wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Sonntag, 17. Oktober 2004
I have no eyes and I must weep
Ich lese jetzt seit einer Woche intensiv Foucault und wundere mich, warum einige Leute (Agamben vor allem) sagen können, was sie sagen, während sie gleichzeitig behaupten, Foucault gelesen zu haben, oder ihn zumindest zitieren und somit implizieren, ihn gelesen zu haben.

Viel wichtiger aber ist folgendes: Ich habe einige Menschen getroffen, denen es nicht gelungen ist, sich von ihrem anerzogenen Glauben an Gott zu lösen, die trotz aller rationaler Durchdringungen und Befragungen ihres Glaubens nicht im Stande waren, nicht zu glauben und sogar den Wunsch verspürten, glauben zu können, die sich mit Leibniz' Zweigroschenthese von wegen dies hier sei die beste aller möglichen Welten theologisch über Wasser hielten und trotzdem nicht nicht glauben konnten.

Ich habe ein ähnliches Problem: Meine nicht ausdrücklich katholische Erziehung, die anderswo kaum Spuren hinterlassen hat, verunmöglicht es mir, Sex anders als in moralischen Kategorien zu fassen; obwohl ich mir - wegen Sozialismus und allem - nicht mehr gestatte, über anderer Leute Sexualleben ein Urteil zu fällen, und ich mich für alle diejenigen Situationen, in denen ich es getan habe, zutiefst schäme, kann ich meine eigene Sexualität nicht anders als in Antizipation einer heterosexuellen Normehe begreifen. Ich kann mir realistischerweise nichts anders vorstellen als Sex mit der Frau, mit der ich den Rest meines Lebens zusammenleben und Kinder haben und Sozialleistungen und Pension beziehen und neben der ich begraben sein werde. Unabhängig von den Erfolgsaussichten auf eine solche Beziehung halte ich dieses Verhältnis der Sexualität für nicht angemessen und für meinem Lebensglück hinderlich. Trotzdem kann ich mich von meinen Vorstellungen nicht befreien, ich kann das letzte sinnspendende Theologumenon nicht aufgeben, gleichwohl es an diesem Punkt auch keinen Unterschied mehr machen würde.

Das davon abgeleitete Problem sieht folgendermaßen aus: Es gibt einige Personen mit deren Hilfe ich hoffe, diesen Unsinn doch noch hinter mich bringen zu können. Das bedeutet aber, ich würde mich - im Falle des Falles - mit einer von ihnen nicht dem Sex hingeben, sondern sie zur Erreichung meiner Ziele gebrauchen, sie als Scharnier für meine persönliche sexuelle Revolutionierung heranziehen. Wenn ich mein sexualtherapeutisches Anliegen von vorne herein explizit machte, würde es wohl kaum zum Akt kommen; wenn ich meine über den unmittelbaren Akt hinausgehenden Zwecke verschwiege, würden mich danach Schuldgefühle plagen, die die ganze Übung für nichts sein ließen - ich würde vor lauter Schuld sicher wieder anfangen, mich für meine Erektionen zu schämen. Abgesehen davon, dass ich mich nie dazu bringen könnte, so etwas zu tun oder auch nur ernsthaft daran zu denken.

Eine Lösung bestünde darin, das Bedürfnis nach Sex eskalieren zu lassen, bis ich meine dahinterstehende Motivation vergessen und es einfach tun würde. Die Praxis zeigt aber, dass meine Zurückhaltung größer ist als meine Bedürfnisse, zumindest in normalen Situationen; Alkohol hilft hier nicht im geringsten, im Gegenteil hemmt er und hat eine stark sedierende Wirkung. Allerdings bestünde die Möglichkeit, die hemmenden Mechanismen über meinen Fetisch auszuschalten. Das habe ich noch nie probiert und zwar aus den selben Gründen, warum diese Methode auch nicht praktikabel ist: die geeigneten Frauen sind few and far between.

Jedenfalls aber zeigt sich an mir in letzter Zeit (vielleicht hängt das mit dem Sex zusammen) eine neue Empfindlichkeit gegenüber der Außenwelt, die langsam bedrohliche Ausmaße annimmt. An meinem linken Ellenbogen hat sich eine Blase gebildet, wie man sie normalerweise an den Füßen findet. Als ich mir ein Blasenpflaster auf die verletzte Stelle tat, dachte ich mir, als nächstes käme dann, dass ich mich an Papier schneiden würde. Vorhin war es dann tatsächlich der Fall, dass ich mich an Papier schnitt - etwas, das schon seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr vorgekommen ist und das damals überhaupt das erste Mal war - und es ist auch gar keine Kleinigkeit; es ist ein breiter und tiefer Schnitt an der Kuppe meines linken kleinen Fingers, der im Takt meines Herzschlags pulsiert und mich an meine neue, nunmehr über den Körper vermittelte, Empfindlichkeit erinnert. Mein Innenleben war schon früher von äußeren Einflüssen abgängig (Wetter, Schlaf, Ernährung allein unter den materiellen), aber die besondere Grausamkeit, gerade von dem mir bisher meistens wohlgesonnenen Papier verletzt zu werden, zu der von mir bevorzugten Tätigkeit des auf meinen Ellenbogen Herumsitzens nicht mehr ohne körperliche Schädigung im Stande zu sein, setzt einen weiteren Meilenstein in meiner Beziehung zur Welt. Ich hoffe sie ist wenigstens glücklich darüber.

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Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 28 Jahre alt und ein kurzsichtiger, wenig- und langsamlesender, aufmerksamkeits- und noch vielgestalt andersgestörter, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter und unkonzentrierter stummer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Ziel im Leben, eigene Wohnung, geregeltes oder sonstwie geartetes Geschlechtsleben, usw …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs und Stoffwechsel sowie dem starken Wunsch, Drängen und Verlangen, der bürgerlichen Gesellschaft doch noch ein Ende zu bereiten (warum dennoch der Sonnenkönig dort oben hängt, darf jeder für sich selbst ausknobeln). In Ermangelung eines besseren ist mein Lebensmotto ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Blog eigentlich will, aber ich schreibe es mit kleineren und größeren Unterbrechungen doch schon seit 2711 Tagen, und so lange es mich noch freut, wird weitergeschrieben. Das letzte Mal hat es hier am 11.12.2011 um 23:33 irgendetwas neues gegeben.
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Ich möchte mich an dieser Stelle ganz aufrichtig bei allen echten Science Fiction Autoren entschuldigen. Sie wissen schon wofür …
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