wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Mittwoch, 8. September 2004
back issues: 20.12.2003: "Die Irrtümer des Rudolf Burger"
Am Montag hätte in einer Lehrveranstaltung mit dem Titel "Auschwitz" ein Herr Rudolf Burger erscheinen können, um über die Frage zu reden, ob man die Judenvernichtung vergessen soll. Der Lehrveranstaltungsleiter hatte ihn eigentlich für den 1. Dezember eingeladen; Burger hatte auch zugesagt, kam dann aber nicht. Die Hoffnung war, dass es gelingen könnte, ihn doch noch heranzuschaffen.

Besagter Herr Burger war nämlich in einem Artikel in der Ausgabe 2/2001 der Zeitschrift "Europäische Rundschau" eine Provokation ersten Ranges gelungen. Das Versprechen des Titels "Die Irrtümer der Gedenkpolitik. Ein Plädoyer für das Vergessen" löste er ein. Eingeleitet von einem veränderten Zitat aus Michel Foucaults "Sexualität und Wahrheit", behauptet er, die Rede von der Verdrängung der Vergangenheit sei ausschließlich auf Sigmund Freuds Konzept der Verdrängung gegründet, und da eine Gesellschaft kein Bewusstsein (und damit auch kein Unterbewusstsein) hat und Psychoanalyse von vorne bis hinten unwissenschaftlich ist, existiert eine wie immer geartete Verdrängung der Vergangenheit nicht; zugleich mit dem (unglücklich gewählten) Begriff schafft Burger die (trotzdem vorhandene) von dem Begriff bezeichnete Realität ab. Es ist zwar richtig, dass man nicht nicht von der "Nazizeit" gesprochen hat. Wichtig ist aber in dem Zusammenhang, was nicht gesagt wurde. Offiziell war hieß es, Österreich sei erstes Opfer Hitlers gewesen. Für die überwiegende Zahl der österreichischen Politiker - die gerade aus dem Exil oder dem KZ zurückgekommen waren - stimmte das. Für die überwiegende Zahl der Bevölkerung war es eine Position hinter der man es sich bequem machen konnte, von der eigenen Unschuld und Hilflosigkeit und der Brutalität der Nazis sprechen konnte; aber wenn man genauer zuhörte, war immer auch die Rede von den Leistungen, von der Ordnung, die wieder einmal jemand geschaffen hat, dass es schon richtig war, dass manche im Lager gelandet sind, dass jemand etwas gegen die Juden unternommen hat, es den frechen Franzosen, Briten, Amis, Polen, ... gezeigt, uns gegen ihre Angriffe, und vorallem gegen die Russen, verteidigt hat, usw. Ein Beispiel dafür sind die in einem Artikel auf news.orf.at zitierten "Ausrutscher" in der Politik der Zweiten Republik:

Im Wahlkampf 1949 kämpfte der Ex-KZ-Häftling und steirische ÖVP-Chef Alfons Gorbach (ÖVP), der später auch Bundeskanzler wurde, unter anderem mit folgendem Statement um Wählerstimmen.

"Da mögen die Herren Emigranten noch so viel Moralinsäure verspritzen: Jene, die draußen (an der Front) ihren Mann gestanden haben, wissen besser, was anständig ist, als jene, die sich beim ersten Kräuseln des Ozeans in Übersee in Sicherheit gebracht haben. Ich spreche den Emigranten das Recht ab, in der NS-Frage mitzureden."

1975 erklärte der damalige Kärntner SPÖ-Landeshauptmann Leopold Wagner, er sei zwar "kein Napola-Zögling" (Eliteschule der Nazis), dafür aber "hochgradiger Hitlerjunge" gewesen. Der burgenländische SPÖ-Landeshauptmann Theodor Kery bestritt seine Wahlkämpfe ebenfalls mit Verweis auf seine braune Vergangenheit.


Um noch klarer zu machen, was er von denen hält, die das Erinnern an diese "Wohltaten" einfordern, unterstellt er ihnen die Propagierung einer "Kollektivschuldthese", deren Basis Carl Gustav Jung geliefert hätte, der ja immerhin ein Nazi gewesen sei. Er stellt die Mahner in dasselbe völkische Eck wie die Täter. Da also die vermehrte Beschäftigung mit dem Themenkreis nicht die "Wiederkehr des Verdrängten" sein kann, weil nichts verdrängt wurde, steht das ganze im Zusammenhang mit der Kulturindustrie, das Gedenken ist "moralische Erpressung".

Das Vergessen "um des lieben Friedens willen" hingegen wäre ein Akt höchster Pietät und Zivilisation. Für Burger gibt es keinen Beweis, dass das Gedenken an Untaten irgendetwas positives bewirkt hätte. Für ihn ist das Gegenteil wahr: "Umgekehrt galt in der gesamten europäischen Zivilisationgeschichte die Maxime 'Niemals Vergessen!' nicht als Mahnung, eingedenk des vergangenen Schreckens seine Wiederholung zu verhindern, sondern als militante Kollektivverpflichtung, unter günstigeren Bedingungen wieder zu mobilisieren; nicht als Friedensformel, sondern als Kampfparole". Aha! Hinter der Parole "Nie wieder!" steckt also die verhüllte Absicht, bei nächstbester Gelegenheit aufs Neue zu versuchen, die Juden, rassisch minderwertige sowie Roma und Sinti zu vernichten! Eine Absicht, die einzig und allein Rudolf Burger durchschaut hat; jeder andere Mensch könnte glauben, hinter der Erinnerung an den Nationalsozialismus würde tatsächlich die Absicht stehen, dass sowas nie wieder vorkommt.

Als Beweis dafür, dass Vergessen zivilisert, führt Burger an, dass es immer wieder praktiziert worden ist und man erst im 20. Jahrhundert begonnen hat, diese Praxis zu ändern. Er impliziert, dass die Katastrophen dieses Jahrhunderts genau hier ihrem Ursprungspunkt haben. Die Frage ist aber: Was hat das Vergessen gebracht? Ist die europäische Geschichte denn nicht eine Aneinanderreihung von Greueltaten? Hatte eine Politik des Vergessens (so es sie überhaupt gegeben hat) eine bessere Wirkung als eine Politik des Erinnerns?

Das sind Fragen, denen sich Rudolf Burger verweigert. Er ignoriert die Debatte, die über das historische Gedenken im Gange ist. Es ist ihm "pietätvoller", wenn er davon nichts mitbekommen muss.

Weitere Meinungen:

Verächter des Erinnerns Martin Meyer, Neue Zücher Zeitung, 16. Juni 2001
Vom "Kampf um die Erinnerung" zur Inszenierung eines Medien-Hype Zur Verortung der "Burger-Debatte" im "österreichischen Gedächtnis", Heidemarie Uhl, context xxi
Nationaler Schulterschluss gegen die Erinnerung Über Aktualität und politische Opportunität von Burgers Philosophie des Vergessens, Alexander Pollak/Heribert Schiedel, context xxi
Beifall von Rechts
Krause Theorien Rudolf Burger und die jüdische Weltverschwörung, Karl Pfeifer, hagalil.com, 12. März 2003
'Schwamm drüber' läuft nicht Warum eine Amnestie für Hitler & Österreich kaum zu bekommen sein wird, Siegfried Mattl, science.orf.at
Ein "dummdreister" Philosoph... register. Mailing List für deutschsprachige Philosophie
Abstraktionen des Denkens Stefan Nowotny, Kulturrisse 0401
Brutalphraseologie und Kühle des Denkens Zu ideologischer Verblödung durch Provokanzsucht: Interview mit Slavoj Zizek betreffend, Burgart Schmidt, Kulturrisse 0401
Debatten im Nationalrat, in denen sein Name genannt wird
langeweilend gelangweilt Camp Catatonia
Des Kanzlers Musketiere Österreichs Medienintellektuelle werden zum Ritter geschlagen statt getortet, Gerald Raunig, kunst|fehler online sep/okt 00
Unterirdische Erinnerung Peter Gstettner, Die Brücke, Oktober 2001
Süßstoffland ist abgebrannt. Österreich im Zeitalter des Zuckers Eine Replik auf Slavoj Zizek, Gerald Raunig, European Institute for
Progressive Cultural Policies
Apologie der Erstarrung Klaus Neundlinger, grundrisse 1
Bartoszewski-Rüffel für Rudolf Burger Die Presse, 03. September 2001

Weiters:
"Ein babylonischer Krieg" Nachdruck eines Interviews mit der schweizer Zeitschrift "Das Magazin" in der Tageszeitung "Die Presse", 08. März 2003
"Das ist nicht mein Krieg" Interview mit der Tageszeitung "Die Presse", 13. Juni 2002
Vergessen oder erinnern: Warum heute noch von Auschwitz reden? Die Sendung Kreuz & Quer des ORF, Dienstag 6. 11. 2001, 23.05 Uhr in ORF 2; Teilnehmer: Rudolf Burger, Philosoph, Wien; Dan Diner, Historiker, Tel Aviv; Jörn Rüsen, Philosoph, Essen; Eva Menasse, Journalistin, Wien; mit Videostreams und Diskussionsforum (scheinen nicht zu funktionieren)

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Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 28 Jahre alt und ein kurzsichtiger, wenig- und langsamlesender, aufmerksamkeits- und noch vielgestalt andersgestörter, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter und unkonzentrierter stummer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Ziel im Leben, eigene Wohnung, geregeltes oder sonstwie geartetes Geschlechtsleben, usw …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs und Stoffwechsel sowie dem starken Wunsch, Drängen und Verlangen, der bürgerlichen Gesellschaft doch noch ein Ende zu bereiten (warum dennoch der Sonnenkönig dort oben hängt, darf jeder für sich selbst ausknobeln). In Ermangelung eines besseren ist mein Lebensmotto ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Blog eigentlich will, aber ich schreibe es mit kleineren und größeren Unterbrechungen doch schon seit 2715 Tagen, und so lange es mich noch freut, wird weitergeschrieben. Das letzte Mal hat es hier am 11.12.2011 um 23:33 irgendetwas neues gegeben.
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