wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Mittwoch, 8. September 2004
Irakbeichte
[Ich schleppe das jetzt schon drei Wochen mit mir herum und sehr viel besser wird es nicht mehr - nicht dass es wirklich gut wäre. Nachträge, Ergänzungen, Verbesserungen, Links kommen irgendwann nach; einige der kursiv gesetzten Begriffe könnten erklärt und kommentiert werden.]

Die Irakerin aus der Lehrveranstaltung von Prof. Böhm aus dem letzten Semester sehe ich in letzter Zeit öfters. Ich habe es bis jetzt nicht geschafft, sie zu grüßen, und ich bringe es auch nicht fertig, ihr in die Augen zu sehen. Vorhin sind wir auf der Straße aneinander vorbei gegangen und ich habe auf den Boden gesehen. Ich bin mir halbwegs sicher, dass sie mich erkannt hat; jetzt und auch die letzten Male.

Der Grund dafür, dass ich ihr nicht mehr in die Augen sehen kann, ist, dass ich im Großen und Ganzen für den Irakkrieg war; nicht vorbehaltlos, nicht von vorne herein, nicht ohne böse Vorahnungen, aber im Endeffekt dafür. Ich habe mich einwickeln lassen, nach allen Regeln der Kunst. Demokratischer Interventionismus, demokratischer Internationalismus, demokratischer Imperialismus; so oder so ähnlich habe ich den (nicht erklärten) Angriffskrieg wegerklärt, mich darüber empört, warum einem totalitären Regime Souveränität zukommen soll, war über den blanken Antiamerikanismus der Kriegsgegner empört, war der Meinung, dass das Regime Massenvernichtungswaffen in seinem Besitz hat, wollte sie (die Kriegsgegner und Antiamerikaner der Welt) hassen lassen, solange sich nur fürchteten. Dass ich in meinem Irrglauben und meinem Ressentiment nicht allein war, macht es nicht besser; im Gegenteil: Leute, denen ich in ihrem Urteil vertraut hatte, haben sich als ebenso leicht zu blenden herausgestellt wie ich.

Gleich nachdem sich der Rauch gelegt hat und sichtbar wurde, wohin der Weg führt, den die US Regierung eingeschlagen hat, regte sich bei ihnen erste Kritik. Die Vertreter der hawkish left, darunter mein Haus- und Hof-blatt The New Republic (deren Redakteur Spencer Ackerman sein blog Iraq'd aus der Perspektive eines liberal hawk schreibt, der sich mehr und mehr die Frage stellt, ob das alles einen Sinn hatte und ob noch etwas und wenn ja was zu retten ist) haben sich selbst Fragen gestellt, wegen der Massenvernichtungswaffen, wegen der Strategie der Regierung, wegen der Vernachlässigung Afghanistans, wegen des bewussten (und lustvollen) Bruchs mit den Alliierten. Das ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit: viele Linke haben beschlossen, sich einzugraben und alles auf Bush (und Blair) zu setzen, darunter neben Leuten wie Christopher Hitchens auch sogenannte Marxisten; ein Großteil der rechten Reichshälfte der USA befindet sich im denial mode, bellt die von ihr so genannten liberalen Medien für die schlechten Nachrichten aus dem Irak an, nennt Demütigung, Folter, Mord in den Gefängnissen samt den Bildern davon harmlose college pranks, bloß Streiche von jungen Leuten, die Dampf ablassen müssen, schließlich schultern sie die Bürde des weißen Mannes, diesen undankbaren arabs die Demokratie - wenn nicht überhaupt die Zivilisation - zu bringen. Diese Untertöne, die auch gar nicht wirklich versteckt sind, hat es davor auch schon gegeben, aber ich habe mich an irgendeinem Punkt halbbewusst entschlossen, sie zu überhören. Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, mich zu fragen, ob die undemokratischsten Politiker der USA (über deren Praktiken ich sehr wohl informiert war) geeignet sind, Demokratie zu exportieren; ob man solchen Leuten mit irgendetwas trauen kann. Aber durch die Verheißung, Hitler diesmal nicht zum Zug kommen zu lassen, ihm sein München zu verweigern und ihn vom Thron zu stoßen, habe ich die kritischen Fragen, die entscheidend gewesen wären, ungestellt gelassen. Und so hat sich mein Blick auf die konzentriert, die sich diesem noblen Ziel entgegengestellt haben; nicht nur auf die prinzipiellen Nein Sager, auch auf die letzten Dritte Welt Romantiker, auf die Verfechter einer unbedingten nationalen Souveränität, auf die Pazifismus Träumer und auf die fanatischen Antiamerikaner; auf Leute also, die ich auch so nicht ausstehen kann. Ignoriert habe ich die Zweifler, die Bedächtigen, die Multilateralisten, die, die großen Programmen zur Weltverbesserung grundsätzlich skeptisch oder ablehnend gegenüber stehen und die, die der Bush Administration in gar nichts vertrauen. Einzig auf die, die auf eine Fortsetzung der Inspektionen gedrängt haben, habe ich gehört; und als sich herausstellte, dass es damit nichts werden wird, und mir klar wurde, was anderen schon längst klar gewesen war, dass nämlich die Bush Administration von Anfang an den Krieg wollte und sich davon nicht abbringen lassen würde, habe ich es hingenommen, das Interesse an der Sache verloren und mich danach gesehnt, dass es endlich beginnt und dann schnell wieder zu Ende ist. Ich war also erleichtert, als der Krieg begonnen wurde (erklärt wurde er nicht, ebenso wie der Krieg gegen die Taliban nicht erklärt wurde; er begann einfach - und ja: Kriege werden begonnen und beginnen nicht einfach) und hoffte auf ein schnelles Ende. Als es kurz danach aussah, als würde die Offensive ins Stocken geraten und der Spiegel "Supermacht im Sand" titelte, war ich mir sicher, dass es ohne Probleme weiter gehen wird; nicht geglaubt habe ich die apokalyptischen Prophezeiungen (darunter auch in telepolis), dass es in Baghdad entweder zu einem zweiten Stalingrad oder einem zweiten Dresden kommen wird - man merkt hier stark die deutsche (Deutsche als Opfer) Perspektive und die nicht geringe Tendenz, sich mit den so genannten Opfern der Amerikaner zu identifizieren und den Nationalismus, den man in Deutschland nicht ausleben kann, im Irak oder in Serbien auszuleben. Von der Situation in Österreich habe ich nicht viel mitbekommen, weil ich zu jener Zeit in Polen war, aber ich vermute stark, dass man sich an die deutsche Debatte angeschlossen hat, oder - wie im früher schon erwähnten Fall der AIK - sie mitbestimmt hat. Mit solchen Leute im "eigenen Lager" ist es nicht schwer, einfach die andere Richtung einzuschlagen und so lange zu gehen, bis man wo anstößt. Es ist nicht das richtige und für jemanden, der von anderen politische Vernunft einfordert, auch sehr unangebracht, aber es ist einfach.

Ich hatte also Recht mit dem Fortgang des Krieges und Baghdad fiel, während unter dem Gelächter der Welt der irakischen Informationsminister behauptete, es sei immer noch alles in Ordnung. Ich hatte Recht gehabt und kurz danach zeigte sich, wie wenig wichtig das noch war. Denn für danach hatte niemand vorgesorgt. Urplötzlich stand die CPA da (auch sie wurde niemals gegründet, noch wurde ihre gesetzliche Basis geregelt; es gibt sogar zwei verschiedene Ansichten darüber, worin ihre Existenz fußt. Sie war eines Tages da und operierte), aber wie es weitergehen sollte wusste niemand. Von offizieller Seite übte man sich in optimistischen Gesten und schrittweise, Fehlschlag für Fehlschlag wurde den Kriegsbefürwortern klar, dass der Karren in den Dreck gefahren war. Die Kämpfe gegen diejenigen, die die nach der Macht greifenden Fraktionen als heldenhafte Widerstandskämpfer bezeichnen, machten Platz für Kritik an Planung und Durchführung des Krieges. Man begann auch wieder vermehrt, mit den Kriegsbefürwortern der rechten Reichshälfte zu streiten; die durch die wohlklingende Rhetorik der Demokratiebringung geschmiedete Koalition der Befürworter fiel wieder auseinander. Mit der Zeit wurde auch die Zahl derjenigen geringer, die der Meinung waren, dass man noch etwas retten könnte, dass die Bush Administration nur ihre Politik um 180 Grad drehen müsste, und die Erkenntnis sickerte durch, dass sie dazu nicht willens oder nicht fähig war. Das Hauptaugenmerk wurde darauf gerichtet, regime change im eigenen Land zu erwirken, das heißt Kerry zum Präsidenten zu wählen und bis dahin den Schaden möglichst gering zu halten.

Trotz allem dürfte den meisten klar sein, dass aus dem Projekt der Demokratisierung im Irak nicht mehr viel werden wird, dass der Schaden nicht mehr oder nur sehr langsam zu reparieren sein wird. Dass Präsident Bush in seinem rücksichtslosen march to war den letzten Rest Glaubwürdigkeit Amerikas in der Welt verspielt hat, dass auch im Land selbst zu viel Schaden angerichtet wurde und vorallem: dass die Rechten alles in ihrer Macht stehende tun werden um zu verhindern, dass die Demokraten - sollten sie überhaupt zum Zug kommen - etwas daran ändern können. Schon vor dem Krieg waren einige Kommentatoren (darunter derjenige des Forward, der seine dahingehendenen Bedenken als Grund anführte, gegen den Krieg zu sein und der mir das einzige wirklich durchdachte und vernünftige Argument gegen den Krieg geliefert hat) der Meinung, dass ein wesentlicher Teil der Ziele des Krieges auch darin bestand, die multilateralen Institutionen in den Augen der amerikanischen Öffentlichkeit zu diskreditieren, mit den als einschränkend empfundenen Bindungen an die Alliierten Schluss zu machen und sie zu "we lead, you follow" coalitions of the willing umzubauen; weiters das bereits durch die drei tax cuts historische Budgetdefizit weiter zu erhöhen, um unter einem demokratischen Präsidenten wieder (wie unter Clinton) massive Kürzungen im Haushalt zu fordern um den Umbau der amerikanischen Gesellschaft zu einer ownership society voranzutreiben, das heisst: in die Zeiten vor dem New Deal zurückzukehren, den Staat auf Militär und Geheimdienst (jeweils mit ausgeweiteten Befugnissen ausgestattet) und eventuell noch ein wenig corporate welfare zu stutzen.

All das und noch viel mehr hat man (und habe ich) mit einem ja zum Irakkrieg unterstützt. Es hätte jedem klar sein können, was die Herren über Guantánamo im Irak machen würden. Aber ich habe es vorgezogen, mich der Rhetorik hinzugeben; und ich bin ihnen auf den Leim gegangen.

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Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 28 Jahre alt und ein kurzsichtiger, wenig- und langsamlesender, aufmerksamkeits- und noch vielgestalt andersgestörter, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter und unkonzentrierter stummer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Ziel im Leben, eigene Wohnung, geregeltes oder sonstwie geartetes Geschlechtsleben, usw …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs und Stoffwechsel sowie dem starken Wunsch, Drängen und Verlangen, der bürgerlichen Gesellschaft doch noch ein Ende zu bereiten (warum dennoch der Sonnenkönig dort oben hängt, darf jeder für sich selbst ausknobeln). In Ermangelung eines besseren ist mein Lebensmotto ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Blog eigentlich will, aber ich schreibe es mit kleineren und größeren Unterbrechungen doch schon seit 2711 Tagen, und so lange es mich noch freut, wird weitergeschrieben. Das letzte Mal hat es hier am 11.12.2011 um 23:33 irgendetwas neues gegeben.
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