| wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor |
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Mittwoch, 8. September 2004
back issues: 16.01.2004: "Die Woche"
18:01h — ‹vom vorigen blog›
In bereits erwähnter Lehrveranstaltung am Montag bei Prof. Fischer ging es u.a. um den katholischen Antisemitismus. Bei der bloßen Erwähnung des Wortes sah sich ein Teilnehmer der Lehrveranstaltung verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass ja ein katholischer oder grundsätzlich ein christlicher Antisemitismus ebenso wie ein solcher Antijudaismus ja in völligem Gegensatz zu der Entstehungsgeschichte des Christentums stünde, also quasi ein Widerspruch in sich sei, denn: ohne Judentum kein Christentum. Auch der politische Einfluss des Katholizismus hätte erst seit der Gegenreformation überhaupt entwickelt, denn Religion hätte ja nun wirklich nichts mit Politik zu tun. Ich war so erstaunt über die Anhäufung von apologetischem Unsinn, dass ich halbwegs ruhig und sachlich geantwortet, mich jedoch unabsichtlich mit einem großen Teil der präsentierten Argumentation einverstanden erklärt habe, da mir spontan nur eine handvoll Kritikpunkte eingefallen sind. Ich meinte, eine knapp zwei Jahrtausende währende antisemitische Praxis ließe sich nicht mit der Behauptung eines Widerspruchs zur ursprünglichen Lehre vom Tisch wischen, vergaß aber zu sagen, dass trotz aller Verflechtungen das Judentum mit dem Christentum nicht kompatibel ist; es ist und bleibt für einen ernsthaften Christen einerseits die Konkurrenz, andererseits die Ansammlung Ungläubiger, die Jesus nicht als Messias und die Erlösung für eingetreten anerkennen will (ganz abgesehen von der üblichen Walze von wegen "die Juden haben unseren Messias getötet"). Weiters meinte ich, die politische Kontamination des Christentums sei spätestens zu dem Zeitpunkt eingetreten, als es zur Staatsreligion des römischen Reiches wurde, vergaß aber hier zu argumentieren, dass die etablierte Religion von Beginn der menschlichen Zivilisation an so gut wie immer mit der politischen Macht verflochten war, sei es im alten Babylonien, in Ägypten, im Palästina der römischen Besatzung, in Rom selbst, ... bis in die heutige Zeit; auch der Gedanke, Religion könnte eine reine Privatsache oder zumindest eine private Vereinsaktivität sein, ist etwas merkwürdig, macht sie doch üblicherweise den ihr Anhängenden sehr konkrete Vorschriften über das Verhalten anderen Menschen gegenüber, was sie auf jeden Fall zumindest zu einem gesellschaftlichen Akteur macht (selbst unter Abwesenheit einer kirchlichen Organisation).
In ebenfalls bereits erwähnter Übung "Probleme der marxistischen Theorie und Praxis" heute Freitag wurde ein Referat über Lenins Imperialismustheorie und ihre mögliche Anwendung auf den Irak gehalten, an und für sich nichts besonderes für eine solche Lehrveranstaltung. Jedoch: das Referat sollte bereits vor Weihnachten gehalten werden, musste aber verschoben werden, da die Referentin, laut Auskunft des Lehrveranstaltungsleiters, eine Konferenz in Kairo besuchte; daraus schloss ich, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um diese Konfernz handelte. Über die in der jungle world 53/2003 zu lesen war: "Bezeichnend für die gesamte Ausrichtung der Kairoer Konferenz ist vor allem das Papier des eingangs erwähnten Libanesen Kamil Dagher, der seine aufrichtige Verachtung für Saddam Hussein und scharfe Kritik am antidemokratischen Charakter der übrigen arabischen Regimes mit einem geradezu steinzeitlich kruden Antiimperialismus und Antizionsmus verbindet. Neben den üblichen Boykottforderungen verlangt er gleich noch die Rückführung aller arabischen Juden in ihre Herkunftsländer. Wie viele andere Konferenzteilnehmer verdammt er die Beteiligung der irakischen KP am Regierungsrat und fordert sie zum Sturz der gegenwärtigen Führung auf, damit die KP dann ihren gebührenden Platz in »den Frontlinien des Widerstands gegen die Besatzung« einnehmen kann. Auch die Arbeiterkommunistische Partei des Irak (AKPI) wird aufgefordert, ihre bisherige Weigerung aufzugeben, sich dem »militärischen Widerstand« anzuschließen (Jungle World, 51/03). Die linken und rechten Antiimperialisten Europas mit ihrer Kampagne »Zehn Euro für den irakischen Widerstand« werden solche Signale aus Kairo gern vernehmen." Ich machte mich bereits auf alles mögliche gefasst, aber das Referat selbst war dann, wie eingangs erwähnt die Vorstellung von Lenins Imperialismustheorie und einige recht allgemeine Worte zum Irak. In der üblicherweise den Referaten folgenden Diskussion wollte ich dann, im Zusammenhang mit der Bewertung der Situation im Irak von Seiten der Referentin diese Konferenz zur Sprache bringen und fragen, ob sie teilgenommen hat und falls sie dies bejaht hätte, um Näheres gebeten. Tatsächlich stellte ich auch die erste Frage, wollte aber nur wissen, ob Lenin denn überhaupt keine alternative Entwicklung in seiner Theorie vorgesehen hatte. Daraufhin entwickelte sich die Diskussion entlang dieser Fragestellung, bis sie von einer tagespolitischen Dringlichkeit unterbrochen wurde. Der Lehrveranstaltungsleiter wollte aber, ebenso wie ich, das Thema nicht Irak nicht auslassen, also wird die Diskussion nächsten Freitag nachgeholt; leider kann ich da nur die Hälfte der Zeit anwesend sein, aber immerhin. Die tagespolitische Dringlichkeit war die Besetzung einzelner Räume der Universität Wien durch Studenten. Ein Teilnehmer schlug mit erregter Stimme vor, die Lehrveranstaltung in den besetzten Sitzungssaal zu verlegen. Auch daraus entwickelte sich eine Diskussion, in deren Verlauf einige der zahlreichen Mängel dieser Aktion recht unverblümt zur Sprache kamen, sodass besagter Teilnehmer mit deutlich weniger Enthusiasmus als zu Anfang den Hörsaal verließ und sich alleine zum Sitzungssaal aufmachte. Vorallem wurde bemängelt, dass die Aktion offensichtlich nicht durchgeplant worden war, was allerdings auch als Vorteil dargestellt wurde. Ich selbst sagte nichts, hätte aber einiges sagen sollen: Es wurden hier die Grundregeln politischen Handelns missachtet: Am Anfang hätte eine genau Analyse stehen müssen; es hätte geklärt werden müssen, wer in der ganzen Affäre tatsächlich die handelnden Akteure, welches ihre Interessen und welches die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel sind; die bisherigen Ereignisse hätten ebenso rekapituliert werden müssen, wie das, was man dem entgegenzusetzen hatte. In diesen Kontext hätte dann die aktuelle Maßnahme gestellt werden müssen, um konkret die Frage zu beantworten, wer für sie mit welchen Absichten verantwortlich zeichnet. Nach der Klärung der eigenen Position und der durchzusetzenden Maßnahmen hätte sich daraus halbwegs klar ergeben, welche Forderungen an wen zu stellen gewesen wären und vorallem in welcher Weise man diese, unter Berücksichtigung der eigenen Stellung innerhalb sowohl des Prozesses als auch der Geselllschaft insgesamt, durchsetzen hätte können. Ausformuliert: Man hätte sich die bisherigen Reformvorgänge dahingehend ansehen müssen, wie sich die Machtverteilung geändert hat, entschieden, ob man jetzt gegen Unterrichtsministerin Gehrer, das neue Universitätsgesetz, Rektor Winckler oder den Organisationsplan für die Uni Wien ist. Man hätte zu dem Schluss kommen können, der erfolgversprechendste Weg wäre der einer Orientierung am Rektor und seinen Plänen zur autoritären Umgestaltung der Universität. Danach wäre es darum gegangen zu klären, wie man auf die Entscheidungen des Rektors Einfluss nimmt und hätte, da einem dazu die institutionelle Macht fehlt, zu anderen Maßnahmen gegriffen, Druck auszuüben, sich darauf konzentriert, den Rektor und sein Alliierten zu blamieren und für dessen Chefin untragbar werden zu lassen. Bei all dem hätte man im Hinterkopf behalten, dass Studenten in der österreichischen Gesellschaft einen schweren Stand haben und mit Anliegen irgendwelcher Art in der Mehrzahl negative Reaktionen auslösen, wenn überhaupt. Insofern ist - leider - auch der gestrige und heutige Protest ein Fortschritt gegenüber bisherigen Aktionen, von denen nicht einmal berichtet wurde; beispielsweise der sogenannte Streik gegen die Einführung der Studiengebühren, von dem die große Mehrheit der Bevölkerung nicht mitbekommen hat, dass es ihn überhaupt gegeben hat. Die Besetzung ist mittlerweile zu Ende gegangen, der Rektor hat zum Gespräch geladen; die Studentenvertreter meinen, der Organisationsplan müsse zurückgezogen werden und behalten sich weitere Maßnahmen vor. Mal sehen. ... comment |
![]() Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 28 Jahre alt und ein kurzsichtiger, wenig- und langsamlesender, aufmerksamkeits- und noch vielgestalt andersgestörter, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter und unkonzentrierter stummer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Ziel im Leben, eigene Wohnung, geregeltes oder sonstwie geartetes Geschlechtsleben, usw …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs und Stoffwechsel sowie dem starken Wunsch, Drängen und Verlangen, der bürgerlichen Gesellschaft doch noch ein Ende zu bereiten (warum dennoch der Sonnenkönig dort oben hängt, darf jeder für sich selbst ausknobeln). In Ermangelung eines besseren ist mein Lebensmotto ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Blog eigentlich will, aber ich schreibe es mit kleineren und größeren Unterbrechungen doch schon seit 2715 Tagen, und so lange es mich noch freut, wird weitergeschrieben. Das letzte Mal hat es hier am 11.12.2011 um 23:33 irgendetwas neues gegeben. status
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