wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Donnerstag, 5. März 2009
2. März 1982

Ich bin jetzt offiziell angemeldet für mein hoffentlich letztes Seminar auf der Uni. Der Seminarleiter ist der Betreuer meiner Diplomarbeit und das Thema des Seminars ist das Thema meiner Diplomarbeit: Niccolò Machiavelli

Da anscheinend eine ganze Menge anderer Leute ebenfalls ein Herz für die bösen Buben haben (oder noch eine fremdsprachige Lehrveranstaltung brauchen und sich die Griechische Terminologie nicht antun wollen, seit die nicht mehr die eher gemütliche Vorlesung ist, die sie bis vor kurzem noch war), gibt es derzeit sechzehn Anmeldungen mehr als es Plätze gibt.

Was mich bei der Lektüre Machiavellis immer wieder verwundert ist, dass er vor so langer Zeit über die Verhältnisse seiner Zeit geschrieben hat, darüber wie damals Politik gemacht, wie sich Politik den Anschein gab, gemacht zu werden usw., aber die, für die er es geschrieben hat, in all den Jahren so wenig damit anfangen konnten. Gramsci schreibt

Machiavelli selbst merkt an, dass die Dinge, die er beschreibt, angewandt werden und immer angewandt wurden. Er will daher nicht denen einflüstern, die schon wissen, und auch ist in ihm nicht eine reine wissenschaftliche Tätigkeit zu sehen [...] Machiavelli denkt daher „an jene, die nicht wissen“, die nicht hineingeboren wurden in die Tradition der Staatsmänner [...] Und wer sind jene, die nicht wissen? Die revolutionäre Klasse seiner Zeit, das „Volk“, die italienische „Nation“, die Demokratie [...] Machiavelli will die Erziehung dieser Klasse besorgen

[Heft 4, §8, eigene Übersetzung]

Gramsci schreibt gleich danach, dass sich das bei Marx wiederholt, und das selbe Gefühl hatte ich auch, als ich gestern endlich Marx’ Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte gelesen habe. Er meint im Folgenden konkret zwar andere, aber es gilt auch für einen nicht unbedeutenden Teil der Linken in den 150 Jahren seit er es geschrieben hat.

Aber der Demokrat, weil er das Kleinbürgertum vertritt, also eine Übergangsklasse, worin die Interessen zweier Klassen sich zugleich abstumpfen, dünkt sich über den Klassengegensatz überhaupt erhaben. Die Demokraten geben zu, daß eine privilegierte Klasse ihnen gegenübersteht, aber sie mit der ganzen übrigen Umgebung der Nation bilden das Volk. Was sie vertreten ist das Volksrecht; was sie interessiert ist das Volksinteresse. Sie brauchen daher bei einem bevorstehenden Kampfe die Interessen und Stellungen der verschiedenen Klassen nicht zu prüfen. Sie brauchen ihre eigenen Mittel nicht allzu bedenklich abzuwägen. Sie haben eben nur das Signal zu geben, damit das Volk mit allen seinen unerschöpflichen Ressourcen über die Dränger herfalle. Stellen sich nun in der Ausführung ihre Interessen als uninteressant und ihre Macht als Ohnmacht heraus, so liegt das entweder an verderblichen Sophisten, die das unteilbare Volk in verschiedene feindliche Lager spalten, oder die Armee war zu vertiert und zu verblendet, um die reinen Zwecke der Demokratie als ihr eignes Beste zu begreifen, oder an einem Detail der Ausführung ist das Ganze gescheitert, oder aber ein unvorhergesehener Zufall hat für diesmal die Partie vereitelt. Jedenfalls geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben.

Marx legt im 18. Brumaire dar, wie Politik zu seiner Zeit funktioniert, welchen Schein sie erweckt, wovon sie bestimmt wird, usw.; er zeigt keine Spur von dem ihm angedichteten Reduktionismus, im Gegenteil: er kritisiert aufs Schärfste die fixe Idee der (Sozial-)Demokraten seiner Zeit, dass ihnen der Sieg gewiss ist, weil sie das Gute, Wahre und Schöne und das Volk obendrein vertreten. Marx wirft ihnen vor, vor der Wirklichkeit die Augen zu verschließen, weder ihre Siege noch ihre Niederlagen zu verstehen, und merkt an, dass in der Vorstellung eines solchermaßen Denkenden »die Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben.« Und obwohl Marx so einflussreich war und ist, obwohl so viele Leute angeben, gerade den 18. Brumaire ganz genau gelesen zu haben, sind dennoch die vergangenen 150 Jahre übervoll von Linken, die sich der Marx’schen Tradition verpflichtet fühlen und meinen, dass das Schicksal keine andere Wahl haben wird als ihnen den Großen Sieg in die Hände zu legen, weil sie die richtigen Zauberformeln aufsagen können, die das Volk dazu bringen werden, ihnen die Herrschaft zu erobern, wenn doch nur dieses blöde Volk sich endlich dazu entschließen könnte, und wenn nicht bloß dauernd diese unangenehmen Zwischenfälle passieren würden, und diese bösen bösen Verräter und sonstiges Ungeziefer nicht dauernd ihre Finger im Spiel hätten. (Es gibt nichts lächerlicheres mitanzusehen, als eine Bewegung, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, der Menschheit endlich zur Herrschaft über ihre eigenen Geschicke zu verhelfen, die sich in der Erklärung ihrer Misserfolge auf die widrigen Umstände ausredet) Und sie sind voll von Linken, die ihre ganze Zeit damit zubringen, darauf zu warten, dass „die Verhältnisse ihnen entgegenreifen“.

[Und jetzt, wo die Verhältnisse mal wieder ziemlich reif wären, ziehen sie den Kopf ein, schwanken zwischen Belustigung und Panik, und hoffen, dass es bald vorbei ist und man nachher weitermachen kann wie vorher]

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Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 28 Jahre alt und ein kurzsichtiger, wenig- und langsamlesender, aufmerksamkeits- und noch vielgestalt andersgestörter, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter und unkonzentrierter stummer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Ziel im Leben, eigene Wohnung, geregeltes oder sonstwie geartetes Geschlechtsleben, usw …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs und Stoffwechsel sowie dem starken Wunsch, Drängen und Verlangen, der bürgerlichen Gesellschaft doch noch ein Ende zu bereiten (warum dennoch der Sonnenkönig dort oben hängt, darf jeder für sich selbst ausknobeln). In Ermangelung eines besseren ist mein Lebensmotto ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Blog eigentlich will, aber ich schreibe es mit kleineren und größeren Unterbrechungen doch schon seit 2711 Tagen, und so lange es mich noch freut, wird weitergeschrieben. Das letzte Mal hat es hier am 11.12.2011 um 23:33 irgendetwas neues gegeben.
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