singular behandelt wird,verpasst man die Pointe, dass die aktuelle Kapital- und Komfortwelt eine hochgradig exklusive Struktur ist.
Ich nehme dagegen von Dostojewski das Bild des Kristallpalasts auf, mit dem er schon in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts die westliche Konsumwelt auf den Begriff gebracht hat. Man muss heute die "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch" wiederlesen - das ist die Magna Charta der Globalisierungsgegnerschaft und des antimodernen Ressentiments. Man kommt von Dostojewskij sowohl zu Attac als auch zu den Islamisten. Der große Vorteil der Kristallpalastmetapher besteht darin, dass man schon am Namen das Entscheidende abliest: Hier hat man es mit einem Gebäude zu tun, das eine enorme Innen-Außen-Differenz aufrichtet. Bei dem Ausdruck Empire geht dieser Akzent verloren, weil er suggeriert, alles sei bereits vom System erfasst. Das ist völlig falsch, die effektive Kapitalzone ist ein großer, aber streng exklusiver Raum - ich spreche frei nach Rilke vom Weltinnenraum des Kapitals. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass Negri einen gnostischen Begriff von Systemgegnerschaft benutzt - er pflegt eine Mystik des Dagegenseins, die das Ganze als Gegner braucht -, so wie einst der Christ die Welt als Folie für Weltflucht brauchte. Ich lese das wie eine Totenmesse für den Linksradikalismus. Gute Theorie lamentiert nicht; Peter Sloterdijk im telepolis Interview mit Frank Hartmann und Klaus TaschwerIn --- Wo wir gerade bei telepolis sind: zwei mal über Spider, den neuen Film von David Cronenberg: Im eigenen inneren Gefängnis Monochrome Leere Eine Merkwürdigkeit: "Klaustrophobie ist die krankhafte Angst vor dem Aufenthalt in geschlossenen Räumen, doch kommt dieses damit verbundene Gefühl hier paradoxerweise auf Grund anders gelagerter Bedingungen auf: Der Auslöser sind freie Flächen oder Straßen, die Spider durchschreitet." Er schreitet durch offene Räume, die ihm geschlossen vorkommen und seine Klaustrophobie zum Vorschein bringen? Das wäre sehr merkwürdig, würde aber zu Cronenberg passen. Oder ist dem Autor nur das Wort Agoraphobie nicht eingefallen? ... link (0 comments) ... comment Handbuch des politischen Kampfes - Kapitel 2
19:22h //handbuecher//
Ana Marie Cox (nom de guerre "Wonkette") zeigt, wie man das Gelernte anwendet ...
"He seemed to be able to evoke the World War II experience better than the guys who actually were in combat." ... link (0 comments) ... comment flatulent-kreativ vs transpirierend-kreativ
19:21h //avoid freud//
RB: You mentioned last night that you had thought of writing this novel 17 years ago. So what intervened? Why didnt you start then?
JH: Well, just the accumulation. I brooded about it a long time. And then I brood about different things and usually I have quite a lead time about anything I write. Since I am writing a novella now called Republican Wives, which is fun, right? RB: Sure. JH: And, ah, I have been thinking about writing this for about a decade. But then a certain part of your brain is always accumulating the touches, the materials. Of course, you make squiggles in your journals and then, finally, youre ready. RB: So, as youve said, you write it when you cant not write it? JH: Yeah, thats my rule of thumb. Birnbaum v. Jim Harrison; Our man in New Hampshire Robert Birnbaum talks to Jim Harrison, author extraordinaire, about life in Montana, female chauvinism, navel-gazing in New York, and how a good MFA program might be established. The Morning News ... link (0 comments) ... comment Regan ist immer noch tot
19:19h //politique mon amour//
Eines der besten blogs der gesamten (englischsprachigen) Menschheit ist die Whiskey Bar, geschrieben von einem/einer billmon. Sie/er scheint früher sehr weit links gestanden und dann später zu Sinnen gekommen zu sein und steht immer noch weit links. Er/sie schreibt oft und viel (das perfide an der englischen Sprache ist, dass man oft und viel schreiben kann, ohne sein Geschlecht zu verraten zu, während es in anderen Sprachen - Polnisch zum Beispiel - so gut wie unmöglich ist, einen einzigen Satz zu sprechen oder schreiben, ohne es kundtun zu müssen) und hat neben einigem zum Zustand der amerikanischen Wirtschaft auch viel zu Reagan zu sagen. Aus dem großen Fundus der Konfessionsliteratur ehemaliger Mitglieder republikanischer Administrationen hat sie/er folgendes ausgegraben:
Incredibly, Weinberger had also brought with him a blown-up cartoon. It showed three soldiers. One was a pygmy who carried now rifle. He represented the Carter budget. The second was a four-eyed whimp who looked like Woody Allen, carrying a tiny rifle. That was - me? - the OMB defense budget. Finally, there was GI Joe himself, 190 pounds of fighting man, all decked out in helmet and flak jacket and pointing an M-60 machine gun menacingly at - me again? This imposing warrior represented, yes, the Department of Defense budget plan. It was so intellectually disreputable, so demeaning, that I could hardly bring myself to believe that a Harvard-educated cabinet officer could have brought this to the President of the United States. Did he think the White House was on Sesame Street? Nachsatz billmon: "Care to guess who won that particular budget battle?" ... link (0 comments) ... comment Dafür sollte man sich schon entschuldigen
19:18h //land ohne eigenschaften//
"Pogromstimmung" - von wegen. Zuerst möchte er den Broukal in die Pfanne hauen, dann geht er in die Offensive mit so einem dummen Sager. Gesagt hat er ohnehin Progrom, weiß also zumindest in einer Hinsicht nicht, was er sagt.
Ein gutes hat die Sache aber: Die SPÖ lässt sich nicht mehr in die Enge treiben; zumindest wenn die Beteiligten Personen sich jetzt endlich auf eine Linie einigen können und auch dabei bleiben; und es reicht nicht mehr, dass irgendwo mangelnder Patriotismus beklagt wird und schon reiht sie sich gemeinsam mit den Grünen hinter die Regierungsparteien und singt die Bundeshymne und alle inoffiziellen Strophen und ist entrüstet und macht gleich die Doppelschicht Chauvinismus, damit ja keiner auf die Idee kommen könnte, sie wäre eine Partei von Vernaderern. Wenn sie jetzt bloß noch erklären können, warum der Sager vom Broukal eigentlich nichts ist, wofür man sich entschuldigen müsste und warum die Geschichtsbilder der Regierungsparteien mindestens reaktionär sind - und ich denke das könnte sie, denn eigentlich ist der mainstream im Lande zumindest unter den Jungen links orientiert - dann könnte man sich in Zukunft ja überhaupt etwas mehr trauen. Ein gutes Beispiel dafür, wie das funktionieren könnte, gibt Günter Traxler im heutigen Standard (Unbenommen): Aber der blindwütige Eifer, mit dem die Volkspartei reklamiert, von Broukals Unbenommenheitserklärung unbedingt ebenfalls betroffen sein zu wollen, deutet auf einen kritischen Mix von schlechtem Gewissen ob ihres Partners, nackter Angst vor dem, was ihr nach den Niederlagen des letzten halben Jahres der 13. Juni bescheren könnte und letztem Aufgebot zur Abwendung dieser Bescherung hin. [...| Es bleibt Khol genauso mit minderer Bedeutung unbenommen, dem Heimwehr-Patriotismus unter dem Dollfuß-Konterfei im ÖVP-Klub nachzutrauern, aber sein öffentlicher Versuch, die gewaltsame Beseitigung der Demokratie durch einen solchen Vergleich zu verharmlosen, macht den Nationalratspräsidenten eher rücktrittsreif als den Abgeordneten. Meine Rede. Eine gute Gelegenheit, der Regierung Dampf zu machen, wäre, die Strategie des PS (parti socialiste) zu übernehmen: Dominique Strauss-Kahn (der nach dem Abgang der Regierung Jospin eine längere Nachdenkpause eingelegt hatte) hat das Thema aufs Tablett gebracht, seine Partei davon überzeugt und es zu einem zentralen Punk im EU Wahlkampf gemacht («Pour moi, l'adoption par un couple homo, c'est oui»,DSK pousse le PS dans les bras du mariage gay; Libération). Ich weiß nicht, wie populär die homo-Ehe in Österreich derzeit wäre, aber ich glaube, dass - selbst wenn sich momentan keine Mehrheit dafür fände - man die Leute leicht davon überzeugen kann, dass es mehr als angebracht ist, diesen Schritt zur Gleichberechtigung zu tun - dass davon die Welt nicht untergeht, dass homosexuelle Ehepaare sich auch nicht großartig von hetersexuellen unterscheiden, dass es dadurch nicht zum automatischen Sittenverfall kommt, dass dadurch nicht die traditionelle Ehe unterminiert wird, ... - und gleichzeitig die Konservativen als intolerant (und hasserfüllt) dastehen zu lassen. Das sollte eigentlich eine leichte Übung sein. ... link (0 comments) ... comment non-lethal fiction
19:15h //fiction + facts//
Via Brad DeLong berichet Xeni Jardin auf Boing Boing von einer neuen Waffe: People who volunteered to stand in front of the directed energy beam say they felt as if they were on fire. und erinnert an die Star Trek Folge in dem bösen Paralleluniversum, wo es so eine Technologie auch gegeben hat. An die Waffe kann ich mich nicht mehr erinnern, dafür daran, dass es auch einen "bösen" Kaufmann von Venedig gibt, über den Picard entsetzt ist. Es befinden sich genau drei Star Trek Bücher in meinem Besitz, davon eines aus der "Next Generation" und genau dieses behandelt die erwähnte Folge (Dunkler Spiegel von Diane Duane) und wandert ganz oben auf meinen Stoß.
Aber es gibt noch eine andere ähnliche Waffe, obwohl sie nicht als solche gebraucht wird: Es handelt sich um die Schachtel, in die Paul Atreides (auch bekannt als der Kwisatz Haderach) seine Hand zur Prüfung stecken muss. Er empfindet höllische Schmerzen und er sieht auch, wie seine Hand verschmort; trotzdem behält er seine Hand drinnen, besteht die Prüfung, und zieht sie unversehrt wieder heraus. Die Zusammenfassung des Plots der gesamten sechsteiligen Reihe (hier auf der englischsprachigen wikipedia) klingt ein wenig merkwürdig: ein Sohn aus gutem Hause nimmt es auf sich, Messias zu spielen und einen Wüstenplaneten, auf dem sich ein für die gesamte Menschheit immens wichtiger Rohstoff befindet, von zwei Großmächten zu befreien (deren Klan er entstammt) und den Imperator Shaddam zu stürzen um sich selbst zu selbigem zu machen und - obwohl er ein Halbgott ist - von einer Katastrophe in die nächste stürzt. Dazu gibt es jede Menge Fanatismus, Eugenik, Ludditentum ("Thou shalt not make a machine in the image of Man's mind") und Intrigen. Ich denke ich habe eine Lektüre für den Sommer. ... link (0 comments) ... comment Reagan ist tot
19:12h //politique mon amour//
Aus einer Slate Kolumne von David Greenberg (D-Day OD) erfährt man, dass Reagan WWII als Angehöriger der "First Motion Picture Unit of the Army Air Corps" verbracht hat:
At times Reagan even confused the real war with memories of films he acted in or watched, as when he "remembered" having liberated the Nazi camps. Wie wäre es damit: Ex-President George W. Bush remembers the Good Old Days: "And in this War on Terror ... you know when we liberated Iraq and captured Saddam and it was all "Mission Accomplished" ... you remember?" - "Sir, that was just the sign they put on the aircraft carrier when you were having your Top Gun moment. And the Iraq War had nothing to do with the War on Terror; nevertheless both went wrong." - "You mean when I landed this fighter jet on the aircraft carrier like in my old days as a pilot during Vietnam?" - "Sir, you did not land that jet, you just put on a pilot's uniform and you did not serve in Vietnam. Instead you spent some time at the National Guard in Texas where you did not fly the required hours and went AWOL." Tatsächlich ist da noch einiges mehr drinnen, aber momentan fällt mir nichts ein. ... link (0 comments) ... comment Die Wasserträger der Theokratie
19:11h //politique mon amour//
Ich halte es eigentlich nicht mehr für wirklich notwendig, aber an die Adresse der Freunde des sogenannten irakischen Widerstandes: Spencer Ackerman berichtet, dass in den letzten Monaten in Baghdad bis zu 1000 Ärzte, Rechtsanwälte, Universitätsprofessoren, ... ermordet wurden. Wenn sich der "Widerstand" gegen die gebildeten (im Großen und Ganzen säkular und demokratisch orientierten) Klassen richtet, was ist das Ziel dieses "Widerstandes" und wo sind die Ansätze zur Demokratisierung desselben?
... link (0 comments) ... comment George Soros
19:09h //politique mon amour//
Über Josh Marshall die Ansichten der amerikanischen Rechten über den Vorzeigekapitalisten und (böse böse) bekennenden und finanizerenden Bushgegner George Soros im O-Ton:
He is a self-admitted atheist, he was a Jew who figured out a way to survive the Holocaust. [...] He's a robber baron, he's a pirate capitalist, and he's a reckless man [...] He supported abortion in Eastern Europe ... Ein Atheist, ein Dieb, ein Mann von schlechtem Charakter, ein Abtreibungsbefürworter und (mein Gott was muss das für ein skrupelloser Mensch sein) ein Jude, der einen Weg gefunden hat, den Holocaust zu überleben. Und jetzt will er auch noch, dass Bush die Wahl verliert ... Matthew Yglesias findet dazu die richtigen Worte: I like my rightwingers cartoonish and bigoted. I can't be the only liberal who's been disheartened by the president's efforts to leave the racial subtext of previous GOP campaigns aside, to reach out to African-Americans and Latinos, and to establish the Republicans as the party of philo-semitism. Everyone knows that real conservatives whip up racism and religious hatreds as a method for distracting attention from the class struggle. Tony Blankley and the Reverend Moon should be proud for playing their appointed role in my cosmology of stereotypes and I, for one, will be tipping my hat to them. In the president's defense on this point, I should note that he has done a great deal to boost the homosexual as a replacement for the Jew in the conservative pantheon of morally-dubious cosmopolitan elements. Still, there's something sweet about kicking it old-school. Eigentlich sollte es dazu eine gründliche Analyse meinerseits geben und was morally-dubious cosmopolitan elements sind und was das mit den Nazis zu tun hat und wie und in welcher Form die amerikanische Rechte wirklich pro-israelisch eingestellt ist und wie und auf welche Weise eine vernünftige Linke pro-israelisch sein sollte und wie das geht, dabei nicht gleichzeitig anti-palästinensisch sondern möglichst auch pro- zu sein und wie ein solches pro- dann kein pro- im üblichen Kontext der deutschen und österreichischen Linken sein würde und wie überhaupt ein vernünftiger Diskurs über solche Sachen auszusehen hätte und wie man mit den jeweiligen Einstellungen und Äußerungen des anderen Lagers zu dem Thema umgeht, schreibe ich vielleicht irgendwann einmal. ... link (0 comments) ... comment Braucht man sich für sowas entschuldigen?
19:08h //land ohne eigenschaften//
Zwischenruf Erwin Rasinger (ÖVP): "Sind Sie jetzt für die Sanktionen oder dagegen? Sind sie jetzt für das Champagner-Trinken von Gusenbauer oder dagegen?"
Josef Broukal: "Also ich sage Ihnen ganz ehrlich: Wenn ich an einem 5. Mai entscheiden muss, ob ich mit einer Bande Neo-Nazis vor den Heldenplatz in Wien ziehe oder mit einem französischen Politiker für die endgültige Befreiung Europas vom Nationalsozialismus mit Champagner anstoße, dann sage ich Ihnen: Her mit dem Champagner-Glas! Es ist Ihnen unbenommen, den Nationalsozialisten nachzutrauern, aber es ist unser Privileg, die Befreiung Europas auch heute noch als denkwürdiges Ereignis zu feiern!" Parteiinterne Kritik an Broukal, orf.at Aber natürlich ist es absolut inakzeptabel, die ÖVP daran zu erinnern, mit wem sie koaliert. Und selbstverständlich freut sich der Gusenbauer an Haxn ab, dass er dem Broukal öffentlich den Finger zeigen und "ihn schon noch ins Gebet nehmen" kann. Und keine Frage, dass die Koalition jubelt, dass sie schon wieder einen Vaterlandsverräter ausgemacht hat, noch dazu einen, der ein besseres Ziel abgibt als der Swoboda, den eh keine Sau kennt. Aber natürlich hätte der Abgeordnete Broukal wissen müssen, was im politischen Diskurs des Landes erlaubt ist und was nicht. Das weiß doch jeder; der Kurier weiß es, die Regierung samt ihren Parteien weiß es, sogar die Grünen wissen es. Aber der Abgeordnete Broukal hat das offensichtlich nicht gewusst. Es sei ihm unbenommen ... ... link (0 comments) ... comment The Cunnilinguist Manifesto
19:07h //avoid freud//
TMN: Now, as a man, I like to bring everything back to the penis. But you seem to be saying to forget about it.
IK: Even if I did write the Cunnilinguist Manifesto, Im not promoting a Stalinist purge on the penis. And its not like men will ever forget about their penises. The point is, she doesnt just come first, she comes again and again. Theres plenty of time for the penis to get into the action. TMN: Thank God. And youre out here preaching to the tongue-tied proletariat. IK: Sort of. Unfortunately, the new sexual revolution wont be televised, if the FCC has anything to do with it. Everyones a bit confused about what can and cant be said. I had been booked on the Sharon Osbourne show, but then her producers called to say that given the current climate they couldnt even say the title of my book on their show. Which is sort of absurd when you think that the first words out of my sons mouth will likely be erectile disorder, based on all the commercials for Viagra, Cialis, and Levitra that have been propagating the airwaves. Take the Downtown Train; Paul Ford interviews Ian Kerner, The Morning News ... link (0 comments) ... comment About Huntington
19:05h //politique mon amour//
For most of his half-century-long career, Samuel Huntington, professor of government at Harvard, has made a point of telling the US ruling elite what it has most wanted to hear. During the Age of Eisenhower, he extolled "the military values [of] loyalty, duty, restraint, dedication" and argued that the United States had more to learn from "the disciplined order of West Point...than the garish individualism of Main Street." In the 1960s he assured America that time was on its side in Vietnam because "forced-draft urbanization and modernization"--i.e., the free use of napalm and defoliants--was emptying the countryside and depriving the Vietcong of its rural base of support. He called for a stronger presidency and a more disciplined Congress after Watergate and added for good measure that granting equal rights to African-Americans might be more than the American political system could bear. "There are...potentially desirable limits to the indefinite extension of political democracy" was how he put it in a 1975 report sponsored by the Trilateral Commission. During the early years of the Reagan Administration he warned that the United States faced "a major survivability gap" and urged the deployment of the MX and a Star Wars antimissile defense system to counter what he said was a growing Soviet threat.
Diversity and Its Discontents; Daniel Lazare, The Nation ... link (0 comments) ... comment Was wäre eine gute Übersetzung für Armchair Warrior?
19:04h //politique mon amour//
The seventy-third hexagram of the I Ching is interpreted as follows: “Two towers fall. When smoke fills the people’s eyes, they can be led anywhere.”
Bushido: The Way of the Armchair Warrior; Evan Eisenberg, The New Yorker ... link (0 comments) ... comment Der Kommunismus ist ein scheintoter Hund
19:03h //public service announcements//
Marcus Hammerschmitt auf telepolis über die Antideutschen, die Krisis-Gruppe und was von Marx noch zu retten ist.
... link (0 comments) ... comment War die Demokratisierung des Irak überhaupt jemals eine gute Idee?
19:00h //public service announcements//
Kevin Drum erinnert daran, dass es selbst mit allem guten Willen und den entsprechenden Fähigkeiten nicht möglich wäre, eine erfolgreiche demokratische Intervention im Irak durchzuziehen. Einfach weil die dafür benötigten Ressourcen (gemeint ist damit hauptsächlich die Anzahl der zur Verfügung stehenden Soldaten) nicht da sind und selbst mit einer wirklich großen Mobilisierung (darunter auch die Wiedereinführung der Wehrpflicht) das Problem bestehen bleibt, den Rest der Welt davon zu überzeugen, dass es eine gute Idee ist, eine gute halbe Million Soldaten aus zumindest einem Staat, der sich explizit als christlich betratchet, im Irak zu haben.
... link (0 comments) ... comment Das Ende aller Widersprüche
18:12h //wenn das marxismus ist ...//
Frage an Radio Eriwan: Was wird im vollendeten Kommunismus aus Russells Barbier von Sevilla?
Antwort: In der klassenlosen Gesellschaft rasiert sich jeder selbst! ... link (0 comments) ... comment Welche Sprachen braucht ein Philosophiestudent?
18:10h //philosophie//
Brian Leiter versucht, die Frage zu beantworten, welche Sprachen ein Philosophiestudent am ehesten brauchen könnte und auf seiner Liste zu oberst steht - wenig überraschend für einen Nietzscheaner - Deutsch. Interessant ist, dass im Rahmen der Diskussion sämtliche Sprachen vorkommen, die ich mir vorgenommen habe bis zu einem ausreichenden Niveau zu lernen, sowie einige derjenigen, bei denen ich es mir zumindest überlegt habe: Französisch, Latein, Griechisch, Arabisch, Hebräisch, Sanskrit, Farsi, Chinesisch (wahrscheinlich Mandarin) - wobei ich mich keinerlei Illusionen hingebe, diese Liste jemals vollständig abhaken zu können. Herausgestrichen wird zusätzlich die zunehmende Rolle von Italienisch (besonders auf dem Gebiet der Rechtstheorie), die mich ein wenig überrascht hat. Auf der anderen Seite aber fällt mir auf der Stelle eine gute Hand voll Italiener ein ...
... link (0 comments) ... comment Handbuch des politischen Kampfes - Kapitel 1
18:04h //handbuecher//
Belle Waring macht vor, wie man mit den Rechten umzuspringen hat:
We face scheming murderers with calm defiance. ... link (0 comments) ... comment back issues: 08.03.2004: "Widerständisches"
18:03h //vom vorigen blog//
Am Freitag (23. Jänner 2004, also schon vor einer ganzen Weile) war zum letzten Mal die Lehrveranstaltung "Probleme der marxistischen Theorie und Praxis" und wie versprochen wurde die Diskussion über den Irak nachgeholt. Abermals war die Rede von einem zweiten Vietnam, diesmal stellte ich dagegen, dass das wahrscheinlich nichts wünschenswertes bringen würde; Antwort: nichts wünschenswertes aus westlicher Perspektive (womit - nehme ich an - nicht die Perspektive eines durchschnittlichen Bewohners der westlichen Sphäre gemeint war, auch nicht die Perspektive einer westlichen Demokratietheorie, sondern die Perspektive der vermuteten Interessen der westlichen Staaten, d.h. ein erfolgreicher Widerstand wäre schlecht für den Imperialismus, den ja "der Westen" verfolgt). Mein Einwand war, dass es wohl auch aus irakischer Perspektive nichts gutes sei, sollten die Theokraten ans Ruder kommen, und das sei der wahrscheinlichste Ausgang. Replik: Es sei also Aufgabe der westlichen Linken, den Widerstand zu demokratisieren ...
[Selbst wenn man das ernst nimmt, stellt sich die Frage, wer denn dieser Widerstand ist und ob es nicht hauptsächlich theokratische, autoritäre und frauenfeindliche Elemente sind; und was soll demokratisiert werden, die Bewegung oder die Ziele? Etwas unfairer formuliert: den Dschihad demokratisieren?] Später: Der Lehrveranstaltungsleiter stellte die Frage, ob es nicht aus der Sicht eines Demokraten offensichtlich sei, dass man sofort Wahlen abhalten, die Macht an die so gewählte Regierung übergeben und abziehen sollte. Es wird Zeit, ein zu Recht geächtetes Wort zu verwenden: Formalismus. Zu denken, Demokratie sei ein fester Zustand, der gegeben ist, wenn freie, gleiche, geheime und direkte Wahlen einer nationalen Gesetzgebung vorhanden sind, wäre bloßer Formalismus; noch dazu wäre das ein solcher, den man vom bösen Satan persönlich, der US-Regierung, übernommen hätte. Das mit dem bösen F-Wort habe ich nicht gesagt (das ist mir dann erst auf der Heimfahrt eingefallen), aber zu dem Allgemeinplatz, dass Demokratie ein Prozess ist, habe ich mich hinreißen lassen. Wenn ein Student an einem Professor etwas auszusetzen hat und meint, dieser müsse seine(n) [wasauchimmer] auffrischen oder habe überhaupt nicht verstanden, worum es dabei ginge und besagter Student das in aller Öffentlichkeit tut, wird er meistens schnell eines besseren belehrt und steht als das da, was er immer noch ist: jemand, der noch viel zu lernen hat. Dennoch bin ich einigermaßen verwundert, bei einem Universitätsphilosophen (und einem Marxisten noch dazu) ein so oberflächliches Verständnis von Demokratie zu finden. Kaum verwunderlich, dass meine Behauptung, Demokratie könne es auch ohne eine (frei, gleich, geheim und direkt) gewählte nationale Gesetzgebung geben, mit Hohn und Spott überschüttet wurde. Ein Gedankenexperiment: Sowohl der National- als auch der Bundes-rat werden aufgelöst. Ersterer wird neubesetzt durch für jeweils 10 Jahre vom Bundespräsidenten ernannte "Abgeordnete"; diese wären wie jetzt von den Parteien gestellt, die jeweilige Stärke der Fraktionen wäre bestimmt durch die Mitgliederzahl der Parteien. Zweiterer wird besetzt von Vertretern der gesellschaftlichen Akteure (Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Arbeitslose, Universitäten, ...), gewählt von den Angehörigen besagter Akteure. Sonst würde sich nichts ändern. Es gäbe weiterhin Volksvertreter, die allerdings ernannt wären; gewählt würden die "Standesvertreter", diese allerdings nicht allgemein. Weiters gäbe es einen Bundespräsidenten, der wiederum keine gesetzgebenden Befugnisse hat. Trotzdem, denke ich, würden die wenigsten zögern, einen solchen Zustand demokratisch zu nennen. Denn Partizipationsmöglichkeiten gäbe es immer noch genug, nämlich in den Standesvertretungen und den Parteien und ohnehin allgemein im öffentlichen Raum. Selbstverständlich hieße das, die auf der französischen Revolution fußende kontinentaleuropäische Staatsidee teilweise umzuschmeißen; ich möchte es auch nicht ernsthaft vorschlagen, nur die Frage aufwerfen, ob das nicht auch eine Staatsform wäre, die man demokratisch nennen könnte. Möglicherweise habe ich eine falsche Meinung des Lehrveranstaltungsleiters, ich habe ihn falsch verstanden, oder er hatte in der kurzen Zeit nicht ausreichend Gelegenheit, seine Vorstellungen einer Demokratie auszubreiten. Ich musste nämlich nach einer knappen Dreiviertelstunde zu meiner schriftlichen Lateinprüfung gehen und mich von der Diskussion verabschieden. Gesagt, warum ich jetzt gehe, habe ich nicht, weshalb einige vielleicht glaubten, mir wären die Argumente ausgegangen. Die möglicherweise bereits erwähnte Bekannte, die auch die Lehrveranstaltung besuchte, habe ich seitdem nicht mehr gesehen und es wird wohl noch eine Weile dauern, bis es wieder so weit ist, damit ich sie fragen kann, wie es weiter ging. Die Irakerin habe ich auch diesmal nicht gefragt, ob sie auf bereits beschriebener Konferenz war. Während der Diskussion betonte sie, wenig Informationen zu haben, diese aber aus Gesprächen mit Verwandten dort; überhaupt hatte ich den Eindruck, ihr Interesse sei (in Hinsicht auf das Politische) eher gering; umso stärker aber die Sorge um den Zustand des Landes, den die restlichen Teilnehmer vermissen ließen, da sie eher die Perspektive des Feldherrenhügels zu bevorzugen schienen und den Irak als weiteres Schlachtfeld in ihrem Kampf für was auch immer sie wirklich wollen (dem Titel der Lehrveranstaltung zufolge soll das Marxismus sein, aber da bin ich mir nicht so sicher) sehen. Um bei den Themen Irak und Marximus zu bleiben: Verdächtig abwesend (jedenfalls während meiner Anwesenheit) war die Irakische Kommunistische Partei. Am Rande wurde bemerkt, dass sie im Übergangsrat vertreten ist; daran ob und wenn ja wie schlecht ihr das ausgelegt wurde, kann ich mich leider nicht erinnern. Im betont "antiimperialistischen" Kontext der meisten Teilnehmer ist es aber durchaus denkbar, dass es ihr als Umfaller ausgelegt wurde. Denn es war für die meisten offensichtlich, dass die amerikanische Besatzung nur schlecht ist und dass sich eine Entwicklung nach vorne nur abspielen kann, wenn das Recht auf nationale Selbstbestimmung gewahrt ist. Das ist Unsinn und es ist recht erstaunlich, auch sehr traurig, dass diese Leute kein Problem haben, einen nationalistischen Diskurs zu führen und für Kollektivsubjekte Rechte einzufordern, unabhängig von der inneren Verfassung (oder überhaupt der Existenz) dieser Kollektivsubjekte. Ein Land (das gleichgesetzt wird mit einer Nation) muss souverän sein, egal, ob es demokratisch regiert wird und/oder die Grundrechte seiner Bürger achtet, scheint ihre Maxime zu sein; wo die Nation herkommt, wie sie zu Staat und Gesellschaft steht, ob "Fremdherrschaft" nicht auch Vorteile haben kann, das wird ausgeklammert. Diese Geisteshaltung ist alt und sie kommt (wie so vieles anderes) aus der Zeit der Französischen Revolution, genauer gesagt aus den Napoleonischen Kriegen. Genaueres irgendwann später. Jetzt zurück zu den irakischen Kommunisten: In den Reihen der Trotzkisten ist die IKP (wenig überraschend) "stalinistisch" und eine Verräterin, was ohnehin ein und dasselbe ist. Iraqi Communist Party joins Washington’s puppet administration in Baghdad Hier gibt es auch eine mögliche Antwort auf die Frage, warum ich, als ich von der Notwendigkeit einer bürgerlichen Revolution und Entwicklung sprach, indirekt als Stalinist bezeichnet wurde: The corollary of “Socialism in One Country” in backward capitalist countries was the so-called two-stage theory, which repudiated any independent political role for the working class. Like the Mensheviks that Lenin and Trotsky had opposed prior to the Russian Revolution, the Stalinists insisted that, in countries with a belated capitalist development, the tasks of the bourgeois revolution—national independence, democratic rights and land reform—would be carried out by the national bourgeoisie. With socialism relegated to the “second stage” in the distant future, the working class could do no more than provide support and assistance to the “progressive” wing of the capitalist class. Interessant ist hier (neben der Gleichsetzung der Menschewiken mit den Stalinisten), dass, obwohl im Absatz über dem zitierten der "Sozialismus in einem Land" - zu Recht - als "reactionary nationalist perspective" bezeichnet wird, immer wieder von der Notwendigkeit der "nationalen Befreiung" die Rede ist. Und um diese geht es auch jetzt im Irak, auf diese reduziert sich (wenn sich mal wieder die Gelegenheit bietet, irgendwo auf einen Befreiungszug aufzuspringen) der "Antiimperialismus", hinter diese treten alle anderen Ziele zurück; zur Erreichung dieser geht man Bündnisse mit den reaktionärsten Elementen der ganzen Region ein; wegen dieser finden auch Nazis Anknüpfungspunkte und werden als Bündnispartner auch akzeptiert. Diesen Eintrag schreibe ich seit etwas mehr als einem Monat und inzwischen hat sich die Situation ein wenig geändert. Dass der sogenannte Widerstand irgendetwas mit den hehren Zielen zu tun hat, die beschriebene Leute für sich reklamieren, lässt sich nach den letzten Anschlägen noch weniger behaupten, als zuvor. Trotzdem bleibt noch einiges zu der Thematik zu schreiben und ich werde mich bemühen, das in der nächsten Zeit auch zu tun. ... link (0 comments) ... comment back issues: 08.03.2004: "Montag, 1. März 2004"
18:02h //vom vorigen blog//
Geschichte der Philosophie in der Sowjetunion (Manfred Füllsack)
Langsam füllt sich der Hörsaal (in Wirklichkeit ein Kammerl, dessen türseitige Wand mit Schränken verkleidet ist); die Uhr gegenüber der Tafel (Plastik, Marke stilvoll vergoldet) steht still auf Punkt 4 Uhr. Die üblichen Verdächtigen haben sich eingefunden und warten gespannt auf den Beginn der Vorbesprechung. Wozu eine Vorbesprechung für eine Vorlesung, wurde gefragt. Aber jetzt herrscht Stille. Der Lehrveranstaltungsleiter kommt herein, stellt sich vor und beginnt, den Gegenstand der Vorlesung zu beschreiben: Trotz der Restriktionen sei die Philosophie der Sowjetunion keine "naive" gewesen, es wäre um reale Probleme gegangen und vorallem das Verhältnis Theorie-Praxis sei in der sowjetischen Philosophie auf das eingehendste untersucht worden. Weiters würde dieser Sachverhalt im philosophischen mainstream anders gesehen, weshalb sie wenig beackert würde (für die Grasser-Fraktion: das ist die Orchidee der Orchidee, wenn nicht gar die Orchidee der Orchidee der Orchidee, wie auch immer das aussehen würde), sich aber auch als Dissertationsthema anbiete - und womit man womöglich sogar Aufsehen erregen könnte. Der Vortragende merkt noch an, kein Marxist zu sein und nach diesen Ausführungen (und einigen kleinen Exkursen) gibt es die obligatorische Vorstellungsrunde. Gleich als erste stellt sich eine Sozioökonomin vor, die Runde geht weiter über ein bekanntes Gesicht aus der Marxismus-Lehrveranstaltung des letzten Semesters zu mir. Wie die meisten stellen ich mich als Philosoph im Hauptfach vor - füge aber hinzu, dass ich wohl im Herbst mit Volkswirtschaft anfangen werde - und bekunde mein generelles Interesse für das 20. Jahrhundert, und dass da der reale Sozialismus natürlich nicht fehlen darf; als Vorkenntnisse führe ich mein bisschen Marx an und ein paar Sozialdemokraten. Als ich noch hinzufüge, dass ich also von der anderen Seite bin, verändert sich der Gesichtsausdruck des Lehrveranstaltungsleiters noch mehr, als er es bei der Nennung der Sozialdemokraten schon tat. Was genau das zu bedeuten hat, wenn überhaupt, kann ich nicht herausfinden und bleibt mir rätselhaft. Insgesamt sind knappe zwanzig Leute anwesend, vielleicht fünfzehn. ... link (0 comments) ... comment back issues: 16.01.2004: "Die Woche"
18:01h //vom vorigen blog//
In bereits erwähnter Lehrveranstaltung am Montag bei Prof. Fischer ging es u.a. um den katholischen Antisemitismus. Bei der bloßen Erwähnung des Wortes sah sich ein Teilnehmer der Lehrveranstaltung verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass ja ein katholischer oder grundsätzlich ein christlicher Antisemitismus ebenso wie ein solcher Antijudaismus ja in völligem Gegensatz zu der Entstehungsgeschichte des Christentums stünde, also quasi ein Widerspruch in sich sei, denn: ohne Judentum kein Christentum. Auch der politische Einfluss des Katholizismus hätte erst seit der Gegenreformation überhaupt entwickelt, denn Religion hätte ja nun wirklich nichts mit Politik zu tun. Ich war so erstaunt über die Anhäufung von apologetischem Unsinn, dass ich halbwegs ruhig und sachlich geantwortet, mich jedoch unabsichtlich mit einem großen Teil der präsentierten Argumentation einverstanden erklärt habe, da mir spontan nur eine handvoll Kritikpunkte eingefallen sind. Ich meinte, eine knapp zwei Jahrtausende währende antisemitische Praxis ließe sich nicht mit der Behauptung eines Widerspruchs zur ursprünglichen Lehre vom Tisch wischen, vergaß aber zu sagen, dass trotz aller Verflechtungen das Judentum mit dem Christentum nicht kompatibel ist; es ist und bleibt für einen ernsthaften Christen einerseits die Konkurrenz, andererseits die Ansammlung Ungläubiger, die Jesus nicht als Messias und die Erlösung für eingetreten anerkennen will (ganz abgesehen von der üblichen Walze von wegen "die Juden haben unseren Messias getötet"). Weiters meinte ich, die politische Kontamination des Christentums sei spätestens zu dem Zeitpunkt eingetreten, als es zur Staatsreligion des römischen Reiches wurde, vergaß aber hier zu argumentieren, dass die etablierte Religion von Beginn der menschlichen Zivilisation an so gut wie immer mit der politischen Macht verflochten war, sei es im alten Babylonien, in Ägypten, im Palästina der römischen Besatzung, in Rom selbst, ... bis in die heutige Zeit; auch der Gedanke, Religion könnte eine reine Privatsache oder zumindest eine private Vereinsaktivität sein, ist etwas merkwürdig, macht sie doch üblicherweise den ihr Anhängenden sehr konkrete Vorschriften über das Verhalten anderen Menschen gegenüber, was sie auf jeden Fall zumindest zu einem gesellschaftlichen Akteur macht (selbst unter Abwesenheit einer kirchlichen Organisation).
In ebenfalls bereits erwähnter Übung "Probleme der marxistischen Theorie und Praxis" heute Freitag wurde ein Referat über Lenins Imperialismustheorie und ihre mögliche Anwendung auf den Irak gehalten, an und für sich nichts besonderes für eine solche Lehrveranstaltung. Jedoch: das Referat sollte bereits vor Weihnachten gehalten werden, musste aber verschoben werden, da die Referentin, laut Auskunft des Lehrveranstaltungsleiters, eine Konferenz in Kairo besuchte; daraus schloss ich, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um diese Konfernz handelte. Über die in der jungle world 53/2003 zu lesen war: "Bezeichnend für die gesamte Ausrichtung der Kairoer Konferenz ist vor allem das Papier des eingangs erwähnten Libanesen Kamil Dagher, der seine aufrichtige Verachtung für Saddam Hussein und scharfe Kritik am antidemokratischen Charakter der übrigen arabischen Regimes mit einem geradezu steinzeitlich kruden Antiimperialismus und Antizionsmus verbindet. Neben den üblichen Boykottforderungen verlangt er gleich noch die Rückführung aller arabischen Juden in ihre Herkunftsländer. Wie viele andere Konferenzteilnehmer verdammt er die Beteiligung der irakischen KP am Regierungsrat und fordert sie zum Sturz der gegenwärtigen Führung auf, damit die KP dann ihren gebührenden Platz in »den Frontlinien des Widerstands gegen die Besatzung« einnehmen kann. Auch die Arbeiterkommunistische Partei des Irak (AKPI) wird aufgefordert, ihre bisherige Weigerung aufzugeben, sich dem »militärischen Widerstand« anzuschließen (Jungle World, 51/03). Die linken und rechten Antiimperialisten Europas mit ihrer Kampagne »Zehn Euro für den irakischen Widerstand« werden solche Signale aus Kairo gern vernehmen." Ich machte mich bereits auf alles mögliche gefasst, aber das Referat selbst war dann, wie eingangs erwähnt die Vorstellung von Lenins Imperialismustheorie und einige recht allgemeine Worte zum Irak. In der üblicherweise den Referaten folgenden Diskussion wollte ich dann, im Zusammenhang mit der Bewertung der Situation im Irak von Seiten der Referentin diese Konferenz zur Sprache bringen und fragen, ob sie teilgenommen hat und falls sie dies bejaht hätte, um Näheres gebeten. Tatsächlich stellte ich auch die erste Frage, wollte aber nur wissen, ob Lenin denn überhaupt keine alternative Entwicklung in seiner Theorie vorgesehen hatte. Daraufhin entwickelte sich die Diskussion entlang dieser Fragestellung, bis sie von einer tagespolitischen Dringlichkeit unterbrochen wurde. Der Lehrveranstaltungsleiter wollte aber, ebenso wie ich, das Thema nicht Irak nicht auslassen, also wird die Diskussion nächsten Freitag nachgeholt; leider kann ich da nur die Hälfte der Zeit anwesend sein, aber immerhin. Die tagespolitische Dringlichkeit war die Besetzung einzelner Räume der Universität Wien durch Studenten. Ein Teilnehmer schlug mit erregter Stimme vor, die Lehrveranstaltung in den besetzten Sitzungssaal zu verlegen. Auch daraus entwickelte sich eine Diskussion, in deren Verlauf einige der zahlreichen Mängel dieser Aktion recht unverblümt zur Sprache kamen, sodass besagter Teilnehmer mit deutlich weniger Enthusiasmus als zu Anfang den Hörsaal verließ und sich alleine zum Sitzungssaal aufmachte. Vorallem wurde bemängelt, dass die Aktion offensichtlich nicht durchgeplant worden war, was allerdings auch als Vorteil dargestellt wurde. Ich selbst sagte nichts, hätte aber einiges sagen sollen: Es wurden hier die Grundregeln politischen Handelns missachtet: Am Anfang hätte eine genau Analyse stehen müssen; es hätte geklärt werden müssen, wer in der ganzen Affäre tatsächlich die handelnden Akteure, welches ihre Interessen und welches die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel sind; die bisherigen Ereignisse hätten ebenso rekapituliert werden müssen, wie das, was man dem entgegenzusetzen hatte. In diesen Kontext hätte dann die aktuelle Maßnahme gestellt werden müssen, um konkret die Frage zu beantworten, wer für sie mit welchen Absichten verantwortlich zeichnet. Nach der Klärung der eigenen Position und der durchzusetzenden Maßnahmen hätte sich daraus halbwegs klar ergeben, welche Forderungen an wen zu stellen gewesen wären und vorallem in welcher Weise man diese, unter Berücksichtigung der eigenen Stellung innerhalb sowohl des Prozesses als auch der Geselllschaft insgesamt, durchsetzen hätte können. Ausformuliert: Man hätte sich die bisherigen Reformvorgänge dahingehend ansehen müssen, wie sich die Machtverteilung geändert hat, entschieden, ob man jetzt gegen Unterrichtsministerin Gehrer, das neue Universitätsgesetz, Rektor Winckler oder den Organisationsplan für die Uni Wien ist. Man hätte zu dem Schluss kommen können, der erfolgversprechendste Weg wäre der einer Orientierung am Rektor und seinen Plänen zur autoritären Umgestaltung der Universität. Danach wäre es darum gegangen zu klären, wie man auf die Entscheidungen des Rektors Einfluss nimmt und hätte, da einem dazu die institutionelle Macht fehlt, zu anderen Maßnahmen gegriffen, Druck auszuüben, sich darauf konzentriert, den Rektor und sein Alliierten zu blamieren und für dessen Chefin untragbar werden zu lassen. Bei all dem hätte man im Hinterkopf behalten, dass Studenten in der österreichischen Gesellschaft einen schweren Stand haben und mit Anliegen irgendwelcher Art in der Mehrzahl negative Reaktionen auslösen, wenn überhaupt. Insofern ist - leider - auch der gestrige und heutige Protest ein Fortschritt gegenüber bisherigen Aktionen, von denen nicht einmal berichtet wurde; beispielsweise der sogenannte Streik gegen die Einführung der Studiengebühren, von dem die große Mehrheit der Bevölkerung nicht mitbekommen hat, dass es ihn überhaupt gegeben hat. Die Besetzung ist mittlerweile zu Ende gegangen, der Rektor hat zum Gespräch geladen; die Studentenvertreter meinen, der Organisationsplan müsse zurückgezogen werden und behalten sich weitere Maßnahmen vor. Mal sehen. ... link (0 comments) ... comment back issues: 14.12.2003: "Positive Ansätze in der Richtung, revisited"
18:00h //vom vorigen blog//
Über Claus von der linkskurve ein Link zu einem Artikel auf x-berg.de. Die üblichen Verdächtigen sind vertreten: die Zeitung "Junge Welt" und die AIK. Über beide gibt es viel zu sagen und später werde ich das auch tun. Vorerst - und um den Anschluss an den vorherigen Eintrag herzustellen - genügt es zu sagen, dass letztere österreichisch ist, ebenso wie das Scharnier zwischen beiden, ein gewisser Werner Pirker, über den auch noch viel zu schreiben ist.
Konkret aber: Es geht um einen Bericht des deutschen Fernsehmagazins Panorama, in dem über die Aktion "10 Euro für den irakischen Widerstand" berichtet wurde. Diese läuft seit Mitte August (habe ich leider nicht ganz mitbekommen) und mit dem "irakischen Widerstand" ist dabei genau das gemeint, was der Typ aus dem vorigen Eintrag mit seinen "positiven Ansätzen" gemeint hat, nämlich die massenhafte Ermordung von Koalitionssoldaten - hauptsächlich natürlich aber der amerikanischen - und anderen Angehörigen westlicher Staaten, mit dem Ziel ... welchem Ziel eigentlich? Wie soll es danach im Irak weitergehen? Ganz einfach: wenn erst einmal die USA weg sind, steht - das ist theoretisch abgesichert - einer neuen freien, tollen Gesellschaftsordnung nichts mehr im Weg, denn dem "linken Flügel der Baath-Partei", den religiösen und den "arabisch-nationalistischen" Parteien (so wird die Zusammensetzung der unterstützten "patriotischen Front" beschrieben) liegt evident nichts mehr am Herzen als das. Interessant, aber ziemlich vorhersagbar wird die Reaktion auf die Gefangennahme Saddams sein. Man wird Lobeshymnen auf ihn als den Größten Antiimperialisten Aller Zeiten singen, ganz laut (sodass man es bis nach Nürnberg hört) "Siegerjustiz!" rufen, zum x-ten Mal seine Terrorherrschaft auf die gleiche Stufe mit den umgebenden Staaten stellen, darüber wie immer als "Apartheidstaat" Israel und ganz oben natürlich den "Feind der Völker" selbst, die USA. Weiters wird der Irak unter Saddam zu einem friedlichen, säkularen, prosperierenden Paradies stilisiert werden, dessen einzige Fehler direkt auf den Westen zurückgeführt werden können. Der Überfall auf Kuwait wird zu einem heroischen Akt des Widerstands gegen die US-amerikanisch diktierte Ordnung; Angriffskrieg wird das keiner sein, ganz anders natürlich als der Zweite Golfkrieg. Und der Dritte ist natürlich sowieso nur noch Ausgeburt der Hölle. ... link (0 comments) ... comment back issues: 20.12.2003: "Die Irrtümer des Rudolf Burger"
18:00h //vom vorigen blog//
Am Montag hätte in einer Lehrveranstaltung mit dem Titel "Auschwitz" ein Herr Rudolf Burger erscheinen können, um über die Frage zu reden, ob man die Judenvernichtung vergessen soll. Der Lehrveranstaltungsleiter hatte ihn eigentlich für den 1. Dezember eingeladen; Burger hatte auch zugesagt, kam dann aber nicht. Die Hoffnung war, dass es gelingen könnte, ihn doch noch heranzuschaffen.
Besagter Herr Burger war nämlich in einem Artikel in der Ausgabe 2/2001 der Zeitschrift "Europäische Rundschau" eine Provokation ersten Ranges gelungen. Das Versprechen des Titels "Die Irrtümer der Gedenkpolitik. Ein Plädoyer für das Vergessen" löste er ein. Eingeleitet von einem veränderten Zitat aus Michel Foucaults "Sexualität und Wahrheit", behauptet er, die Rede von der Verdrängung der Vergangenheit sei ausschließlich auf Sigmund Freuds Konzept der Verdrängung gegründet, und da eine Gesellschaft kein Bewusstsein (und damit auch kein Unterbewusstsein) hat und Psychoanalyse von vorne bis hinten unwissenschaftlich ist, existiert eine wie immer geartete Verdrängung der Vergangenheit nicht; zugleich mit dem (unglücklich gewählten) Begriff schafft Burger die (trotzdem vorhandene) von dem Begriff bezeichnete Realität ab. Es ist zwar richtig, dass man nicht nicht von der "Nazizeit" gesprochen hat. Wichtig ist aber in dem Zusammenhang, was nicht gesagt wurde. Offiziell war hieß es, Österreich sei erstes Opfer Hitlers gewesen. Für die überwiegende Zahl der österreichischen Politiker - die gerade aus dem Exil oder dem KZ zurückgekommen waren - stimmte das. Für die überwiegende Zahl der Bevölkerung war es eine Position hinter der man es sich bequem machen konnte, von der eigenen Unschuld und Hilflosigkeit und der Brutalität der Nazis sprechen konnte; aber wenn man genauer zuhörte, war immer auch die Rede von den Leistungen, von der Ordnung, die wieder einmal jemand geschaffen hat, dass es schon richtig war, dass manche im Lager gelandet sind, dass jemand etwas gegen die Juden unternommen hat, es den frechen Franzosen, Briten, Amis, Polen, ... gezeigt, uns gegen ihre Angriffe, und vorallem gegen die Russen, verteidigt hat, usw. Ein Beispiel dafür sind die in einem Artikel auf news.orf.at zitierten "Ausrutscher" in der Politik der Zweiten Republik: Im Wahlkampf 1949 kämpfte der Ex-KZ-Häftling und steirische ÖVP-Chef Alfons Gorbach (ÖVP), der später auch Bundeskanzler wurde, unter anderem mit folgendem Statement um Wählerstimmen. "Da mögen die Herren Emigranten noch so viel Moralinsäure verspritzen: Jene, die draußen (an der Front) ihren Mann gestanden haben, wissen besser, was anständig ist, als jene, die sich beim ersten Kräuseln des Ozeans in Übersee in Sicherheit gebracht haben. Ich spreche den Emigranten das Recht ab, in der NS-Frage mitzureden." 1975 erklärte der damalige Kärntner SPÖ-Landeshauptmann Leopold Wagner, er sei zwar "kein Napola-Zögling" (Eliteschule der Nazis), dafür aber "hochgradiger Hitlerjunge" gewesen. Der burgenländische SPÖ-Landeshauptmann Theodor Kery bestritt seine Wahlkämpfe ebenfalls mit Verweis auf seine braune Vergangenheit. Um noch klarer zu machen, was er von denen hält, die das Erinnern an diese "Wohltaten" einfordern, unterstellt er ihnen die Propagierung einer "Kollektivschuldthese", deren Basis Carl Gustav Jung geliefert hätte, der ja immerhin ein Nazi gewesen sei. Er stellt die Mahner in dasselbe völkische Eck wie die Täter. Da also die vermehrte Beschäftigung mit dem Themenkreis nicht die "Wiederkehr des Verdrängten" sein kann, weil nichts verdrängt wurde, steht das ganze im Zusammenhang mit der Kulturindustrie, das Gedenken ist "moralische Erpressung". Das Vergessen "um des lieben Friedens willen" hingegen wäre ein Akt höchster Pietät und Zivilisation. Für Burger gibt es keinen Beweis, dass das Gedenken an Untaten irgendetwas positives bewirkt hätte. Für ihn ist das Gegenteil wahr: "Umgekehrt galt in der gesamten europäischen Zivilisationgeschichte die Maxime 'Niemals Vergessen!' nicht als Mahnung, eingedenk des vergangenen Schreckens seine Wiederholung zu verhindern, sondern als militante Kollektivverpflichtung, unter günstigeren Bedingungen wieder zu mobilisieren; nicht als Friedensformel, sondern als Kampfparole". Aha! Hinter der Parole "Nie wieder!" steckt also die verhüllte Absicht, bei nächstbester Gelegenheit aufs Neue zu versuchen, die Juden, rassisch minderwertige sowie Roma und Sinti zu vernichten! Eine Absicht, die einzig und allein Rudolf Burger durchschaut hat; jeder andere Mensch könnte glauben, hinter der Erinnerung an den Nationalsozialismus würde tatsächlich die Absicht stehen, dass sowas nie wieder vorkommt. Als Beweis dafür, dass Vergessen zivilisert, führt Burger an, dass es immer wieder praktiziert worden ist und man erst im 20. Jahrhundert begonnen hat, diese Praxis zu ändern. Er impliziert, dass die Katastrophen dieses Jahrhunderts genau hier ihrem Ursprungspunkt haben. Die Frage ist aber: Was hat das Vergessen gebracht? Ist die europäische Geschichte denn nicht eine Aneinanderreihung von Greueltaten? Hatte eine Politik des Vergessens (so es sie überhaupt gegeben hat) eine bessere Wirkung als eine Politik des Erinnerns? Das sind Fragen, denen sich Rudolf Burger verweigert. Er ignoriert die Debatte, die über das historische Gedenken im Gange ist. Es ist ihm "pietätvoller", wenn er davon nichts mitbekommen muss. Weitere Meinungen: Verächter des Erinnerns Martin Meyer, Neue Zücher Zeitung, 16. Juni 2001 Vom "Kampf um die Erinnerung" zur Inszenierung eines Medien-Hype Zur Verortung der "Burger-Debatte" im "österreichischen Gedächtnis", Heidemarie Uhl, context xxi Nationaler Schulterschluss gegen die Erinnerung Über Aktualität und politische Opportunität von Burgers Philosophie des Vergessens, Alexander Pollak/Heribert Schiedel, context xxi Beifall von Rechts Krause Theorien Rudolf Burger und die jüdische Weltverschwörung, Karl Pfeifer, hagalil.com, 12. März 2003 'Schwamm drüber' läuft nicht Warum eine Amnestie für Hitler & Österreich kaum zu bekommen sein wird, Siegfried Mattl, science.orf.at Ein "dummdreister" Philosoph... register. Mailing List für deutschsprachige Philosophie Abstraktionen des Denkens Stefan Nowotny, Kulturrisse 0401 Brutalphraseologie und Kühle des Denkens Zu ideologischer Verblödung durch Provokanzsucht: Interview mit Slavoj Zizek betreffend, Burgart Schmidt, Kulturrisse 0401 Debatten im Nationalrat, in denen sein Name genannt wird langeweilend gelangweilt Camp Catatonia Des Kanzlers Musketiere Österreichs Medienintellektuelle werden zum Ritter geschlagen statt getortet, Gerald Raunig, kunst|fehler online sep/okt 00 Unterirdische Erinnerung Peter Gstettner, Die Brücke, Oktober 2001 Süßstoffland ist abgebrannt. Österreich im Zeitalter des Zuckers Eine Replik auf Slavoj Zizek, Gerald Raunig, European Institute for Progressive Cultural Policies Apologie der Erstarrung Klaus Neundlinger, grundrisse 1 Bartoszewski-Rüffel für Rudolf Burger Die Presse, 03. September 2001 Weiters: "Ein babylonischer Krieg" Nachdruck eines Interviews mit der schweizer Zeitschrift "Das Magazin" in der Tageszeitung "Die Presse", 08. März 2003 "Das ist nicht mein Krieg" Interview mit der Tageszeitung "Die Presse", 13. Juni 2002 Vergessen oder erinnern: Warum heute noch von Auschwitz reden? Die Sendung Kreuz & Quer des ORF, Dienstag 6. 11. 2001, 23.05 Uhr in ORF 2; Teilnehmer: Rudolf Burger, Philosoph, Wien; Dan Diner, Historiker, Tel Aviv; Jörn Rüsen, Philosoph, Essen; Eva Menasse, Journalistin, Wien; mit Videostreams und Diskussionsforum (scheinen nicht zu funktionieren) ... link (0 comments) ... comment back issues: 13.12.2003: "Erster Eintrag"
17:53h //vom vorigen blog//
Die ersten zwei Versuche (ausgestreckt über inzwischen mehr als zwei Jahre) sind grandios gescheitert; dermaßen, dass eine Archivierung zwecks Dokumentation unnötig erscheint. Der Grund dafür, dass es jetzt von neuem sein muss, ist wie immer politisch.
Heute auf der Uni: Übung "Probleme der marxistischen Theorie und Praxis"; es geht um den Irak; Bemerkung des Lehrveranstaltungsleiters, die Situation im Irak unterscheide sich von derjenigen damals in Vietnam. Antwort: "... aber es gibt positive Ansätze in die Richtung." Die Aussage bleibt nicht die einzige derartige. Immer wieder ist vom Widerstand die Rede. Dass der sein müsste, ist nicht einmal zu begründen; was passiert, wenn die Koalition scheitert, scheint egal, Hauptsache, das Imperium blutet. Am Anfang möchte ich noch alles mögliche einwerfen, provokante Fragen stellen, diese gefühllosen Sofarevolutionäre fragen, was sie sich davon erhoffen, aber (so meine Ausrede) ich bin zu müde und sinke immer weiter in mich zusammen. Später, als die ganze Geschichte immer abstruser wird, wache ich noch kurz auf, um den Universalismus (speziell der Menschenrechte und ihrer Durchsetzung) zu verteidigen, gegen die (mir verhasste) nationale Selbstbestimmung. Ich mache den Kollegen darauf aufmerksam, dass, wenn er den Universalismus aufgibt zugunsten einen kulturellen Relativismus, er sich vom Boden der Aufklärung entfernt. Er räumt freimütig ein, dass es so ist; trotzdem schafft er es, dass am Ende der Aufklärer ist und ich als der verknöcherte Ideologe und wahre Feind der Aufklärung dastehe. Nicht genug, dass ich meine Positionen nicht argumentieren kann und ich mir meine Aussagen im Munde umdrehen lasse, geschieht dasselbe auch mit solchen, die ich gar nicht getätigt habe. Wieder wird erfolgreich die bürgerliche Revolution mit Stalinismus gleichgesetzt (und mit ihr werde ich ein Stalinist) über die Rede vom stalinistischen Stufenmodell und wieder wird der direkte Gang zur sozialistischen Revolution gefordert, unter Hinweis, ein solcher sei bis jetzt noch nie erfolgt. Dass ich mich und meine Ansichten vor anderen Leuten blamiere, wäre gar nicht einmal so schlimm, wenn ich mich nicht vor mir selbst blamieren würde. Die ganze Zeit, als ich nicht auf der Uni war, wurde ich jedes Mal beim Gedanken an künftige Wortgefechte ganz kribbelig, wärmte mich an dem Gedanken, keinen Schritt von dem abzuweichen, was ich für richtig halten würde, immer den Mund aufzumachen, zu jedem Zeitpunkt bereit, noch ein Argument nachzuschieben, noch ein rhetorisches Manöver zu durchkreuzen. Ich dachte mir, ich würde mich bemühen müssen, stets einen kühlen Kopf zu bewahren und aufpassen, dass mir im linken Auge nicht eine Ader platzte. Stattdessen muss ich darauf schauen, dass mir die Schultern nicht zu weit herab sinken, dass mir das Gesicht nicht zu weit herunterfällt. Ich schäme mich und am meisten beschämt mich, dass es beim nächsten Mal nicht anders sein wird, dass es immer so sein wird. ... link (0 comments) ... comment ... older stories
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![]() Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 25 Jahre alt und ein kurzsichtiger, leseschwacher, besserwisserischer, aufmerksamkeitsdefizitärer, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter, unkonzentrierter Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Handy, Ziel im Leben, Job, eigene Wohnung, ...), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs, schlechter Verdauung und dem Wunsch, dem Kapitalismus ein Ende zu bereiten (der Sonnenkönig hängt dort oben wegen seines Gesichtsausdrucks und weil er mein erster und bisher bester Kanzler war - sollte sich aber ein gutes Photo finden, könnte er unter Umständen von Lenin ersetzt werden). Mein Lebensmotto ist 'wenn schon, denn schon', was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich sicher nicht weiter verwundert. Ich tue was ich hier tue schon 2022 Tage. Das letzte Mal hat es hier am 07.03.2010 um 22:27 irgendetwas neues gegeben. status
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