wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Freitag, 28. November 2008
Wenn ich letztes Jahr nach der Marx-Vorlesung Das Kapital brav weitergelesen hätte, wäre ich jetzt schon bei den für das Verständnis der aktuellen Krise so wichtigen Teilen des dritten Bandes

Manchen Leuten scheinen die Zustände momentan ziemlich aufs Gemüt zu schlagen. Ein Beispiel: - [Robert Misik, No, they can't, Der Standard, 25. November 2008]

Herr Misik lamentiert über die Große Koalition und sehnt sich nach Barack Obama, dessen Sieg maximalen "Change" symbolisierte; er beklagt den Legitimitätsverlust des Systems Politik, wünscht sich eine Partei von der Art der Obama-Bewegung.

Das Maximum! - aber nur symbolisieren
Eine Partei! - aber nur eine Bewegung zur Wahl einer einzelnen Person in ein politisches Amt

Und wie soll das bewerkstelligt werden?

Die einzige Gegenstrategie ist, "Utopie" - in einem schwachen Sinn - zu erneuern, wie das Obama tat. "Die Erneuerung der Inhalte der Politik ist der Königsweg zur Erneuerung der Macht der Politik", formulierte jüngst der Münchener Soziologe Ulrich Beck. "Es gibt also nicht nur einen idealistischen, sondern auch einen machtstrategischen Idealismus." Idealismus, so verstanden, meint nicht utopische Träumerei, sondern verlangt Politiker vom Schlage eines "realistischen Idealisten".

Leute, die einen Rest an politischem Bewusstsein bewahrt haben und nicht vollständig der Amnesie verfallen sind, nennen machtstrategischen Idealismus üblicherweise anders, nämlich "Zynismus". Und wenn man nur hin und wieder hinsieht, kann man den machtstrategischen Idealismus gerade bei der Arbeit beobachten:

Der von Herrn Misik so angehimmelte Barack Obama wird die amerikanischen Truppen aus dem Irak zurückziehen - aber nur die Kampftruppen, nicht die Besatzungstruppen; er wird Guantánamo schließen - aber das weltweite System der Geheimgefängnisse weiterführen und die dazugehörigen Machtbefugnisse großteils behalten; er wird es den Gewerkschaften nicht mehr so schwer machen wie sein Vorgänger, aber die Arbeiterklasse wird es unter ihm wenig besser haben; er wird die Mittelklasse etwas weniger und die Reichen etwas mehr besteuern, oder vielleicht auch nicht - [Obama's tax hike for the rich may be delayed]; er wird den Armen viele Versprechungen machen und sie im selben Satz "hart in die Pflicht nehmen" - und am Ende wird nur die Härte übrigbleiben; er wird viele schöne Worte über die Unsinnigkeiten des War on Terror verlieren - aber ihn trotzdem weiterführen; er wird weiterhin die Große Veränderung predigen - und sich um Konsens und Kontinuität bemühen; die Liste an reichlich offensichtlichen Vorhersagen lässt sich beliebig fortsetzen, und die der jetzt schon gebrochenen Versprechen hat bereits eine beachtliche Länge erreicht (zumindest dort, wo überhaupt konkrete Versprechen gemacht wurden, und nicht eine unspezifische Veränderung zum Besseren oder zum Viel Besseren in Aussicht gestellt wurde - "He said making smart decisions would be at the core of his stimulus package plans."), aber ein letztes noch: President-elect Obama just made public the choices for his administration's ''economic team.'' What sort of signal does it send that a Secretary of Labor was not among them?

Was gefällt Herrn Misik so an Obama? - Nach eigener Aussage, dass er offenkundig tatsächlich zeigen will, dass Regierungspolitik etwas bewegen kann - ein Jobprogramm, massive Zukunfts- und Infrastrukturinvestitionen hat er am Wochenende angekündigt, dazu kommen Politstars wie Hillary Clinton und Tom Daschle im Kabinett.

Nun, dass Regierungspolitik etwas bewegen kann, hat sein Vorgänger auch schon gezeigt, und gehört wohl nicht zu den Dingen, die man irgendwem noch beweisen muss. Was will Herr Misik also? Wohl nur die Show. Da Herr Misik im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten sonst keine Wünsche oder Probleme zu haben scheint, hat er, solange seine Stellung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft (bzw - Himmel nein! - die bürgerliche Gesellschaft selbst) nicht gefährdet ist, im Endeffekt lediglich ästhetische Ansprüche an die Politik und die Politiker. Sie sollen den Anschein von Bewegung erwecken, irgendeine nebulöse Eigenschaft (maximalen "Change") symbolisieren, sollen sich mit Politstars umgeben, große Dinge ankündigen, irgendwelche Banalitäten offenkundig tatsächlich zeigen (wollen), ...

Kurz: sie sollen ihm ein schönes warmes Gefühl in der Magengegend geben; er will stolz auf sie sein können, sich im Ausland nicht seiner Herkunft schämen müssen, sondern dafür Bewunderung und Komplimente ernten dürfen. //Aber wenn sie direkt oder indirekt sein gesellschaftliches Fortkommen befördern, ist er auch nicht traurig; und für den Fall, dass tatsächlich einmal die bürgerliche Gesellschaft, in der er sich so vorzüglich gut eingerichtet hat, in Gefahr geraten könnte, ist er immer zur Stelle, die notwendigen Maßnahmen gutzuheißen//

//Auch im Standard zu bewundern: Der aufwendig ausgeschmückte Ruf nach einem Führer, und die traurige Feststellung: Keine Spur von "charismatischer Herrschaft" in diesem Land - [Oliver vom Hove, Von wahrem und falsch verstandenem Charisma, Der Standard, 27. November 2008]//

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Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 28 Jahre alt und ein kurzsichtiger, wenig- und langsamlesender, aufmerksamkeits- und noch vielgestalt andersgestörter, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter und unkonzentrierter stummer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Ziel im Leben, eigene Wohnung, geregeltes oder sonstwie geartetes Geschlechtsleben, usw …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs und Stoffwechsel sowie dem starken Wunsch, Drängen und Verlangen, der bürgerlichen Gesellschaft doch noch ein Ende zu bereiten (warum dennoch der Sonnenkönig dort oben hängt, darf jeder für sich selbst ausknobeln). In Ermangelung eines besseren ist mein Lebensmotto ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Blog eigentlich will, aber ich schreibe es mit kleineren und größeren Unterbrechungen doch schon seit 2711 Tagen, und so lange es mich noch freut, wird weitergeschrieben. Das letzte Mal hat es hier am 11.12.2011 um 23:33 irgendetwas neues gegeben.
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