| wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor |
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Sonntag, 1. November 2009
Dieser Eintrag ist schon ein gutes halbes Jahr überfällig
03:43h — ‹wenn das marxismus ist ...›
Die bisher größte Enttäuschung beim Schreiben meiner Diplomarbeit war Gramsci. Ich war in ein Seminar über Machiavelli hineingeraten und bald war klar: der Typ ist besser als sein Ruf, über den schreibe ich meine Diplomarbeit. Über die genaue Ausrichtung war ich mir nicht so im klaren, und ich war sehr froh, als ich erfahren habe, dass Gramsci (bei mir schon ewig auf der Liste) sich intensiv mit Machiavelli beschäftigt hatte. Thema der Arbeit also: Gramsci-Machiavelli Ich habe mir die italienische Ausgabe der »Gefängnishefte« («Quaderni del Carcere») besorgt und zu lesen angefangen. Ich war recht begeistert, habe mir viele Notizen gemacht und schließlich begonnen, die Diplomarbeit zu schreiben. Je genauer ich jedoch Machiavelli gelesen habe, und je mehr Gedanken ich mir darüber gemacht habe, desto unzufriedener wurde ich mit Gramscis Interpretation. Den letzten Anstoß gab dann die Lektüre von Althussers »Machiavelli und wir« («Machiavel et nous»), das Gramscis Ideen aufgreift und zuspitzt – mit erschreckendem Ergebnis. Der Grund ist, dass beide versuchen, Machiavelli zum Parteiphilosophen zu machen und ihn als einen (bzw. den) gedanklichen Vorläufer Lenins darzustellen – und zwar des staats- und parteioffiziell kanonisierten Lenin. Das heißt konkret: Machiavelli ist der Vordenker des nationalstaatlichen Absolutismus, der den Boden für den Kapitalismus bereitet – so wie Lenin der Begründer des Sozialismus in einem Land ist, der den Weg zum Kommunismus frei macht. – Unabhängig davon, wie sehr diese Ansicht eine Verunstaltung Lenins ist, und ob und wie und was an Lenin tatsächlich zu kritisieren wäre: Machiavelli ist kein Absolutist, und auch kein Nationalist im heutigen Sinne, sondern Republikaner und florentinischer Patriot. (Belegstellen folgen) Ein weiterer Punkt: Gramsci und Althusser meinen, dass Machiavelli im »Principe« einen neuen Typus des absolutistischen Herrschers beschreibt, der Italien einigen (und fit für den Kapitalismus machen) soll, und dass die revolutionäre Partei eine moderner, ein neuer principe ist. Marx und Engels bestehen darauf, dass die proletarische Revolution vom Proletariat selbst gemacht wird, der neue principe soll aber die Partei sein, die das Proletariat lenkt – und nicht das Proletariat selbst. Dazu kommt, dass Gramsci eingesteht, dass die Parteimitglieder selbst keine Proletarier sind, sondern Intellektuelle, die vor der Revolution die Partei (und damit das Proletariar) und nach der Revolution den neugegründeten (National-)Staat lenken sollen – auch das steht in direktem Widerspruch zu Marx und Engels (und hat wenig mit Machiavelli zu tun). Und wenn man böse sein möchte, weist man noch darauf hin, dass Gramsci diese Leute dirigenti nennt, und dass Marx im dritten Band des »Kapital« (23. Kapitel) Manager – also eine Gruppe (Schicht? Klasse?) von Leuten, die als „Funktionäre der Produktion” die Arbeiter befehligen und beaufsichtigen, und somit die Funktion der Kapitalisten ausüben, ohne selbst Kapitaleigentümer zu sein – als „Dirigenten” bezeichnet. Gramsci versichert, dass seine Intellektuellen keine eigene Klasse sind, sondern die berühmten „organischen Intellektuellen”, die in diesem Fall eben organisch mit der Arbeiterklasse verbunden sein sollen – aber was genau diese Intellektuellen mit „ihrer” Klasse verbunden halten und verhindern soll, dass sie den Staats- und Parteiapparat (den sie ja vollständig kontrollieren) gegen „ihre” Klasse einsetzen, das erklärt er nicht. Und was dann eigentlich eine solche Gesellschaft von einer bürgerlichen unterscheidet, auch nicht. (Denn es gibt ja nach wie vor eine herrschende und eine beherrschte Klasse, nur dass beide durch einen metaphysischen Trick identisch sein sollen – und wenn man wieder gemein sein möchte, dann erinnert man sich daran, dass Aristoteles in seiner »Politik« „organisch” das Verhältnis von Herr und Knecht nennt) [Was mich besonders wurmt, ist dass Gramsci und Althusser nicht nur behaupten, dass Machiavelli nicht das geschrieben hat, was er geschrieben hat, sondern dass er es gar nicht hätte schreiben können: Im frühneuzeitlichen Europa wurde der Feudalismus durch den Absolutismus abgelöst, Machiavelli war ein frühneuzeitlicher Denker, also war Machiavelli Absolutist – und so weiter. Machiavellis Republikanismus ist für Gramsci und Althusser eine Erfindung der französischen Enzyklopädisten, mit anderen Worten: ein Anachronismus. In ihrer Vorstellung gibt es in der Geschichte eine einzige objektive Entwicklungslinie, in Bezug auf die jemand entweder progressiv oder reaktionär ist, und Schluss. Machiavelli war progressiv, der Absolutismus hat gesiegt, also war Machiavelli Absolutist – Dass es historisch andere Wege zum Kapitalismus gegeben hat, die nicht absolutistisch und/oder nationalstaatlich waren , und dass auch nicht alle Wege zur klassenlosen Gesellschaft über den Kapitalismus führen müssen, kommt unter die Räder dieser durch und durch mechanistischen Geschichtsauffassung] [Auch nicht wenig verstörend ist, dass beide offensichtlich kein Problem darin sehen, die Sowjetunion in Analogie zu den absolutistischen Großmächten der frühen Neuzeit zu setzen (und damit die Russische Revolution ein zweites Mal zu begraben) – Und dass all das in der Linken vollkommen ignoriert und Gramsci (und in einigen Ecken auch Althusser) als der große marxistische Denker des zwanzigsten Jahrhunderts gefeiert wird] ... comment |
![]() Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 28 Jahre alt und ein kurzsichtiger, wenig- und langsamlesender, aufmerksamkeits- und noch vielgestalt andersgestörter, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter und unkonzentrierter stummer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Ziel im Leben, eigene Wohnung, geregeltes oder sonstwie geartetes Geschlechtsleben, usw …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs und Stoffwechsel sowie dem starken Wunsch, Drängen und Verlangen, der bürgerlichen Gesellschaft doch noch ein Ende zu bereiten (warum dennoch der Sonnenkönig dort oben hängt, darf jeder für sich selbst ausknobeln). In Ermangelung eines besseren ist mein Lebensmotto ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Blog eigentlich will, aber ich schreibe es mit kleineren und größeren Unterbrechungen doch schon seit 2715 Tagen, und so lange es mich noch freut, wird weitergeschrieben. Das letzte Mal hat es hier am 11.12.2011 um 23:33 irgendetwas neues gegeben. status
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