wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Mittwoch, 19. März 2008
Der Standard hat das (für eine bürgerlich-liberale Zeitung unerlässliche) Talent, noch aus der düstersten Schilderung des Kapitalismus ein Plädoyer für den Kapitalismus zu machen / Und was Kulturwissenschafter erst alles können ...

Ein Beispiel: [Josef Kirchengast, Gewalt, Geld, Sex: Der Markt regelt alles!?, Der Standard, 18. März 2008]

Jeder Markt, der an einem bestimmten Platz zu einer bestimmten Zeit entsteht und sich verändert, spiegelt die jeweilige gesellschaftliche Situation wider. Und da fließt alles hinein: soziales und kulturelles Umfeld, Geschichte, Wirtschaftsinteressen. Aber löst der Markt auch quasi von selbst alle Probleme, die er widerspiegelt? Und wenn, wie? Oder schafft er auch neue Probleme, die er dann selbst nicht mehr zu bewältigen vermag?

Diesen Fragen geht das EU-Forschungsprojekt "Networked Cultures" nach, an dem die Österreicher Helge Mooshammer und Peter Mörtenböck federführend arbeiten. Mitte April werden die Ergebnisse in Buchform unter demselben Titel erscheinen. Mooshammer ist Architekt, lebt seit zehn Jahren in London und ist derzeit Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien im Rahmen des Forschungsschwerpunktes "Die kulturellen Paradoxien der Gobalisierung". Mörtenböck ist Universitätsprofessor für Visuelle Kultur an der TU Wien.

[...]

Der Raum Brcko war wegen seiner strategischen Lage an einer wichtigen Nord-Süd-Route besonders umkämpft zwischen serbischen, kroatischen und bosnisch-muslimischen Einheiten. Nach dem Friedensschluss von Dayton 1995 wurde am Schnittpunkt der drei ethnischen Gruppen ein Checkpoint der internationalen Friedenstruppe eingerichtet. Das dort stationierte US-Kontingent nannte ihn entsprechend seinem Gebietscode Arizona.

Wegen der räumlichen Nähe der drei Siedlungsgebiete wurde der Checkpoint schnell zum Treffpunkt und Umschlagplatz für Waren und Nachrichten. Um ein Signal für interethnische Versöhnung zu setzen, errichtete die lokale Kommandantur 1996 eine Freihandelszone. Daraufhin begannen sich Händler mit ihren Familien anzusiedeln - Beginn eines "selbstorganisierten Urbanisierungsprozesses" (Mooshammer).

Aber die hoffnungsvollen Ansätze entwickelten sich in eine Richtung, die von der internationalen Gemeinschaft so unerwünscht wie mitverschuldet war: Das wahre Geschäft wurde schon bald mit Prostitution und Menschenhandel gemacht. Den Markt dafür lieferten die 30.000 Mann der Bosnien-Friedenstruppe großteils selbst. Nach Schätzungen wurden bis 2001 zwischen 5000 und 20.000 Frauen durch den Raum Brcko geschleust.

Der darauf folgende Satz ist sehr merkwürdig: Dass der Markt dieses Problem auf eine mit Menschenrechten und Menschenwürde vereinbare Art lösen würde, war auszuschließen. - Ich weiß ehrlich nicht, was das heißen soll. Denkt Herr Kirchengast, dass es Situationen gibt, in denen profitorientierte Unternehmen von sich aus von unmoralischen und/oder ungesetzlichen Handlungen, die den Kern ihres Geschäftes ausmachen, Abstand nehmen und sich damit quasi selbst abschaffen würden? Oder hofft Herr Kirchengast auf eine mit Menschenrechten und Menschenwürde vereinbare Art von organisierter Kriminalität? So oder so, die Lösung war einfach: die "Internationale Gemeinschaft" (von der Bosnien de facto regiert wird), hat den Markt abreißen lassen und Bau und Betrieb eines neuen Marktes in die Hände eines mysteriösen und undurchsichtigen "Konsortiums" gelegt, das (wollen wir wetten?) wohl eine Tarnfirma irgendeiner Mafia ist. Schlimme Sache, aber in Wirklichkeit das Beste wo gibt, denn in Russland ist alles viel schlimmer:

Andererseits wird die stabilisierende Kombination von Konsortium und internationaler Oberaufsicht, unter der der Brcko-Distrikt nach wie vor steht, im Vergleich zum Moskauer Ismailowo-Markt deutlich: Denn dort, so Mooshammer, "werden Streitfälle mit Gewalt ausgetragen."

Alles klar? Konsortium (= Mafia) plus internationale Oberaufsicht (= Besatzung) ist immer noch besser als in Russland, wo Streitfälle mit Gewalt ausgetragen werden //Ist damit die Mafia gemeint, oder der Staat, oder beide?//. Auf die Idee, dass der Unterschied zwischen der Gewalt eines Besatzungsregimes, das durch Rechtsmittel neue Eigentumsverhältnisse herstellt, und dem organisierten Verbrechen oder dem Staat (oder dem Staat, der die vorherrschende Form von organisiertem Verbrechen ist), der oder das diese neuen Eigentumsverhältnisse durch physische Gewalt herstellt, eher ein gradueller ist, kommt Herr Kirchengast nicht. //Und Herrn Mooshammer fällt diesem Artikel hier zufolge [ORF ON Science - Märkte als Gradmesser für soziale Veränderung] dazu nicht viel mehr als sinnfreies Kulturwissenschafter-Gestammel ein//

[Wirklich sinnfrei: Informelle Märkte sind damit Mitproduzierende einer gleichzeitigen geokulturellen Fragmentierung und Vervielfältigung. Die Frage, die sich im Umgang mit ihnen stellt und die immer eine örtlich und zeitlich verschiedene ist, ist vor allem eine Frage der Möglichkeiten, die der mit der räumlichen und sozialen Organisation der Märkte verbundenen Kreativität für das Hervorbringen neuer Strukturen gesellschaftlichen Zusammenkommens eingeräumt werden.]

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Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 28 Jahre alt und ein kurzsichtiger, wenig- und langsamlesender, aufmerksamkeits- und noch vielgestalt andersgestörter, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter und unkonzentrierter stummer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Ziel im Leben, eigene Wohnung, geregeltes oder sonstwie geartetes Geschlechtsleben, usw …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs und Stoffwechsel sowie dem starken Wunsch, Drängen und Verlangen, der bürgerlichen Gesellschaft doch noch ein Ende zu bereiten (warum dennoch der Sonnenkönig dort oben hängt, darf jeder für sich selbst ausknobeln). In Ermangelung eines besseren ist mein Lebensmotto ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Blog eigentlich will, aber ich schreibe es mit kleineren und größeren Unterbrechungen doch schon seit 2715 Tagen, und so lange es mich noch freut, wird weitergeschrieben. Das letzte Mal hat es hier am 11.12.2011 um 23:33 irgendetwas neues gegeben.
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