wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Mittwoch, 29. Juli 2009
Daniel Kehlmanns Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele

Ich hatte ihn bisher eher für einen Schnösel gehalten, aber das hat Klasse:

Ich bin also, ich leugne es nicht, voreingenommen, aber andere sind es nicht. Spricht man mit Russen, mit Polen, mit Engländern oder Skandinaviern, die deutschsprachige Lande besuchen und hier ins Theater gehen, so sind sie oft ziemlich verwirrt. Was das denn solle, fragen sie, was denn hier los sei, warum das denn auf den Bühnen alles immer so ähnlich aussehe, ständig Videowände und Spaghettiessen, warum sei immer irgendwer mit irgendwas beschmiert, wozu all das Gezucke und routiniert hysterische Geschrei? Ob das denn staatlich vorgeschrieben sei?

[...]

Es hat wohl mit der folgenreichsten Allianz der vergangenen Jahrzehnte zu tun: dem Bündnis zwischen Kitsch und Avantgarde. Nach wie vor und allezeit schätzt der Philister das Althergebrachte, aber mittlerweile muss sich dieses Althergebrachte auf eine strikt formelhafte Weise als neu geben. Denn wer ein Reihenhaus bewohnen, christlich-konservative Parteien wählen, seine Kinder auf Privatschulen schicken und sich dennoch als aufgeschlossener Bohemien ohne Vorurteil fühlen möchte - was bleibt ihm denn anderes als das Theater? In einer Welt, in der niemand mehr Marx liest und kontroverse Diskussionen sich eigentlich nur noch um Sport drehen, ist das Regietheater zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Ideologie degeneriert.

[Die Rede weicht hier vom Text in einem Punkt ab: Kehlmann sagt »christlich- oder ökologisch-konservative Parteien«, wie in dem Ausschnitt, der auf ORF.at abgerufen werden kann, deutlich zu hören ist - [Festspiele: Kehlmann-Rede sorgt für Aufsehen]]

[...]

Und unterdessen bleibt der Großteil der interessierten Menschen, die einstmals Publikum gewesen wären, daheim, liest Romane, geht ins Kino, kauft DVD-Boxen mit den intelligentesten amerikanischen Serien und nimmt Theater nur noch als fernen Lärm wahr, als Anlass für wirre Artikel im Feuilleton, als Privatvergnügen einer kleinen Gruppe folgsamer Pilger, ohne Relevanz für Leben, Gesellschaft und Gegenwart. "Das traurigste Gewerbe", sagte Reinhardt - und nicht selten ist man versucht, ihm zuzustimmen, sich abzuwenden und einfach das Fernsehen einzuschalten.

[Salzburger Festspiele sind eröffnet]

Wer es geschafft hat - im Neuen Bürgertum angekommen ist - die Grünen wählt, allseits „tolerant” ist, fair gehandelte Produkte kauft, auf seine Gesundheit achtet, regelmäßig Tränen für die Dritte Welt vergießt, sich über soziale Revolutionen ebendort empört, sich mit der Wahl des richtigen Privatkindergartens für den erlesenen Nachwuchs plagt, sich von Hugo Chávez in seinen bürgerlichen Freiheiten bedroht fühlt, auf das gewöhnliche Volk mal mit Abscheu mal mit Angst herabblickt, in Panik gerät wenn irgendwo die Reinheit und Ehre der Zivilgesellschaft befleckt wird, den Standard für eine gute Zeitung hält, jede Regung des Volkes für eine Vorstufe des Totalitarismus hält - kurz: in der Einöde der oberen Mitte der Gesellschaft zum Stehen gekommen ist, der ist die Zielgruppe des modernen Kulturbetriebs; die institutionalisierten Wiederholungen der gescheiterten ästhetischen Revolutionen von gestern und vorgestern sollen das Gefühl vermitteln, in einem unüberwindlichen Gegensatz zu „der Gesellschaft” zu stehen, wachsam und kritisch zu sein, doch in Wirklichkeit ist die Gegenstandslosigkeit dieser modernen Kunst nur ein Spiegel der Gegenstandslosigkeit des bürgerlichen Denkens und Fühlens, das sich selbst zu viel geworden ist. Die moderne Kunst ist das Spektakel des Bürgertums, das sich selbst einreden möchte, dass seine ständig zu scheitern drohende Flucht vor der Wirklichkeit, vor der Selbsterkenntnis, der einzig fortschrittliche, der einzig „moderne” Weg ist.

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Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 28 Jahre alt und ein kurzsichtiger, wenig- und langsamlesender, aufmerksamkeits- und noch vielgestalt andersgestörter, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter und unkonzentrierter stummer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Ziel im Leben, eigene Wohnung, geregeltes oder sonstwie geartetes Geschlechtsleben, usw …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs und Stoffwechsel sowie dem starken Wunsch, Drängen und Verlangen, der bürgerlichen Gesellschaft doch noch ein Ende zu bereiten (warum dennoch der Sonnenkönig dort oben hängt, darf jeder für sich selbst ausknobeln). In Ermangelung eines besseren ist mein Lebensmotto ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Blog eigentlich will, aber ich schreibe es mit kleineren und größeren Unterbrechungen doch schon seit 2711 Tagen, und so lange es mich noch freut, wird weitergeschrieben. Das letzte Mal hat es hier am 11.12.2011 um 23:33 irgendetwas neues gegeben.
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Ich möchte mich an dieser Stelle ganz aufrichtig bei allen echten Science Fiction Autoren entschuldigen. Sie wissen schon wofür …
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