wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Sonntag, 26. April 2009
Sonntagslektüre

Wenn mich jemand fragt, warum ich den Standard nicht mag, verkneife ich mir in letzter Zeit die lange Antwort mit Beispielen dafür, warum diese Zeitung schlecht ist (die immer wieder aufkommende Hetze gegen eine gewisse Minderheit, die pro-amerikanische Blattlinie, dass sie mindestens einmal im Monat einen Artikel eines allseits bekannten Rechtsextremisten abdrucken, die offene Feindschaft gegen die Sozialdemokratie, die regelmäßigen Zielgruppenbeilagen: Geldmarkt, Kunstmarkt, Bildungsmarkt, Karrieremarkt, Politikmarkt, Körpermarkt, ... //zugegeben, die letzten paar heißen nicht wirklich so// - usw.), und antworte stattdessen kurz und bündig, dass mir die Zeitung zu rechts ist, was man nebem vielem anderen auch daran festmachen kann, dass der Wirtschaftsteil „Investor” heißt, während eine anständige Zeitung ihren Wirtschaftsteil „Arbeit und Kapital” nennen würde.

Und es gibt tatsächlich einige Zeitungen, die genau das machen, darunter il manifesto. In solchen Zeitungen liest man dann etwa ein Interview mit dem israelischen Architekten Eyal Weizman, möglicherweise bekannt durch seine Bücher A Civilian Occupation: The Politics of Israeli Architecture (zusammen mit Rafi Segal) oder Hollow Land: Israel's Architecture of Occupation (beide bei Verso erschienen) - [Lucia Tozzi, Weizman a FERRARA, il manifesto, 18. April 2009]

[Bei der Gelegenheit: ein Artikel samt Interview anlässlich des Erscheinens von Hollow Land im Socialist Worker]

The occupied West Bank, 1999. A group of Israeli settlers complain that their mobile phone reception cuts out on a bend in a road from Jerusalem to their settlements.

The mobile phone company Orange agrees to put up an antenna on a hill overlooking the bend.

The hill happens to be owned by Palestinian farmers, but since mobile phone reception is a “security issue”, the mast construction can go ahead without the farmers’ permission.

Other companies agree to supply electricity and water to the construction site on the hill.

In May 2001 an Israeli security guard moves on to the site and connects his cabin to the water and electricity mains. Then his wife and children move in with him.

In March 2002 five more families join him to create the settler outpost of Migron. The Israeli ministry for construction and housing builds a nursery, while donations from abroad build a synagogue.

By mid-2006 Migron is a fully fledged illegal settlement comprising 60 trailers on a hilltop around the antenna, overlooking the Palestinian lands below.

This blow-by-blow account of just one example of the ongoing Israeli colonisation of Palestine appears in the opening pages of a fascinating new book by Eyal Weizman, the dissident Israeli architect.

Called Hollow Land: Israel’s Architecture of Occupation, it is an extraordinarily detailed account of exactly how the occupation works in practice, focusing on the physical organisation of space and the political dynamics that shape it.

The 300 page book is packed with fascinating diagrams and photographs that shed a revealing light on almost every aspect of the occupation.

[...]

I asked Eyal what had prompted him to write the book – and what the significance was of its subtitle referring to the “architecture of occupation”.

“As I was working, it seemed to me more and more that the entire occupation, the entire formation of the terrain itself, could be thought of in the same way as you think of the structure of a building,” he says.

“This first occurred to me while reading the Oslo Accords of 1993. The partition of the territory put forward there is not two dimensional but three dimensional – it partitions a volume, rather than a land, giving Palestinians some bits of land while maintaining the subterranean water reservoirs and airspace for Israel.

“As soon as you imagine geopolitics operating in a volume like that, architecture comes into play.”

This analogy led him to consider how architectural analysis could be applied to a military and political situation: “For instance, what’s the most basic analytic tool you use if you’re an architecture student and you want to understand a building? You draw a cross-section through it.

“In fact, the book Hollow Land is structured as a cross-section through the entire Occupied Territories. The first chapter is about the underground water reservoirs.

“Then it looks at the archaeology, then the valleys, the hills and finally the airspace. It’s a series of episodes that make up a volume, layer by layer, chapter by chapter.

“So you can think of the entire occupation as if it was some kind of complex building, such as an airport or a shopping mall, with security corridors inbound and outbound, and movement through it.”

[Anindya Bhattacharyya, Eyal Weizman interview: Israel's oppressive architecture of occupation, Socialist Worker, 25. August 2007]

[Ein Ausschuss des israelischen Innenministeriums hat ungeachtet der Einwände aus den USA den Ausbau der Siedlung Maale Adumim im besetzten Westjordanland empfohlen. Wie der Armeehörfunk heute berichtete, sprach sich der Ausschuss dafür aus, die drei Kilometer östlich von Maale Adumim gelegene kleine Siedlung Kedar dem großen Maale Adumim einzugliedern, ebenso wie die Gebiete zwischen den beiden Siedlungen.]

[Dazu sollten 1.200 Hektar zusätzlich annektiert werden. Die Einwohnerzahl in Maale Adumim nahe Jerusalem werde dann auf 34.500 steigen. Innenminister Eli Yischai von der ultraorthodoxen Schaspartei muss der Maßnahme demnach noch zustimmen.]

[Die US-Regierung hatte wiederholt zu verstehen gegeben, dass sie eine Erweiterung der Siedlung ablehnt. Vonseiten der Palästinenser gibt es heftige Proteste gegen die Ausbauplanungen, weil das Westjordanland dadurch zweigeteilt und die Bildung eines unabhängigen Palästinenserstaats mit Ostjerusalem als Hauptstadt erschwert würde. - [Israel: Weitere Siedlungen sollen gebaut werden]]

Oder man liest eine Rezension der italienischen Übersetzung von John Rawls’ Lectures on the History of Political Philosophy, geschrieben von niemand anderem als Toni Negri - [Toni Negri, Il pigro DEMOCRATICO, il manifesto, 24. April 2009]

Die Rezension ist äußerst unfreundlich, und das zu Recht. Negri stösst sich unter anderem daran, dass Rawls die Geschichte der modernen politischen Philosophie bei Hobbes beginnen lässt, und nicht etwa bei Machiavelli (und dass er aus Marx einen liberalen Theoretiker der Gerechtigkeit macht, und noch ein paar andere Sachen); das liegt laut Negri daran, dass für Rawls - ganz der Apologet des Liberalismus - politische Theorie ausschließlich Vertragstheorie ist, sodass das moderne politische Denken für ihn eben bei Hobbes beginnt.

[Zur Erinnerung: Verträge, die unter Zwang zu Stande gekommen sind, sind einzuhalten; es bedarf einer Souveränen Macht, die das Volk durch Terror zur Einhaltung des Vertrages, mit dem es sich dem Souverän unterworfen hat, zwingen kann; alle denkbaren Staatsformen sind im Endeffekt in ihrer Struktur gleich; usw.]

Dass die Vertragstheorie ein ideologisches Konstrukt ist, mit dem sich die Wirklichkeit nicht allzu gut erfassen lässt, zeigt sich für Negri am deutlichsten darin, dass es in ihr keinen Platz für die Krise gibt; sie kann sie nicht abbilden. Für die Vertragstheoretiker gehört die Krise dem Urzustand an, der durch den Vertrag beendet wurde; die politischen Strukturen, die sie beschreiben, sind für diese Denker gerade erst dadurch möglich geworden, dass die (permanente, kriegsförmige) Krise überwunden wurde.

Darin liegt, möchte ich anmerken, auch die starke Parallele mit der heute vorherrschenden Art von Wirtschaftswissenschaft. Die Vertragstheorie, sowohl auf der Ebene der Politik als auch auf der der Ökonomie, setzt den homo oeconomicus - den einzelnen, vereinzelten, durch und durch rational gewinnmaximierenden, mit allen anderen in Konkurrenz stehenden Menschen - als ihre Grundeinheit, auf der ihre mathematischen Modelle beruhen, die - wie wir momentan wieder deutlich zu sehen bekommen - spektakulär darin scheitern, die Wirklichkeit abzubilden (was ja auch ihre Aufgabe ist).

Im Falle der politischen Vertragstheorie, nämlich im Falle Hobbes’, ist diese Konkurrenz tatsächlich sogar wortwörtlich eine mörderische, die so weit auf die Spitze getrieben wird, bis sie an ihrem scheinbar stabilen Extrempunkt angelangt ist: „Ich muss annehmen, dass du bereit bist, mich umzubringen, deshalb bin ich bereit, dich umzubringen”; auf dieser Basis wird dann das restliche System mit mathematischer Präzision (dh nach der geometrischen Methode) aufgebaut. Die Subjekte dieses Systems befinden sich stets am äußersten psychotischen Rand, und wird dieser überschritten, ist alles aus - das System kennt keine Krise, sondern nur das ordnungsgemäße Funktionieren, oder den totalen Zusammenbruch aller seiner Strukturen.

Es ist also auch nicht verwunderlich, dass Hobbes keinen Platz für nicht-kapitalistische Produktion hat, dh für Produktion die nicht durch Verträge organisiert ist, deren Einhaltung durch die souveräne Macht garantiert wird. Hobbes stellt kategorisch fest, dass im Naturzustand keinerlei Produktion stattfindet (Leviathan, XIII,9); dass etwa die amerikanischen Ureinwohner sich seiner Meinung nach in einem solchen Naturzustand befänden, aber durchaus produzieren, erklärt er damit, dass sie in kleinen Familienverbänden lebten, die durch natural lust zusammengehalten würden (Leviathan, XIII,11)

[Weitere Einwände gegen die Vertragstheorie finden sich bereits in Aristoteles’ Politik, 3. Buch, 9. Kapitel, wo er sich etwa dagegen ausspricht, dass »aus dem Gesetz ein bloßer Vertrag« gemacht wird, und die Meinung vertritt, »daß der Staat nicht eine bloße Gemeinschaft des Wohnorts ist oder nur zur Verhütung gegenseitiger ungerechter Beeinträchtigungen und zur Förderung des Tauschverkehrs da ist«]

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Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 27 Jahre alt und ein kurzsichtiger, leseschwacher, besserwisserischer, aufmerksamkeitsdefizitärer, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter, unkonzentrierter und unangenehmer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Handy, Ziel im Leben, Job, eigene Wohnung, …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs, schlechter Verdauung und dem Wunsch, dem Kapitalismus ein Ende zu bereiten (der Sonnenkönig hängt dort oben wegen seines Gesichtsausdrucks und weil er mein erster und bisher bester Kanzler war). Mein Lebensmotto ist ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich tue was ich hier tue schon 2191 Tage. Das letzte Mal hat es hier am 17.08.2010 um 01:07 irgendetwas neues gegeben.
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