wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Mittwoch, 8. September 2004
back issues: 08.03.2004: "Montag, 1. März 2004"
Geschichte der Philosophie in der Sowjetunion (Manfred Füllsack)
Langsam füllt sich der Hörsaal (in Wirklichkeit ein Kammerl, dessen türseitige Wand mit Schränken verkleidet ist); die Uhr gegenüber der Tafel (Plastik, Marke stilvoll vergoldet) steht still auf Punkt 4 Uhr. Die üblichen Verdächtigen haben sich eingefunden und warten gespannt auf den Beginn der Vorbesprechung. Wozu eine Vorbesprechung für eine Vorlesung, wurde gefragt. Aber jetzt herrscht Stille. Der Lehrveranstaltungsleiter kommt herein, stellt sich vor und beginnt, den Gegenstand der Vorlesung zu beschreiben: Trotz der Restriktionen sei die Philosophie der Sowjetunion keine "naive" gewesen, es wäre um reale Probleme gegangen und vorallem das Verhältnis Theorie-Praxis sei in der sowjetischen Philosophie auf das eingehendste untersucht worden. Weiters würde dieser Sachverhalt im philosophischen mainstream anders gesehen, weshalb sie wenig beackert würde (für die Grasser-Fraktion: das ist die Orchidee der Orchidee, wenn nicht gar die Orchidee der Orchidee der Orchidee, wie auch immer das aussehen würde), sich aber auch als Dissertationsthema anbiete - und womit man womöglich sogar Aufsehen erregen könnte. Der Vortragende merkt noch an, kein Marxist zu sein und nach diesen Ausführungen (und einigen kleinen Exkursen) gibt es die obligatorische Vorstellungsrunde. Gleich als erste stellt sich eine Sozioökonomin vor, die Runde geht weiter über ein bekanntes Gesicht aus der Marxismus-Lehrveranstaltung des letzten Semesters zu mir. Wie die meisten stellen ich mich als Philosoph im Hauptfach vor - füge aber hinzu, dass ich wohl im Herbst mit Volkswirtschaft anfangen werde - und bekunde mein generelles Interesse für das 20. Jahrhundert, und dass da der reale Sozialismus natürlich nicht fehlen darf; als Vorkenntnisse führe ich mein bisschen Marx an und ein paar Sozialdemokraten. Als ich noch hinzufüge, dass ich also von der anderen Seite bin, verändert sich der Gesichtsausdruck des Lehrveranstaltungsleiters noch mehr, als er es bei der Nennung der Sozialdemokraten schon tat. Was genau das zu bedeuten hat, wenn überhaupt, kann ich nicht herausfinden und bleibt mir rätselhaft. Insgesamt sind knappe zwanzig Leute anwesend, vielleicht fünfzehn.

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Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 27 Jahre alt und ein kurzsichtiger, leseschwacher, besserwisserischer, aufmerksamkeitsdefizitärer, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter, unkonzentrierter und unangenehmer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Handy, Ziel im Leben, Job, eigene Wohnung, …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs, schlechter Verdauung und dem Wunsch, dem Kapitalismus ein Ende zu bereiten (der Sonnenkönig hängt dort oben wegen seines Gesichtsausdrucks und weil er mein erster und bisher bester Kanzler war). Mein Lebensmotto ist ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich tue was ich hier tue schon 2196 Tage. Das letzte Mal hat es hier am 17.08.2010 um 01:07 irgendetwas neues gegeben.
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