wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Samstag, 10. April 2010
Antonio Gramsci — Immer für eine Enttäuschung gut

Wie bereits berichtet war Gramsci bisher die größte Enttäuschung für mich. Wie oft habe ich beim Lesen aufgeblickt und mein imaginäres Gegenüber vorwurfsvoll gefragt, was denn das bitte anderes sein soll, als ein bürgerlich-radikales (nationales) Reformprogramm, der Diskurs eines verhinderten aufgeklärt-absolutistischen Staatsbeamten, und was denn das alles bitteschön mit Marxismus zu tun haben soll? Zu meiner Erleichterung durfte ich (spät aber doch) feststellen, dass ich damit nicht (ganz) allein bin. Die erste Arbeit über Gramsci im deutschsprachigen Raum war bereits eine sehr kritische, um nicht zu sagen: ein Abriss, und leider allem Anschein nach nahezu ohne Nachwirkung.

Die »Quaderni del carcere«, das posthum veröffentlichte Hauptwerk des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci, galten noch bis Mitte der sechziger Jahre außerhalb Italiens als »Geheimtip« unter all denen, die an eine Richtung im Marxismus anknüpfen wollten, die sich sowohl vom Marxismus der Zweiten Internationale als auch vom Lehrgebäude des Diamat der Stalinzeit abheben sollte. Die »Quaderni del carcere« enthalten eine Fülle fragmentarischer Noten zur Philsophien, Politik, Geschichte und Literatur. Sie sind im Gefängnis unter dem Regime Mussolinis entstanden. Der Verfasser dieser hier vorliegenden Untersuchung war nach seiner anfänglichen Beschäftigung mit den Gefängnisschriften Gramscis geneigt, das noch heute innerhalb und außerhalb Italiens verbreitete Mißverständnis zu teilen, Gramsci als einen zwar »undogmatischen«, aber im Großen und Ganzen bedeutenden Theoretiker der marxistischen Schule anzusehen. Seine Kenntnis der »klassischen« Werke der marxistischen Theorie war zu jener Zeit ebenso unvollständig wie die Kenntnis der gesamten Schriften Gramscis und seiner wirklichen Rolle innerhalb der italienischen Arbeiterbewegung. Nach Italien übergesiedelt, kam der Verfasser im Verlaufe einer mehrjährigen Beschäftigung nicht allein mit Gramscis Gesamtwerk und seinen näheren Lebensumständen, sondern auch mit der Geschichte des modernen Italien und der italienischen Arbeiterbewegung vor ihrer Liquidierung durch den Faschismus sowie den von Gramsci kritisierten marxistischen Theoretikern der Zweiten und frühen Dritten Internationale zu Ergebnissen, die das traditionelle Gramsci-Bild sehr in Frage stellen. Begünstigt wurde dies durch eine Reihe von Umständen. Die Gramsci-Legende der italienischen kommunistischen Partei war bis vor wenigen Jahren mit einer mystifizierten Darstellung der Frühgeschichte dieser Partei selbst eng verbunden. Mit einer an den historischen Quellen orientierten kritischen Neudarstellung dieser Periode, die in den letzten Jahren von verschiedenen Seiten in Italien in Angriff genommen wurde, nahm die Figur Gramscis als Mitglied der Führungsgruppe der KPI zunehmends wirklichkeitsnähere Züge an. Als ebenso wichtig zum Verständnis des Gramscischen Denkens erwies sich die dem Verfasser gebotene Gelegenheit, eine umfangreiche Auswahl der Schriften Gramscis herauszugeben und ins Deutsche zu übertragen. Übersetzung und Herausgabe waren Anlaß zu erneuter kritischer Lektüre. Sie führte dazu, nicht allein von bestimmten, in der Gramsci-Literatur immer wieder zitierten isolierten Passagen her den Zugang zu seinem System zu finden, sondern aus dem Gesamtzusammenhang seiner Schriften, die von den jugendlichen journalistischen Arbeiten bis hin zu den Gefängnisschriften eine ungebrochene Kohärenz des theoretischen Ansatzes aufweisen. Ihn zu entschlüsseln, war nicht möglich anhand eines Vergleiches mit der Marxismusdiskussion, die die Arbeiterbewegung in ihren Kämpfen »begleitete«, sondern im Rückgriff auf die akademische bürgerliche Marxismusdiskussion im Italien der Jahrhundertwende. Als diese Wurzeln des Denkens Gramscis ausgemacht waren, war es weniger wichtig, die bisher noch unveröffentlichten Teile der Gefängnisschriften zu untersuchen, deren Veröffentlichtung in Kürze zu erwarten ist, als vielmehr die im Druck vorliegenden Schriften beim Wort zu nehmen und sie auf ihr Verhältnis zum Marxismus zu untersuchen, dem sie — ob unwissentlich oder wider besseres Wissen — jahrelang fälschlich zugeordnet wurden.

Christian Riechers, »Antonio Gramsci. Marxismus in Italien«
(Aus der Reihe „Arbeiterbewegung — Theorie und Geschichte”, Redaktion: Claudio Pozzoli)
Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1970

———

Ich habe letztens über die „organischen Intellektuellen” der Arbeiterklasse nach Übernahme bzw. Gründung des Staates gemeint »… aber was genau diese Intellektuellen mit „ihrer” Klasse verbunden halten und verhindern soll, dass sie den Staats- und Parteiapparat (den sie ja vollständig kontrollieren) gegen „ihre” Klasse einsetzen, das erklärt er nicht.« Riechers macht (auf Seite 189) in diesem Zusammenhang auf die folgende Stelle aufmerksam (seine Übersetzung):

Die Krise kann »permanent« werden und eine katastrophenhafte Perspektive annehmen, denn sie ist nur durch Zwang zu definieren, durch einen Zwang neuen Typs, weil er von der Elite einer Klasse über die eigene Klasse ausgeübt wird. [Q 22, § 10 (V, 35)]

[La crisi può diventare «permanente», cioè a prospettiva catastrofica, poiché solo la coercizione potrà definirla, una coercizione di nuovo tipo, in quanto esecercitata dalla élite di una classe sulla propria classe, …]

Ich muss mich also korrigieren: Gramsci sieht ausdrücklich die Möglichkeit (und Notwendigkeit) vor, dass die „organischen Intellektuellen” einen allumfassenden Zwangsapparat errichten und gegen die „eigene” Klasse verwenden. Ich glaube es erübrigt sich jeder weitere Kommentar. Außer vielleicht, dass die Stelle im Kontext noch schlimmer ist. Der Eintrag trägt den Titel „‚Animalität’ und Industrialismus”. Gramsci diagnostiziert darin eine „Krise der Sitten”, bezeichnet den Widerstand der (industriellen) Arbeiterklasse gegen die neuen Produktionsmethoden als „animalisch” und wendet sich gegen die „aufklärerische und libertäre Mentalität in der Sphäre der geschlechtlichen Verhältnisse”, die den für die Durchsetzung dieser neuen Produktionsmethoden notwendigen Anpassungen des Sexuallebens des (industriellen) Proletariats entgegensteht: „gegen diese Vorstellung zu kämpfen bedeutet dann eben auch, die Eliten für die historische Aufgabe zu schaffen, oder sie zumindest zu entwickeln, denn ihre Funktion erstreckt sich auf alle Sphären der menschlichen Aktivität.” [Q 22, § 10 (V, 35)]

[»In ogni caso, ciò che si può opporre a questa funzione delle élites è la mentalità illuministica e libertaria nella sfera dei rapporti sessuali; lottare contro questa concezione significa poi appunto creare le élites necessarie al compito storico, o almeno svilupparle perché la loro funzione si estenda a tutte le sfere dell’attività umana.«]

Meine Damen und Herren: der vielgepriesene „schöpferische Marxismus” des Antonio Gramsci. Zum Abschied noch ein fast unübersetzbares Glanzstück:

Autocoscienza critica significa storicamente e politicamente creazione di una élite di intellettuali: una massa umana non si «distingue» e non diventa indipendente «per sé» senza organizzarsi (in senso lato) e non c’è organizazzione senza intellettuali, cioè senza organizzatori e dirigenti, cioè senza che l’aspetto teorico del nesso teoria–pratica si distingua concretamente in uno strato di persone «specializzate» nell’elaborazione concettuale e filosofica. [Q 11, § 12 (XVIII, 16 bis – 17)]

———

... comment



Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 28 Jahre alt und ein kurzsichtiger, wenig- und langsamlesender, aufmerksamkeits- und noch vielgestalt andersgestörter, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter und unkonzentrierter stummer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Ziel im Leben, eigene Wohnung, geregeltes oder sonstwie geartetes Geschlechtsleben, usw …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs und Stoffwechsel sowie dem starken Wunsch, Drängen und Verlangen, der bürgerlichen Gesellschaft doch noch ein Ende zu bereiten (warum dennoch der Sonnenkönig dort oben hängt, darf jeder für sich selbst ausknobeln). In Ermangelung eines besseren ist mein Lebensmotto ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Blog eigentlich will, aber ich schreibe es mit kleineren und größeren Unterbrechungen doch schon seit 2715 Tagen, und so lange es mich noch freut, wird weitergeschrieben. Das letzte Mal hat es hier am 11.12.2011 um 23:33 irgendetwas neues gegeben.
status
You're not logged in ... login
menu
search
 
calendar
April 2010
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
recent updates
Zusammenfassung der bisherigen...
Ich bin also fertig (und damit Magister der Philosophie)...
by flowo (2011.12.11, 23:33)
Watch This Space
by flowo (2011.12.08, 00:53)
Damit dürfte die...
Oh ja, ich bin ein Gewinner! Teilweise war es nicht...
by flowo (2010.10.21, 02:21)
Jetzt wird es ernst
Sehr ernstIch meine richtig ernstAber ich bin bereit
by flowo (2010.10.20, 00:18)
E. P. Thompson über...
Gestern war in der Jungen Welt ein Artikel über...
by flowo (2010.09.22, 22:37)
nettes
empfohlene schriftarten
etc.
xml version of this page

made with antville

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz aufrichtig bei allen echten Science Fiction Autoren entschuldigen. Sie wissen schon wofür …
#1057;