wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Sonntag, 22. März 2009
Ich habe momentan zu viel Zeit zum Lesen, und deshalb: Sachen, die diese Woche im Standard gestanden sind

Philosophie

Günter Traxler hat für seine aktuelle „Blattsalat” Kolumne neben den üblichen Ausflüssen Andreas Unterbergers auch ein ganz besonders widerliches Exemplar der Gattung „Philosoph” ausgegraben.

Also aufmunitioniert, kann unser Don Quichotte weiter gegen Windmühlen wie diese beiden anrennen. Zur Unterstützung hält er sich Sancho Pansas in Gestalt dienlicher Kolumnisten, wie den Leiter einer philosophischen Praxis, der kürzlich über Wohlhabende und Habenichtse räsonierte: Umverteilung ist sinnlose Sisyphusarbeit, die noch dazu moralisch verwerflich ist. Denn sie führt dazu, dass jeder danach trachtet, sich auf Kosten jedes anderen zu bereichern.

Der Ort, an dem das stattfindet, ist die Demokratie. Unsere heutige Form der Demokratie, die man in früheren Zeiten Pöbelherrschaft nannte und vor der kein Philosoph von Rang jemals den Hut zog - da will dieser Eugen Maria Schulak gern dabei sein - ist eine Regierungsform, die es ermöglicht, sich auf Kosten anderer Menschen, die man nicht kennt, erhebliche Vorteile zu verschaffen, ja regelrecht zu bereichern.

Während es in einer gesunden Diktatur, oder mindestens Monarchie, vor denen so viele Philosophen von Rang den Hut gelegentlich gar nicht tief genug ziehen konnten, völlig ausgeschlossen ist, sich auf Kosten anderer Menschen, die man nicht kennt, erhebliche Vorteile zu verschaffen. Was etwa die Juden im Dritten Reich zweifellos als Segen empfanden. Und zur Tatsache, dass es viel mehr Habenichtse als Wohlhabende gibt, weiß dieser Brachialdarwinist im Darwin-Jahr: Da dies immer schon so war und selbst unter demokratischen Verhältnissen nicht verändert werden konnte, ist anzunehmen, dass es sich hier gleichermaßen um ein Natur- wie ein Kulturgesetz handelt, welches sich prinzipiell nicht verändern lässt. Mehr noch: Das bedeutet, dass die Ungleichheit der Menschen nicht nur nicht verändert werden kann, sondern auch nicht verändert werden darf und soll.

[Günter Traxler, „Spuk”, Der Standard, 17. März 2009]

Als mir ein ebenfalls recht widerlicher Studienkollege vor ein paar Jahren mit großer Begeisterung von dieser „philosophischen Praxis” erzählt hat, habe ich mir schon gedacht, dass dieses verkommene Subjekt sein Geld wohl damit verdienen wird, gestressten Managern ihre allfälligen moralischen Bedenken auszureden - aber das ist doch ziemlich hart und erstaunlich unverblümt (für einen Philosophen).

Wasserstoff

Tatsache sei, sagt der Chef der Grazer Autotechnologie-Schmiede AVL, dass die Branche vor einigen Jahren noch auf ein ganz anderes Pferd gesetzt habe als auf den heute so vielgepriesenen Elektroantrieb.

Als große Alternative galt die Brennstoffzelle - die Industrie setzt hier viel Kapital ein. „Man dachte, dass sie in absehbarer Zeit kommen wird”, sagt List.

Es sei zu optimistisch gewesen. List: „Die Brennstoffzelle baut auf die Verfügbarkeit von Wasserstoff auf. Das große Problem, wie sich herausgestellt hat, ist, dass die Wasserstoffspeicherung und -verteilung extrem teuer ist und sie auch einen schlechten Wirkungsgrad hat.” Die Brennstoffzelle als Antrieb der Zukunft wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

[Walter Müller, „Autoforschung steht unter Strom”, Der Standard, 19. März 2009]

Das ist natürlich Unsinn. Dass die gesamte Infrastruktur, die für Wasserstoffautos notwendig wäre, teuer und ineffizient ist, wusste man schon lange vorher. Und auch, dass Wasserstoff kein natürlich vorkommender Rohstoff wie Erdöl ist, sondern erst energieaufwändig hergestellt werden muss, um danach über technisch kaum und wirtschaftlich schon gar nicht realisierbare Verteilungs- und Speicherungsinfrastruktur dazu verwendet zu werden, ein Stadt und Land zerstörendes Massenverkehrsmittel anzutreiben. Das angesprochene Kapital, das die Autoindustrie aufgewendet hat, kam übrigens in der Regel vom Staat, und zur Finanzierung dieses Unsinns wurden anderen Programmen die Gelder gekürzt.

Das Wasserstoffauto war von Anfang an eine Strategie der Autoindustrie, unbequemen Fragen und Forderungen nach größerer Energieffizienz auszuweichen. Statt Höherer Effizienz - Jetzt! Das Auto der Zukunft - irgendwann ... Erinnert sich noch jemand an das „Freedom CAR”?

Die US-amerikanische Regierung beginnt eine Partnerschaft mit der Industrie zur Entwicklung des Brennstoffzellen-Fahrzeugs und bricht ein altes, aber erfolgreiches Program ab.

Der US-amerikanische Energieminister, Abraham Spencer, nutzte die Detroit Auto Show 2002 zur Verkündung einer Nachricht, die nun für gemische Reaktionen sorgt: das Department of Energy (DoE) beginnt eine neue Partnerschaft mit den großen amerikanischen Fahrzeugherstellern, um die Vision des mit Brennstoffzellen betriebenen Autos Wirklichkeit werden zu lassen.

Diese, für Verfechter der Brennstoffzelle als Energiequelle und Umweltschützer auf den ersten Blick erfreuliche Nachricht, verursacht jedoch mancherorts auch Unbehagen.

Denn die Bundesregierung verabschiedet sich damit von der unter Clinton ins Leben gerufenen Technologie-Initiative "Partnership for a New Generation of Vehicles" (PNGV) und startet eine neue, noch visionärere, dafür aber noch längerfristige Initiative "Freedom CAR".

[...]

Dennoch verschaffen sich bereits jetzt skeptische Stimmen Gehör: so lobenswert die Initiative sei, so stehe zu befürchten, dass kurzfristigere und mittelfristigere Zielsetzungen zur Senkung des Benzinverbrauches (und damit der Abgase) darunter leiden. Mit einem Brennstoffzellenfahrzeug, das in Massenproduktion erzeugt wird, sei nicht vor 10-15 Jahren zu rechnen.

Das Argument ist nicht von der Hand zu weisen, denn es ist für jedermann erkennbar, dass kurzfristig wirksame, aber wenig erfreuliche Entscheidungen anstehen, um die man sich mit dem Verweis auf die viel weitreichendere Vision des brennstoffzellenbetriebenen Fahrzeuges drücken könnte.

Dabei geht es in erster Linie darum, die seit 6 Jahren unveränderten Vorschriften für die Energieeffizienz von Fahrzeugen zu verschärfen.

[Philipp Steger, 'Freedom CAR' - ersetzt die Vision 'Brennstoffzelle' erfolgreiche Innovation?]

Eben. Und nachdem diese Strategie doch ganz gut funktioniert und mittlerweile ausgedient hat, soll das als Massenverkehrsmittel völlig untaugliche Automobil mit dem Elektroantrieb noch einmal in die nächste Runde gerettet werden. (Immerhin ist diesmal die dafür nötige Infrastruktur bereits vorhanden und sehr gut entwickelt, aber woher die ganze Energie, die man dafür brauchen wird, herkommen soll, bleibt auch diesmal offen)

Braunau

Wer "Braunau am Inn" hört, denkt unvermeidlich an Adolf Hitler - auch wenn sich Hitlers Geburtsstadt seit Jahren engagiert um die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit bemüht. Am 18. April dürfte der Name der Stadt wieder in aller Munde sein: Sollten die erforderlichen Genehmigungen erteilt werden, werden sich zwei Tage vor Hitlers 120. Geburtstag linke und rechte Demonstranten in Braunau gegenüber stehen. Doch nicht nur da sind die Fronten verhärtet. Im Gegensatz zum Vorjahr stellt sich die Stadt heuer nicht hinter die Antifaschisten. Gegen deren Unterstützung sind nämlich kurioserweise die örtlichen Grünen.

Die Unterstützung der Stadt habe Bürgermeister Gerhard Skiba (SPÖ) im Vorjahr nämlich eigenmächtig bekannt gegeben ohne den Gemeinderat zu fragen, sagt der grüne Fraktionschef Friedrich Schmid im Gespräch mit dem Standard. Die Grünen hätten daraufhin gemeinsam mit den Freiheitlichen im Gemeinderat gegen diese Vorgangsweise protestiert. Dieses Jahr habe Skiba keinen Versuch unternommen, eine offizielle Unterstützungserklärung durch den Gemeinderat zu bekommen, berichtet Schmid. Skiba selbst war am Mittwoch telefonisch nicht mehr erreichbar.

Die Grünen hätten aber ohnehin nicht zugestimmt: "Wir sind der Meinung, dass wir unser antifaschistisches Gedankengut besser zu anderen Anlässen zur Schau stellen sollten", sagt Schmid. Eine Demo zu diesem Zeitpunkt führe dazu, dass Hitlers Geburtstag überbewertet werde. Die Grünen stünden "ganz massiv" hinter einem offenen Umgang mit der Geschichte; von "einem Aufeinanderprallen von Rechts und Links" halte er aber nichts.

[Markus Peherstorfer, „Demo-Pläne spalten Braunau”, Der Standard, 19. März 2009]

Die Grünen überlegen also ganz genau, wie sie ihr „antifaschistisches Gedankengut” am Besten zur Schau stellen können. Das ist nicht einmal mehr lustig.

„la moltitudine è piú savia e piú costante che uno principe”

Die Wochenendausgabe steht unter dem Motto „Gibt es Positives an der Krise?” und in diesem Sinne gibt es - auf Seite 2 und 3! - das Folgende:

[Bert Rebhandl, „Die große Frage nach dem richtigen System”, Der Standard, 21./22. März 2009]
[Ronald Pohl, „Ein jeder bleibt für sich alleine”, Der Standard, 21./22. März 2009]

Zitat aus dem ersten Artikel:

Für die vielen Denker und Kulturschaffenden, die in den vergangenen Jahrzehnten über eine Systemalternative nachgedacht haben, die nicht auf den Staatskommunismus realsozialistischer Prägung hinauslaufen sollte, muss das ein ernüchtender Befund sein. Denn all die Theorien des Empire und der Multitude (bei Antonio Negri und Michael Hardt), des antikonsensuellen „Unvernehmens“ als der eigentlichen politischen Kategorie (bei Jacques Rancière, dem Vordenker einer erneuerten Polis) oder der „Künstlerkritik“ an den herrschenden Verhältnissen bei Luc Boltanski und Eve Chiapello erweisen sich angesichts der aktuellen Krise als so marginal, wie sie sich selber immer schon verstanden haben.

Und damit das auch stimmt, geht es im zweiten Artikel geht dann genau um Hardt/Negri, die Multitude, und sogar um Paolo Virno (»ein geläuterter Linksradikaler«), die als Kronzeugen dafür eingespannt werden, dass »die Vordenker einer „anderen“ Gesellschaft heute schweren Herzens einräumen [müssen], dass der Begriff der Arbeit auch nicht mehr hält, was sich Karl Marx und dessen Jünger von ihm einst erhofft hatten.« Denn: »Heute ist das Erwerbsleben, dessen Bild von edlen „Proleten“ gespeist wurde, der ohne Unterlass an seiner Werkbank schuftet, bereits reiner Anachronismus geworden.«

Und in diesem Sinne geht es weiter. Hardt/Negri und Virno, so wie sie Herr Pohl meint, verstanden zu haben, werden zur Linken schlechthin erklärt, die Linke zur Träumerin, und schon ist man beim Schlusssatz: »Die nächste „Revolution“ lässt bestimmt noch lange auf sich warten.«

Wie das klingt, wenn die Linke sich nicht an das von den Damen und Herren Liberalen vorgegebene Programm hält, kann man an der offenen Feindseligkeit (gemischt mit leichter Panik) sehen, mit der der Streik in Frankreich (»eine vormoderne Austragung sozialer Konflikte auf der Straße«) und die Aktivitäten der Neuen Antikapitalistischen Partei kommentiert werden.

Und dass die Parole von wegen „Karl Marx und dessen Jünger” Programm ist, kann man sich im unvermeidlichen Karl-Marx-Heiliger-und-Hurenbock Artikel noch einmal bestätigen lassen:

Die Menschen wenden sich dem berühmtesten Buch zu, dass [sic] je in deutscher Sprache geschrieben wurde. Aber ist das mehr als ein intellektuelles Ritual? Das Kapital klingt schließlich wie Das BGB, besser noch, wie Die Bibel.

[Tobias Moorstedt, „Vom Systemfeind zum Superstar”, Der Standard, 21./22. März 2009]

[Die Multitude ist übrigens nicht, wie Herr Pohl schreibt, »ein marginaler Begriff aus der Frühzeit der politischen Theorie« (und die »Frühzeit der politischen Theorie« war lange vor Thomas Hobbes zu Ende; immerhin stimmt es, dass Hobbes „Multitude” abwertend gebraucht hat, aber das hat er mit allem getan, was nicht dem Souverän und seiner absoluten Macht dienlich ist); bei Machiavelli beispielsweise ist sie eine zentrale Kategorie; sie kommt etwa in den Discorsi knappe fünfzig Mal im Text vor, und weitere fünf Mal in den Kapitelüberschriften; die oben zitierte lässt sich übrigens folgendermaßen übersetzen: „Die Multitude ist weiser und beständiger als ein Herrscher” - was Machiavelli in großen Gegensatz zu seinen Zeitgenossen und den antiken Vorbildern bringt]

... comment



Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 28 Jahre alt und ein kurzsichtiger, wenig- und langsamlesender, aufmerksamkeits- und noch vielgestalt andersgestörter, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter und unkonzentrierter stummer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Ziel im Leben, eigene Wohnung, geregeltes oder sonstwie geartetes Geschlechtsleben, usw …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs und Stoffwechsel sowie dem starken Wunsch, Drängen und Verlangen, der bürgerlichen Gesellschaft doch noch ein Ende zu bereiten (warum dennoch der Sonnenkönig dort oben hängt, darf jeder für sich selbst ausknobeln). In Ermangelung eines besseren ist mein Lebensmotto ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Blog eigentlich will, aber ich schreibe es mit kleineren und größeren Unterbrechungen doch schon seit 2818 Tagen, und so lange es mich noch freut, wird weitergeschrieben. Das letzte Mal hat es hier am 22.05.2012 um 20:29 irgendetwas neues gegeben.
status
You're not logged in ... login
menu
search
 
calendar
März 2009
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
19
21
23
25
29
31
 
 
 
 
 
 
recent updates
reply
The personal loans are essential for guys, which want...
by laurelhowell26 (2012.05.22, 20:29)
Zusammenfassung der bisherigen...
Ich bin also fertig (und damit Magister der Philosophie)...
by flowo (2011.12.11, 23:33)
Watch This Space
by flowo (2011.12.08, 00:53)
Damit dürfte die...
Oh ja, ich bin ein Gewinner! Teilweise war es nicht...
by flowo (2010.10.21, 02:21)
Jetzt wird es ernst
Sehr ernstIch meine richtig ernstAber ich bin bereit
by flowo (2010.10.20, 00:18)
nettes
empfohlene schriftarten
etc.
xml version of this page

made with antville

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz aufrichtig bei allen echten Science Fiction Autoren entschuldigen. Sie wissen schon wofür …
#1057;