Ich hoffe, dass ich die Fachausdrücke nicht allzu falsch übersetzt habe. //Amazon.de meint, dass Verso am 1. Mai eine zweite Auflage seines Buches The Economics of Global Turbulence herausbringen wird. Sollte dem tatsächlich so sein, wird es ausführliche Exzerpte daraus geben//
Die meisten Medien und Experten bezeichnen die aktuelle Krise als eine „Finanzkrise”. Sind sie mit dieser Bezeichnung einverstanden?
Es ist verständlich, dass Leute, die die Krise analysieren, den Zusammenbruch der Banken und der Märkte für Finanzprodukte als ihren Ausgangspunkt genommen haben. Aber die Schwierigkeit ist, dass sie nicht tiefer gegangen sind. Von Finanzminister Henry Paulson und dem Federal Reserve-Vorsitzenden Ben Bernanke abwärts wird argumentiert, dass die Krise sich durch Probleme im Finanzsektor erklären ließe. Zugleich behaupten sie, die Realwirtschaft wäre stark, die sogenannten Fundamentaldaten in guter Verfassung. Das könnte nicht irreführender sein.
Die grundlegende Ursache für die heutige Krise ist die schwindende Vitalität der fortgeschrittenen Volkswirtschaften seit 1973 und besonders seit 2000. Die Wirtschaftsleistung in den Vereinigten Staaten, Westeuropa und Japan hat sich beständig verschlechtert, Konjunkturzyklus (business cycle) für Konjunkturzyklus, gemessen an jedem ökonomischen Indikator - Bruttoinlandsprodukt, Investitionen, Reallöhne usw. Bezeichnend ist, dass der Konjunkturzyklus, der gerade zu Ende gegangen ist (2001-2007), bei weitem der schwächste der Nachkriegsgeschichte war, und das trotz des größten staatlichen Konjunkturimpulses in Friedenszeiten in den Vereinigten Staaten.
Wie würden sie die Langzeitschwäche der Realwirtschaft, die sie den „Langen Abschwung” nennen, erklären?
Was hauptsächlich dahinter steht, ist der tiefe und dauerhafte Rückgang der Gesamtkapitalrenditen (rate of return on capital investment) seit dem Ende der 60er. Das Ausbleiben der Erholung der Profitrate ist umso bemerkenswerter angesichts des großen Rückgangs des Reallohnwachstums während dieser Zeit.
Der Hauptgrund dieses Rückgangs der Profitrate, wenn auch nicht der einzige, ist der beständige Hang zu Überkapazitäten in den Sachgüterindustrien auf der ganzen Welt. Was passiert ist, ist dass eine neue Industriemacht nach der anderen den Weltmarkt betreten hat - Deutschland und Japan, die nordostasiatischen neuindustrialisierenden Länder, die südostasiatischen Tiger, und schließlich der chinesische Leviathan.
Diese sich spät entwickelnden Volkswirtschaften produzieren die selben Güter, die bereits von den sich früher entwickelt habenden produziert werden, nur günstiger. Das Ergebnis ist zu viel Angebot im Vergleich zur Nachfrage, in einem Industriezweig nach dem anderen; und das drückt die Preise nach unten, und damit auch die Profite. Die Unternehmen, die den Druck auf ihre Profite zu spüren bekommen, geben jedoch nicht nach (und verlassen ihre Sparten), sondern sie versuchen, ihre Position zu halten, indem sie auf ihre Innovationskraft zurückgreifen und die Investitionen in neue Technologien verstärken. Das verschlimmert aber natürlich die Überkapazität nur noch weiter.
Aufgrund des Falls ihrer Renditen haben die Kapitalisten weniger von ihren Investitionen. Sie haben daher keine Wahl als die Ausweitung ihrer Kapazitäten, Ausrüstung und Beschäftigung zu verlangsamen. Gleichzeitig drücken sie die Löhne, um ihre Profitabilität wiederherzustellen, während die Regierungen das Wachstum der Sozialausgaben drosseln.
Doch die Folge all dieser Ausgabenkürzungen ist ein Langzeitproblem für die Nachfrage.
Die Krise wurde schließlich ausgelöst durch das Platzen der Immobilienblase, die sich über ein volles Jahrzehnt aufgebaut hatte. Was ist ihre Ansicht über ihre Bedeutung?
Die Immobilienblase muss man im Zusammenhang mit der Abfolge von Blasen sehen, die die Wirtschaft seit der Mitte der 90er erlebt hat, und besonders mit der Rolle der Federal Reserve, die diese Blasen genährt hat.
Seit dem Beginn des Langen Abschwungs haben die Staaten versucht, das Problem der mangelnden Nachfrage zu bewältigen, indem sie die Aufnahme von Krediten forciert haben, sowohl von staatlicher als auch von privater Seite. Zuerst waren es staatliche Budgetdefizite, und so konnten sie wirklich tiefe Rezessionen verhindern. Aber auf die Dauer konnten die Staaten mit den selben Ausgaben immer weniger Wachstum erzeugen. Um also [weiterhin] die tiefen Krisen, die das kapitalistische System in seiner Geschichte immer wieder heimgesucht haben, abzuwenden, mussten sie ein Abgleiten in die Stagnation hinnehmen.
Bekanntermaßen haben während der frühen 90er die Regierungen der Vereinigten Staaten und Europas unter der Führung der Clinton Administration versucht, ihre Abhängigkeit von Defiziten zu überwinden, indem sie zusammen den Weg in Richtung ausgeglichene Budgets eingeschlagen haben. Die Idee war, den freien Markt die Wirtschaft kontrollieren zu lassen. Aber weil die Profitabilität sich noch immer nicht erholt hatte, hatte die Verringerung der Defizite eine riesige Schockwirkung auf die Nachfrage, und hat die Rezessionen und das langsame Wachstum zwischen 1991 und 1995 mitausgelöst.
Um die Wirtschaft wieder zum Wachsen zu bringen, haben die Vereinigten Staaten eine Vorgangsweise gewählt, die Japan in den späten 80ern zuerst angewandt hatte. Indem sie die Zinsen niedrig hielt, machte die Federal Reserve es einfach, Kredite zu bekommen, um so Investitionen in Finanzwerte (financial assets) zu fördern. Als die Preise der Vermögenswerte (assets) abhoben, haben die Vermögen von Unternehmen und Haushalten sich enorm vergrößert, zumindest auf dem Papier. Sie waren daher in der Lage, [mit den vermeintlich gewachsenen Vermögen als Sicherheiten] Kredite in gigantischer Höhe zu bekommen, um damit ihre Investitionen und ihren Konsum gewaltig zu steigern, und somit die Wirtschaft anzukurbeln.
So haben also private Defizite die öffentlichen abgelöst. Was man einen „Vermögenswerte-Keynesianismus” nennen könnte, hat den traditionellen Keynesianismus abgelöst. Wir haben in den letzten ungefähr 12 Jahren das außergewöhnliche Schauspiel einer Weltwirtschaft miterlebt, in der das Fortbestehen der Kapitalakkumulation wortwörtlich von bisher nie gesehenen Wellen an Spekulation abhängig war, die behutsam von staatlicher Seite genährt und schöngeredet wurden - zuerst die Aktienblase der späten 90er, dann die Häuser- und Kreditmarktblasen seit frühen 00ern.
[...]
In den Vereinigten Staaten war das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts während des letzten Konjunkturzyklus von 2001 bis 2007 bei weitem das niedrigste der Nachkriegsgeschichte. Es gab keinen Anstieg der Beschäftigung in der Privatwirtschaft. Der Zuwachs bei Anlagen und Ausrüstung war ungefähr ein Drittel unter dem bisherigen Nachkriegstief. Reallöhne haben praktisch stagniert. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keinen Zuwachs des Median-Haushaltseinkommens. Das Wirtschaftswachstum wurde ausschließlich vom Privatkonsum und den Investitionen in den Hausbau (residential investment) getragen, die durch die günstigen Kredite und die steigenden Hauspreise ermöglicht wurden.
Die Wirtschaftsleistung war aber schwach trotz der enormen Konjunkturbelebung durch die Immobilienblase und die riesigen Budgetdefizite der Bush Regierung. Der Hausbau allein war für knapp ein Drittel des Wirtschaftswachstums und fast die Hälfte des Beschäftigungswachstums in den Jahren von 2001 bis 2005 veranwortlich. Es war daher zu erwarten, dass wenn die Immobilienblase platzt, Konsum und Investitionen in den Hausbau fallen werden, und die Wirtschaft abstürzt.
[...]
Die Grundlage für die Immobilien- und Kreditmarktblasen war das Fortbestehen der niedrigen Kreditkosten. Die Schwäche der Weltwirtschaft, besonders nach den Krisen 1997-1998 und 2001-2002 zusammen mit den riesigen Käufen von Dollars durch die ostasiatischen Staaten (um ihre Währungen niedrig und den Konsum in den Vereinigten Staaten hoch zu halten), haben ungewöhnlich niedrige langfristige Zinsen (long-term interest rates) bewirkt. Gleichzeitig hat die Federal Reserve die kurzfristigen Zinsen (short-term interest rates) niedriger gehalten als zu irgendeiner Zeit seit den 50ern. Weil sie selbst so günstig zu Geld kamen, haben die Banken auch Kredite an Spekulanten vergeben, deren Investitionen den Wert von Vermögenswerten aller Art immer weiter nach oben getrieben haben, und die Renditen von festverzinslichen Wertpapieren (return on lending (interest rates on bonds)) immer weiter nach unten.
So haben etwa die Hauspreise abgehoben und die Nominalverzinsung amerikanischer Staatsanleihen ist abgestürzt. Weil aber die Zinserträge immer weiter gefallen sind, hatten auf der ganzen Welt Institute, die von diesen Erträgen abhängig sind, immer größere Schwierigkeiten, ausreichende Profite zu machen. Pensionsfonds und Versicherungen waren besonders stark betroffen, aber auch Hedge Fonds und Investmentbanken.
Diese Institute waren nur allzu bereit, massiv in Wertpapiere zu investieren, die auf höchst zweifelhaften Hochrisikohypotheken (sub-prime mortages) basierten, weil diese ungewöhnlich hohe Erträge versprachen. Tatsächlich konnten sie gar nicht genug davon bekommen. Ihre Käufe dieser hypothekenbesicherten Wertpapiere hat den ursprünglichen Hypothekengebern (mortgage originators) erlaubt, Hypotheken an immer weniger geeignete Schuldner zu vergeben. Die Immobilienblase erreichte historische Ausmaße, und die Wirtschaft konnte weiter wachsen.
[...]
Glauben sie, dass die aktuelle Krise zu einer Bedrohung für die Hegemonie der Vereinigten Staaten wird? Theoretiker des Weltsystems wie Immanuel Wallerstein, der auch für diese Zeitung interviewt wurde, argumentieren, dass die Hegemonie des US-Imperialismus zu Ende geht.
Das ist wieder eine sehr schwierige Frage. Vielleicht liege ich da falsch, aber ich denke, dass viele von denen, die glauben, dass es einen Niedergang der Hegemonie der Vereinigten Staaten gegeben hat, diese Hegeomonie hauptsächlich als Ausdruck der geopolitischen Macht der Vereinigten Staaten sehen, d.h. im Endeffekt, ihrer Fähigkeit zur Gewaltanwendung (force). Von diesem Standpunkt aus ist es hauptsächlich die Dominanz der Vereinigten Staaten, die ihre Führungsrolle ausmacht, es ist die Macht der Vereinigten Staaten über andere Länder, die sie oben auf hält.
Ich sehe die Hegemonie der Vereinigten Staaten nicht in der Art. Ich sehen, dass die Eliten der Welt, besonders die Eliten der kapitalistischen Kernländer im weiten Sinne, sehr glücklich mit der Hegemonie der Vereinigten Staaten sind, denn das heißt für sich, dass die Vereinigten Staaten die Rolle des Weltpolizisten auf sich nehmen, und auch die Kosten dafür. Das trifft glaube ich heute sogar auf die Eliten der meisten armen Länder zu.
Worum geht es dem amerikanischen Weltpolizisten? Nicht darum, andere Länder anzugreifen - hauptsächlich geht es darum, die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten, und stabile Bedingungen für die weltweite Kapitalakkumulation zu schaffen. Sein Hauptanliegen ist es, jede vom Volk ausgehende Bedrohung des Kapitalismus auszulöschen, und die existierenden Klassenverhältnisse zu stützen.
Während des Großteils der Nachkriegszeit gab es, besonders von unten kommend, nationalistisch-nationalstaatliche Bedrohungen des freien Kapitals. Diesen wurde mit der ohne Zweifel brutalsten Gewaltanwendung durch die Vereinigten Staaten begegnet, durch die nakteste Zurschaustellung der Dominanz der Vereinigten Staaten. Während im Kern des Systems die Vereinigten Staaten die Hegemonie hatten (im Sinne von allgemeiner Zustimmung, die erst in letzter Konsequenz durch die Drohung von Gewaltanwendung erzwungen wird), war die Dominanz außerhalb durch direkte Gewaltanwendung abgesichert.
Doch mit dem Ende der Sowjetunion, und China und Vietnam auf dem Pfad des Kapitalismus, und der Niederlage der nationalen Befreiungsbewegungen etwa in Südafrika und Zentralamerika, wurde der Widerstand gegen das Kapital in den Entwicklungsländern sehr geschwächt, zumindest vorerst. So ziehen heute nicht nur die Eliten West- und Osteuropas, Japans und Koreas, sondern auch die Brasiliens, Indiens und Chinas, so ziemliches jedes nur denkbaren Landes, das Fortbestehen der Hegemonie der Vereinigten Staaten vor.