wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Sonntag, 26. April 2009
Sonntagslektüre

Wenn mich jemand fragt, warum ich den Standard nicht mag, verkneife ich mir in letzter Zeit die lange Antwort mit Beispielen dafür, warum diese Zeitung schlecht ist (die immer wieder aufkommende Hetze gegen eine gewisse Minderheit, die pro-amerikanische Blattlinie, dass sie mindestens einmal im Monat einen Artikel eines allseits bekannten Rechtsextremisten abdrucken, die offene Feindschaft gegen die Sozialdemokratie, die regelmäßigen Zielgruppenbeilagen: Geldmarkt, Kunstmarkt, Bildungsmarkt, Karrieremarkt, Politikmarkt, Körpermarkt, ... //zugegeben, die letzten paar heißen nicht wirklich so// - usw.), und antworte stattdessen kurz und bündig, dass mir die Zeitung zu rechts ist, was man nebem vielem anderen auch daran festmachen kann, dass der Wirtschaftsteil „Investor” heißt, während eine anständige Zeitung ihren Wirtschaftsteil „Arbeit und Kapital” nennen würde.

Und es gibt tatsächlich einige Zeitungen, die genau das machen, darunter il manifesto. In solchen Zeitungen liest man dann etwa ein Interview mit dem israelischen Architekten Eyal Weizman, möglicherweise bekannt durch seine Bücher A Civilian Occupation: The Politics of Israeli Architecture (zusammen mit Rafi Segal) oder Hollow Land: Israel's Architecture of Occupation (beide bei Verso erschienen) - [Lucia Tozzi, Weizman a FERRARA, il manifesto, 18. April 2009]

[Bei der Gelegenheit: ein Artikel samt Interview anlässlich des Erscheinens von Hollow Land im Socialist Worker]

The occupied West Bank, 1999. A group of Israeli settlers complain that their mobile phone reception cuts out on a bend in a road from Jerusalem to their settlements.

The mobile phone company Orange agrees to put up an antenna on a hill overlooking the bend.

The hill happens to be owned by Palestinian farmers, but since mobile phone reception is a “security issue”, the mast construction can go ahead without the farmers’ permission.

Other companies agree to supply electricity and water to the construction site on the hill.

In May 2001 an Israeli security guard moves on to the site and connects his cabin to the water and electricity mains. Then his wife and children move in with him.

In March 2002 five more families join him to create the settler outpost of Migron. The Israeli ministry for construction and housing builds a nursery, while donations from abroad build a synagogue.

By mid-2006 Migron is a fully fledged illegal settlement comprising 60 trailers on a hilltop around the antenna, overlooking the Palestinian lands below.

This blow-by-blow account of just one example of the ongoing Israeli colonisation of Palestine appears in the opening pages of a fascinating new book by Eyal Weizman, the dissident Israeli architect.

Called Hollow Land: Israel’s Architecture of Occupation, it is an extraordinarily detailed account of exactly how the occupation works in practice, focusing on the physical organisation of space and the political dynamics that shape it.

The 300 page book is packed with fascinating diagrams and photographs that shed a revealing light on almost every aspect of the occupation.

[...]

I asked Eyal what had prompted him to write the book – and what the significance was of its subtitle referring to the “architecture of occupation”.

“As I was working, it seemed to me more and more that the entire occupation, the entire formation of the terrain itself, could be thought of in the same way as you think of the structure of a building,” he says.

“This first occurred to me while reading the Oslo Accords of 1993. The partition of the territory put forward there is not two dimensional but three dimensional – it partitions a volume, rather than a land, giving Palestinians some bits of land while maintaining the subterranean water reservoirs and airspace for Israel.

“As soon as you imagine geopolitics operating in a volume like that, architecture comes into play.”

This analogy led him to consider how architectural analysis could be applied to a military and political situation: “For instance, what’s the most basic analytic tool you use if you’re an architecture student and you want to understand a building? You draw a cross-section through it.

“In fact, the book Hollow Land is structured as a cross-section through the entire Occupied Territories. The first chapter is about the underground water reservoirs.

“Then it looks at the archaeology, then the valleys, the hills and finally the airspace. It’s a series of episodes that make up a volume, layer by layer, chapter by chapter.

“So you can think of the entire occupation as if it was some kind of complex building, such as an airport or a shopping mall, with security corridors inbound and outbound, and movement through it.”

[Anindya Bhattacharyya, Eyal Weizman interview: Israel's oppressive architecture of occupation, Socialist Worker, 25. August 2007]

[Ein Ausschuss des israelischen Innenministeriums hat ungeachtet der Einwände aus den USA den Ausbau der Siedlung Maale Adumim im besetzten Westjordanland empfohlen. Wie der Armeehörfunk heute berichtete, sprach sich der Ausschuss dafür aus, die drei Kilometer östlich von Maale Adumim gelegene kleine Siedlung Kedar dem großen Maale Adumim einzugliedern, ebenso wie die Gebiete zwischen den beiden Siedlungen.]

[Dazu sollten 1.200 Hektar zusätzlich annektiert werden. Die Einwohnerzahl in Maale Adumim nahe Jerusalem werde dann auf 34.500 steigen. Innenminister Eli Yischai von der ultraorthodoxen Schaspartei muss der Maßnahme demnach noch zustimmen.]

[Die US-Regierung hatte wiederholt zu verstehen gegeben, dass sie eine Erweiterung der Siedlung ablehnt. Vonseiten der Palästinenser gibt es heftige Proteste gegen die Ausbauplanungen, weil das Westjordanland dadurch zweigeteilt und die Bildung eines unabhängigen Palästinenserstaats mit Ostjerusalem als Hauptstadt erschwert würde. - [Israel: Weitere Siedlungen sollen gebaut werden]]

Oder man liest eine Rezension der italienischen Übersetzung von John Rawls’ Lectures on the History of Political Philosophy, geschrieben von niemand anderem als Toni Negri - [Toni Negri, Il pigro DEMOCRATICO, il manifesto, 24. April 2009]

Die Rezension ist äußerst unfreundlich, und das zu Recht. Negri stösst sich unter anderem daran, dass Rawls die Geschichte der modernen politischen Philosophie bei Hobbes beginnen lässt, und nicht etwa bei Machiavelli (und dass er aus Marx einen liberalen Theoretiker der Gerechtigkeit macht, und noch ein paar andere Sachen); das liegt laut Negri daran, dass für Rawls - ganz der Apologet des Liberalismus - politische Theorie ausschließlich Vertragstheorie ist, sodass das moderne politische Denken für ihn eben bei Hobbes beginnt.

[Zur Erinnerung: Verträge, die unter Zwang zu Stande gekommen sind, sind einzuhalten; es bedarf einer Souveränen Macht, die das Volk durch Terror zur Einhaltung des Vertrages, mit dem es sich dem Souverän unterworfen hat, zwingen kann; alle denkbaren Staatsformen sind im Endeffekt in ihrer Struktur gleich; usw.]

Dass die Vertragstheorie ein ideologisches Konstrukt ist, mit dem sich die Wirklichkeit nicht allzu gut erfassen lässt, zeigt sich für Negri am deutlichsten darin, dass es in ihr keinen Platz für die Krise gibt; sie kann sie nicht abbilden. Für die Vertragstheoretiker gehört die Krise dem Urzustand an, der durch den Vertrag beendet wurde; die politischen Strukturen, die sie beschreiben, sind für diese Denker gerade erst dadurch möglich geworden, dass die (permanente, kriegsförmige) Krise überwunden wurde.

Darin liegt, möchte ich anmerken, auch die starke Parallele mit der heute vorherrschenden Art von Wirtschaftswissenschaft. Die Vertragstheorie, sowohl auf der Ebene der Politik als auch auf der der Ökonomie, setzt den homo oeconomicus - den einzelnen, vereinzelten, durch und durch rational gewinnmaximierenden, mit allen anderen in Konkurrenz stehenden Menschen - als ihre Grundeinheit, auf der ihre mathematischen Modelle beruhen, die - wie wir momentan wieder deutlich zu sehen bekommen - spektakulär darin scheitern, die Wirklichkeit abzubilden (was ja auch ihre Aufgabe ist).

Im Falle der politischen Vertragstheorie, nämlich im Falle Hobbes’, ist diese Konkurrenz tatsächlich sogar wortwörtlich eine mörderische, die so weit auf die Spitze getrieben wird, bis sie an ihrem scheinbar stabilen Extrempunkt angelangt ist: „Ich muss annehmen, dass du bereit bist, mich umzubringen, deshalb bin ich bereit, dich umzubringen”; auf dieser Basis wird dann das restliche System mit mathematischer Präzision (dh nach der geometrischen Methode) aufgebaut. Die Subjekte dieses Systems befinden sich stets am äußersten psychotischen Rand, und wird dieser überschritten, ist alles aus - das System kennt keine Krise, sondern nur das ordnungsgemäße Funktionieren, oder den totalen Zusammenbruch aller seiner Strukturen.

Es ist also auch nicht verwunderlich, dass Hobbes keinen Platz für nicht-kapitalistische Produktion hat, dh für Produktion die nicht durch Verträge organisiert ist, deren Einhaltung durch die souveräne Macht garantiert wird. Hobbes stellt kategorisch fest, dass im Naturzustand keinerlei Produktion stattfindet (Leviathan, XIII,9); dass etwa die amerikanischen Ureinwohner sich seiner Meinung nach in einem solchen Naturzustand befänden, aber durchaus produzieren, erklärt er damit, dass sie in kleinen Familienverbänden lebten, die durch natural lust zusammengehalten würden (Leviathan, XIII,11)

[Weitere Einwände gegen die Vertragstheorie finden sich bereits in Aristoteles’ Politik, 3. Buch, 9. Kapitel, wo er sich etwa dagegen ausspricht, dass »aus dem Gesetz ein bloßer Vertrag« gemacht wird, und die Meinung vertritt, »daß der Staat nicht eine bloße Gemeinschaft des Wohnorts ist oder nur zur Verhütung gegenseitiger ungerechter Beeinträchtigungen und zur Förderung des Tauschverkehrs da ist«]

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Samstag, 28. März 2009
Die neue Ausgabe der New Left Review

Das geht direkt an Herz und Nieren meiner Diplomarbeit:

The study of democracy is usually left to political scientists, sociologists or contemporary historians, for whom its antique origins form little more than a picturesque backdrop to the story of its twentieth-century triumph. In their accounts, its heartlands tend to be North Atlantic: the United States, Britain and France. As for the term itself, ‘democracy’ is standardly defined as a set of electoral procedures and representative institutions, legitimating political rule. Within this field there is room for a variety of views: the liberal wing of orthodoxy pines for greater voter participation, while the hard-headed right rejoices at apathy; but both consider a regular electoral cycle to be a minimum condition. There is also a common historical narrative: from modest, property-owning beginnings, democracy was successfully extended to incorporate first working men, then women. Twinned with ‘freedom’, it defeated fascism in Europe and, after 1945, confronted its enemy, totalitarianism, in the Communist East. From the mid-1970s a third wave of democratization washed away the dictatorships of Europe’s southern fringe—Greece, Spain, Portugal—before sweeping most of the world after 1989.

Luciano Canfora’s Democracy in Europe: A History of an Ideology breaks with this tradition in nearly every respect—conceptual, geographic, historical. Canfora himself is not a political scientist but a classical philologist, trained at the Scuola Normale Superiore in Pisa in the 1960s; a fiercely independent intellectual, originally of the PCI, and more recently of the PdCI, one of the small groups to emerge from its collapse, for which he ran as candidate in the European parliamentary elections in 1999. In a prolific œuvre, his writings include studies of Demosthenes and Thucydides, a foundational analysis of the narrative principles of classical historiography, a striking biography of Julius Caesar, and three books on Togliatti, of whom he remains a great admirer; not to speak of many reflections on contemporary politics. Notable among his skills has been historical and textual detective work, yielding a set of remarkable demonstrations—among them, that Giovanni Gentile was, contrary to official legend, killed on orders of the PCI leadership in 1944; that the celebrated papyrus attributed to the geographer Artemidoros of Ephesus (second to first centuries BC) is almost certainly a forgery, probably by a nineteenth-century Greek adventurer; that a letter sent in 1928—supposedly by Ruggiero Grieco, a member of the PCI leadership in exile—to Gramsci, awaiting his trial in prison, was a provocation of the fascist police. Far from separating classical rigour from political commitment, he has directly theorized their connexion. His most recent work, Filologia e libertà, is devoted to the argument that, historically, a passion for precise textual truth has always required a rejection of canonized authority, and an independence of mind that freedom of thought alone can assure.

Democracy in Europe combines these backgrounds in an intriguing and highly original work. Conceptually, Canfora flatly rejects the standard view of democracy as a set of institutions and electoral procedures. Endorsing Norberto Bobbio’s view that ‘the essence of democracy is egalitarianism’, he argues—anathema to the mainstream perspective—that it ‘may reassert itself within the most diverse political-constitutional forms’. Following Aristotle, Canfora proceeds to define democracy as ‘the ascendancy of the demos’, that is, the rule of the poorer, non-property-owning classes. On this basis he proposes a historical narrative of democracy’s fortunes in Europe radically at odds with conventional accounts. In place of a progressive widening and deepening, Canfora sees only brief moments of localized and immediately embattled democratic breakthrough, among them the early 1790s in France, the decade following 1917 in Germany and Russia—a high-water mark—and the late 1940s in France and Italy. For the most part, though, Canfora’s story is of the failure of democracy, in his sense, and of how ruling elites have managed the egalitarian threat of broadening suffrage to ensure their own freedom of action. The post-1950 period is represented as a grim political landscape, featuring the erosion of democratic-egalitarian aspirations in both eastern and western Europe, and the final triumph of what Canfora calls the ‘mixed system’—‘a little democracy and a great deal of oligarchy’, combining ‘the electoral principle’ with the reality of bourgeois class ascendancy—as the formula for contemporary political rule.

[Dylan Riley, Freedom’s Triumph?, New Left Review 56, März-April 2009]

Der Autor des Artikel schreibt: »Canfora’s conception of democracy as the ascendancy of the poorer classes is based on an elision of the difference between political and social power that is deeply rooted in Italian political culture. Indeed one might argue that a characteristic feature of the Italian tradition of social theory is its lack of a robust conception of social structure, or of political economy, as distinct from political rule.«

Soweit ich das bisher verstanden habe, steht Machiavelli genau in dieser Tradition bzw. hatte wesentlichen Anteil an ihrer Entstehung, während Gramsci (bei all den erstaunlichen Ähnlichkeiten, die er mit Machiavelli hat) den Gegenpol bildet. Und das ist genau der Punkt, den laut Gramsci Marx Machiavelli voraushat: Die Entdeckung, dass die menschliche Natur nicht mehr oder weniger fix ist, sondern einer historischen Entwicklung unterliegt (im Wesentlichen der Entwicklung der Produktionsmittel), und dass die politisch relevanten Teilungen des Volkes nicht durch „reine Politik” konstituiert werden, sondern eine ökonomische Basis haben (wohlgemerkt: sie haben eine ökonomische Basis - nicht: sie sind ökonomisch determiniert).

Nach dem, was ich bis jetzt so gelesen habe, sieht Machiavelli nämlich die Spaltung in Guelfen und Ghibellinen als den Prototyp der Fraktions- und Parteienbildung, und zwar als einen Konflikt zwischen den Handels- und Herrschaftsinteressen einiger weniger hoher Familien, woraus sich zwei rivalisierende Koalitionen bilden, die über diverse Abhängigskeitverhältnisse schließlich auch das Volk mit in den Konflikt ziehen und „spalten” (die Anführungszeichen deshalb, weil es genau der Fehler dieser Ansicht ist, das Volk - siehe Marx’ böse Bemerkung im 18. Brumaire - als in seinem „Naturzustand” einig und ungeteilt zu sehen). Die (ich weiß nicht, wie ich es anders nennen soll) Parteiung des Volkes wird also „von oben” („politisch”) bestimmt, und nicht „von unten” („ökonomisch”). Eigentlich ist es aber insofern ein Fehler, diese Ansicht allgemein als fehlerhaft zu sehen, als sie ihrer Zeit durchaus angemessen war. Die moderne Massenpolitik, die Marx im erwähnten 18. Brumaire so eindringlich beschreibt, ist tatsächlich eine so grundlegend neue Entwicklung, dass sie selbst nach über zwei Jahrhunderten noch nicht in allen Köpfen angekommen ist.

[Und hier nochmal Gramsci: Man könnte seine Bemerkung, dass Machiavellis Neuerungen immer noch nicht „angekommen” sind, dahingehend verstehen (oder vervollständigen), dass im Zeitalter der Massenpolitik ein volles Verständnis Machiavellis von einem vollen Verständnis Marx’ abhängig ist]

Zum Thema Italien ganz allgemein: In der London Review of Books waren in der vorletzten und der letzten Ausgabe von Perry Anderson eine lange Rezension zweier Bücher über Italien heute und ein langer Artikel über die (rückgratlose) italienische Linke:

[Perry Anderson, An Entire Order Converted into What It Was Intended to End, London Review of Books, Vol. 31 No. 4, 26. Feber 2009]
[Perry Anderson, An Invertebrate Left, London Review of Books, Vol. 31 No. 5, 12. März 2009]

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Ebenfalls in der neuen Ausgabe der New Left Review ist ein Artikel von Mike Davis über die amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Im Lichte der obigen Ausführungen ist das hier dabei ganz besonders interessant:

But the promise of Green Keynesianism may turn out differently than imagined by radical economists and environmental activists. A fundamental power-shift seems to be taking place in the business infrastructure of Washington, with ‘New Economy’ corporations rapidly gaining clout through Obama and the Democrats while Old Economy leviathans like General Motors grapple with destitution and welfare, and energy giants temporarily hide in caves. The unprecedented unity of tech firms behind Obama both helped to define and was defined by his campaign. Through his victory, they have acquired the credit balance to ensure that any green infrastructure will also be good industrial policy for their dynamic but ageing and cash-short corporations.

There is an obvious historical analogy. Just as General Electric’s Gerard Swope (the Steve Jobs of his day) and a bloc of advanced, capital-intensive corporations, supported by investment banks, enthusiastically partnered with Roosevelt to create the ill-fated National Recovery Administration (NRA) in 1933, so too have Schmidt and his wired peers, together with the ever-more-powerful congressional delegation from California, become the principal stakeholders in Obama’s promise to launch an Apollo programme for renewable energy and new technology.65

We should note that this realignment of politics by economics fits awkwardly within the Keys–Burnham paradigm, which asserts the primacy of public opinion and the durability of voter blocs. A ‘silicon presidency’, on the other hand, is perfectly accommodated by Thomas Ferguson’s ‘investment’ theory of political change which privileges political economy and class struggle within capital as modes of explanation. Analysing New Deal case-studies in his 1995 book, Ferguson—an intellectually supercharged descendant of Charles Beard—concluded that business elites, not voters, usually determine both the nature and course of electoral realignments.66

The fundamental market for political parties usually is not voters. As a number of recent analysts have documented, most of these possess desperately limited resources and—especially in the United States—exiguous information and interest in politics. The real market for political parties is defined by major investors, who generally have good and clear reasons for investing to control the state . . . During realignments . . . basic changes take place in the core investment blocs which constitute parties. More specifically, realignments occur when cumulative long-run changes in industrial structures (commonly interacting with a variety of short-run factors, notably steep economic downturns) polarize the business community, thus bringing together a new and powerful bloc of investors with durable interests. As this process begins, party competition heats up and at least some differences between parties emerge more clearly.67

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65 For a fascinating reflection on New Deal-era economic theory, including a possible synthesis of the ideas of Keynes, Hansen, Means and Schumpeter, see Theodore Rosenof, Economics in the Long Run, Chapel Hill, NC 1997.
66 Charles Beard’s An Economic Interpretation of the Constitution (1913), which argued that the Founding Fathers’ politics were approximately the sum of their material interests, is still worth a visit, even if modern political and economic historians tar him as a vulgarian economic determinist.
67 Thomas Ferguson, Golden Rule: The Investment Theory of Party Competition and the Logic of Money-Driven Political Systems, Chicago 1995, pp. 22–3. Ferguson, of course, acknowledges that voters also become more active: ‘only if the electorate’s degree of effective organization significantly increases, however, does it receive more than crumbs.’

[Mike Davis, Obama at Manassas, New Left Review 56, März-April 2009]

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Donnerstag, 11. Dezember 2008
Was es über Thomas Hobbes' Politische Philosophie zu sagen gibt (dargestellt nach der geometrischen Methode unter Auslassung der unwichtigeren Teile)

[Alle Stellenangaben sind gemäß der Einteilung in der Oxford World's Classics Ausgabe des Leviathan, herausgegeben von J. C. A. Gaskin]

Der Mensch hat endlose Begierden (XI,1)
Das wichtigste Begehren eines jeden Menschen ist das Streben nach unumschränkter Macht (XI,2)
Das Begehren des Menschen, am Leben zu bleiben und sich am Leben zu erfreuen, bringt ihn dazu, nach Frieden zu streben (XI,4)

Alle Menschen sind gleich, da jeder jeden umbringen kann (XIII,1)
Da für jeden die Chancen gleich stehen, in der gewaltsamen Erreichung seiner Zwecke zu siegen oder zu unterliegen, sind alle Menschen einander Feinde (XIII,3)
Alle Menschen sind daher von Natur aus im Krieg mit allen anderen Menschen (XIII,8)
Der Mensch strebt danach, diesen Zustand zu beenden (XIII,14)

Zur Überwindung des Naturzustandes und zur Errichtung eines dauerhaften Friedens bedarf es des Staates (XVII,1)
Um die Menschen zu zwingen, entgegen ihrem natürlichen Eigeninteresse dem Allgemeininteresse zu folgen, bedarf eines einer zentralen Macht, der sich alle unterwerfen (XVII,2)
Damit das der Fall sein, der Staat errichtet und der Naturzustand beendet werden kann, müssen alle Menschen auf ewig und ohne Gegenleistung ihre Rechte, ihren Willen und ihr Urteilsvermögen zugunsten einer einzelnen Person oder einer Versammlung aufgeben (XVII,13)
Diese einzelne Person oder diese Versammlung ist der Souverän (XVII,14)

Da der Souverän die Aufgabe hat, das Gemeinwesen und den Frieden zu verteidigen, hat er absolute Verfügung über alle dazu notwendigen Mittel sowie die Entscheidung darüber, welche diese notwendigen Mittel sind (XVIII,8)

Falls das jemandem bekannt vorkommt: Ja, das ist auch die Argumentation hinter der unitary executive theory. Und weil das so wichtig ist, hier der ganze Abschnitt im Vollen:

And because the end of this institution, is the peace and defence of them all; and whosoever has right to the end, has right to the means; it belongeth of right, to whatsoever man, or assembly that hath the sovereignty, to be judge both of the means of peace and defence; and also of the hindrances, and disturbances of the same; and to do whatsoever he shall think necessary to be done, both beforehand, for the preserving of peace and security, by preventing discord at home, and hostility from abroad; and, when peace and security are lost, for the recovery of the same.

Der Souverän hat absolute Macht der Zensur (XVIII,9)
Der Souverän ist oberster und alleiniger Gesetzgeber (XVIII,10)
Der Souverän ist oberster und alleiniger Richter (XVIII,11)
Der Souverän bestimmt uneingeschränkt über die Außenpolitik und ist oberster Befehlshaber des Heeres (XVIII,12)
Der Souverän setzt alle Beamten ein und hat volles Durchgriffs- und Weisungsrecht (XVIII,13)
Diese Kernbefugnisse des Souveräns können teilweise delegiert, aber nicht abgetreten werden, außer der Souverän entsagt seiner Macht oder übergibt diese an jemand anderen (XVIII,17)

Der Souverän steht über dem Gesetz (XXVI,6 + XIX,9)

Zusätze:
Die Staatsform (Monarchie, Aristokratie, Demokratie) hat keine Auswirkung auf die Struktur des Staates oder die Art der staatlichen Macht (XVIII,20 + XIX,1)
Die Staatsformen unterscheiden sich nur darin, wie gut sie sind; Monarchie ist die beste (XIX,4-9)
Eine Familie, die groß genug ist, sich selbst zu verteidigen, ist ein Königreich (XX,15)
Die souveräne Macht ist immer so groß, wie sie gedacht werden kann (XX,18)

[Es gäbe noch so viel hinzuzufügen, zu präzisieren und zu kommentieren, aber ich habe jetzt schon wieder genug. Thomas Hobbes war ein grauenhafter Mensch mit abscheulichen Ideen. Seine Politische Philosophie ist das Ende jeder Politik, jeder Philosophie und jeder Freiheit. In seiner absurden Monomanie im Zeichen des "sterblichen Gottes", des Leviathans, der höchsten Macht auf Erden (XVIII,13 + XXVIII,27), hat er sie allesamt abgeschafft. Mögen diese seine Ideen endlich der Verachtung anheimfallen und sein Name bis in alle Ewigkeit mit Abscheu ausgesprochen werden]

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Sonntag, 16. November 2008
Peter Sloterdijk (Leute, die ich nicht mag I)

Der deutsche Chef des Instituts für Kulturphilosophie an der Akademie der bildenden Künste in Wien ist für eine radikale Verkürzung der demokratischen Willensbildung auf das Wesentliche. Es soll starke Regierungen hervorbringen. »Sie (die kleinen Parteien) haben eigentlich nur eine Funktion: den Prozeß der Regierungsbildung zu erschweren, wenn nicht zu verunmöglichen.« Nun haben gerade die Nationalratswahlen in Österreich eine Relativierung der Begriffe Groß- und Kleinparteien bewirkt. Die beiden »kleinen« Rechtsaußenparteien FPÖ und BZÖ haben zusammen ungefähr die gleiche Größe erreicht wie jedes der beiden traditionellen Hauptlager.

[...]

Das Problem der Kleinparteien, meint er, »kann man übrigens auf eine grundfalsche Idee der Französischen Revolution zurückführen, wonach ein Parlament ein Porträt des Volkes liefern soll, um den vorgeblichen Souverän lebensecht abzubilden. Aber das Volk soll sich ja gar nicht im Parlament spiegeln, es soll daran mitwirken, daß regierungsfähige Mehrheiten entstehen, und je mehr kleine Parteien im Spiel sind, desto absurder wird dieser Vorgang.« Nun hat man es quasi regierungsphilosophisch schwarz auf weiß, was von der vorgeblichen Demokratie, der vorgeblichen Volkssouveränität und der vorgeblich vom Volk ausgehenden Macht tatsächlich zu halten ist.

[Werner Pirker, Der Schwarze Kanal: Der Technosoph, junge Welt, 1. November 2008]

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Freitag, 11. Juli 2008
Das passiert, wenn man Marx schlecht oder gar nicht gelesen hat // Ich bin froh, endlich von der Uni wegzukommen (III)

je mehr dinge vom denken ablenken
umso lenkbarer werden wir
für die dinge-erzeuger

[Konnte man letztens noch am Bahnsteig 1/2 am Bahnhof Landstraße-Wien Mitte bewundern]

Externalisierung, Moralisierung, Dämonisierung: die Produzenten sind die anderen und die Waren sind böse weil nicht authentisch; Politik wird Dämonologie, politische Praxis wird Exorzismus; politische Betätigung wird zu einer Ansammlung von nicht weiter begründbaren und deshalb umso heftiger verteidigten Ritualen; die großen Siege und Niederlagen werden unverständlich und dem Wirken von Magie zugeschrieben, Politiker an der Spitze von Bewegungen werden Magier; große soziale, ökonomische und politische Entwicklungen werden mit dem Wirken von mit dem Hauch des Übernatürlichen behafteten Verschwörungen erklärt

[Mir wäre es leichter ums Herz, wenn es nur ein paar vereinzelte Depperte wären, aber die Tendenzen sind allgemein und es fehlt eine organisierte Gegenbewegung - eigentlich sollte das die Linke sein, aber die ist in einem erschreckenden Ausmaß Teil des Problems]

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Ich sollte mir ein T-Shirt drucken lassen mit diesem Spruch hier // Ich bin froh, endlich von der Uni wegzukommen (II)

Die ›Rückkehr zur Ethik‹ in der heutigen politischen Philosophie beutet schamlos die Schrecken des Gulag oder des Holocaust als äußerste Gräuel aus, um uns zu nötigen, auf jedes ernste, radikale Engagement zu verzichten.

Das stand auf der Einladung zu Žižeks Leninkonferenz. Das Ergebnis dieser Konferenz:

Das hängt davon ab, wie man den Erfolg misst. Wenn Sie es als Erfolg bezeichnen, eine neue leninistische, in irgendeiner Weise globale politische Bewegung anzustoßen, zu großartigen Schlüssen zu kommen, was heute zu tun sei - dann war das ein Fehlschlag. Aber ich habe so etwas nicht einmal erwartet. Alles, was ich erwartet habe, ist: dass genau die ganze Schwäche, die Impotenz, die Widersprüchlichkeit der radikalen Politik unserer Tage sichtbar wird.

[Ekkes Frank, Die leninistische Geste, Revolution nach Essen? - Beobachtungen auf der Lenin-Konferenz des Kulturwissenschaftlichen Instituts Nordrhein- Westfalen und ein Gespräch mit Slavoj Zizek, Freitag, 9. Feber 2001]

[Ist mir erst letztens passiert: unter den Gesprächspartnern kam der Verdacht auf, dass meine enthusiastisch vorgetragenen Reden über Marx, Lenin und Mao ernst gemeint waren. //Was sie auch waren und sind.// Prompt ging es los mit den Gulaggeschichten. Und selbst wenn ich Marx, Lenin und Mao weglasse, kommen stilles Gelächter und manchmal Ideologiekritisches, wenn ich mit Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit komme, oder mit Gerechtigkeit, Wahrheit und Freiheit oder ähnlichem]

[Gerne würde ich dann ja meinerseits anfangen, Geschichten zu erzählen, aber das wäre sinnlos, denn diesen Leuten geht es nicht darum, den Sozialismus (oder die Russische Revolution) für tabu zu erklären, weil sie den Kapitalismus (oder die Amerikanische Revolution oder sonstwas) so toll finden //die gibt es natürlich auch//, sondern um sich ihr Nichstun schönzureden; man kann ihnen ihre eigenen Ansichten nicht entgegenhalten, weil sie keine haben. Sie sitzen mittendrinnen im Sturm, sind immer für alles Gute, immer gegen alles Schlechte, und bemühen sich hauptsächlich darum, ihre Unschuld (und ihre Privilegien) in dieser (ach!) grausamen, verrückten Welt zu bewahren; in friedlichen Zeiten fühlen sie sich bevorzugt von Sozialversicherungen und Gewerkschaften unterdrückt, haben große Freude daran, die Sozialpartnerschaft faschistisch und die Republik undemokratisch zu nennen; in stürmischeren Zeiten üben sie sich in der Kunst des Schulterzuckens; ihre Zeit verbringen sie damit, sich Gründe auszudenken, warum jede Art von Betätigung in irgendeinem Sinne wofür auch immer die Wurzel jeglichen Übels welcher Art auch immer ist; sie bewundern sich gegenseitig für ihre Beobachtungsgabe und ihren feinen Sinn für Ironie, für ihre ... ach egal, ich bin einfach nur froh, endlich wegzukommen von dort]

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Ich bin froh, endlich von der Uni wegzukommen (I)

Intellektuelle haben - vorallem wenn sie noch jung sind - das starke Bedürfnis, sich radikal zu fühlen, der Welt laut entgegen zu schreien: IHR LEBT EINE LÜGE!; früher haben sie in diesen Fällen meistens ganz genau gewusst, was die Wahrheit ist (und wer oder was der universellen Anerkennung dieser Wahrheit entgegensteht), heute wissen sie üblicherweise, dass man nichts (gar nichts! und zwar überhaupt nichts!!!) wissen kann //und wenn sie ganz besonders klever sein wollen, meinen sie nur, es schiene ihnen, man könne nichts wissen, und setzen an den Anfang und das Ende jeden ihres Satzes ein "es scheint mir"//. Manchmal auch ist es auch etwas irgendwo dazwischen. Ein Beispiel:

Es geht um einen Aspekt der Zeichentheorie eines mir namentlich bekannten Philosophen. Der Referent stellt fest, dass man schlecht oder gar nicht etwas nicht lesen kann, das einem direkt vor Augen ist, dass man, wenn man hört, nicht nicht hören kann, usw ...; er zitiert pflichtschuldigst eine dazu passende Geschichte von Italo Calvino und kommt zu dem Schluss, dass wir ständig mit Sinneseindrücken bombardiert werden, die wir zwanghaft in Aussagen und Urteile umsetzen - ergo: der Mensch wird von seiner Umwelt unterdrückt und ist in keiner Weise frei und - bevor der Referent die letzte Konsequenz aus dieser schrecklichen Erkenntnis ziehen und sich Kopf voran aus dem Fenster stürzen kann, wird er höflich darauf hingewiesen, dass dieser Schluss doch etwas überzogen ist.

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Mittwoch, 26. März 2008
Philosophie zu studieren ist furchtbar (und dank SPL KPL wird es von Semester zu Semester immer noch furchtbarer)

Das liegt (für mich jedenfalls) hauptsächlich daran, dass man Arbeiten schreiben muss. In Philosophie eine Arbeit zu schreiben ist ungefähr so, als würde man im Werkunterricht folgende Aufgabe gestellt bekommen: "Machen sie irgendwas aus Holz ... irgendwas, solange es etwas mit dem zu tun hat, was wir im Unterricht durchbesprochen haben und gewissen nicht näher spezifizierbaren formalen und inhaltlichen Anforderungen genügt. Und es sollte mindestens zehn Zentimeter hoch sein."

Manche Leute basteln dann einen genau zehn Zentimeter hohen Eiffelturm aus ein paar Zahnstochern, andere kleben ein paar Teile aus einem Holzbaukasten aneinander, andere schnitzen sich irgendetwas aus einem Holzscheit zurecht, und ich ... leide, bin unsicher, verwirrt, planlos; nach ewigem angestrengtem Sinnen (das man sich so vorstellen kann wie den ganzen Tag am Klo sitzen, nur wohlriechender, dafür aber über mehrere Tage bis Wochen) kommt mir irgendwann eine Reihe von merkwürdigen Ideen, die ich dann schnell aufschreibe und schließlich über einen Zeitraum von mehreren Wochen durch Lektüre und Exzerpierung der relevanten Literatur (bevorzugt im Halbschlaf) sowie durch eine Unzahl von gezielten Schlägen auf Stirn, Hinterkopf und andere dafür geeignete Körperteile in herzeigbarer Form zu Holz (d.h. zu Papier) bringe.

[Und bis dahin mache ich allen möglichen Unsinn, sudere in der Gegend herum, lade mir irgendwelches Zeug runter, schreibe Blödsinn wie diesen hier, versuche mich damit zu trösten, dass es noch viel schlimmer sein könnte, als es mittlerweise ohnehin schon ist ... und irgendwann kurz vor Ablauf der Frist werde ich dann doch fertig und im Endeffekt geht es dann in meinem Elaborat um die "Polis der nur Seelen Habenden" und die "Polis der nur Körper Habenden" und anderes lustiges Zeug, das mir in einer von vielen schlaflosen Nächten eingefallen ist, die ich in der eingebildeten innigen Umarmung der vergleichenden Religionswissenschafterin verbracht habe]

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Sonntag, 17. Februar 2008
Kandidaten für eine Tortung Zwei nuschelnde alte Herren unterhalten sich mit zwei nicht nuschelnden alten Herren über die Welt

Heute im Philosophischen Quartett: Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski diskutieren mit Joseph Fischer und Herfried Münkler die Frage "Retten Imperien die Welt?"

[In der nächsten Ausgabe: Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski im Gespräch mit Horst Mahler und Jörg Haider: "War der Nationalsozialismus wirklich so schlecht?"] - So schlimm war es gar nicht.

[Aber es war ein wenig langweilig: Herfried Münkler gerät ins Schwärmen über die Imperien - Joseph Fischer erinnert ihn daran, dass da auch eine ganze Menge Blut geflossen ist; Joseph Fischer gerät ins Schwärmen über die USA und besteht darauf, dass diese kein Imperium sind - die anderen erklären ihm, warum sie es doch sind; Joseph Fischer zählt auf, was sich nicht alles verändert hat mit der Globalisierung - die anderen rechnen ihm gegen, was sich alles nicht verändert hat, und dass es im Endeffekt immer noch auf die selben Dinge ankommt; Joseph Fischer sagt ein paar Sätze über Europa und seine Grenzen - Herfried Münkler erklärt, warum der Umgang Europas mit seinen Nachbarn, den Herr Fischer in so schöen Farben malt, keineswegs harmlos und die EU deshalb seiner Definition nach ein Imperium ist; und dass man sich überlegen muss, ob man das will. - Einmal taucht die Frage auf, wieviele Legionen denn die Römer in Germanien tatsächlich versenkt hätten, und irgendwo zwischendurch wird betont, dass das Habsburgerreich kein typisches Imperium war. Da hätte ich mir die Mühe, das alles mitzuschneiden, eigentlich sparen können.]

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Dienstag, 30. Oktober 2007
Das Patriarchat, lebendig und wohl auf im Philosophie Seminar

"Es kann sich ja aus einem Samen eine Pflanze oder auch ein Tier entwickeln" - die in diesem Satz ausgedrückte und aus der Philosophiegeschichte bekannte Ansicht (dass nämlich der sogenannte Samen des Mannes tatsächlich ein Samen ist somit der Mann das Leben hervorbringt und die Frau es lediglich austrägt - und dabei womöglich noch beschädigt und beschmutzt) ist, außer von den zwei Feministinnen hinten links, vom gesamten Seminar geräuschlos akzeptiert worden.

[Nachtrag 02. November, damit niemand glaubt, dass ich mir das aus der Nase gezogen habe]

Wenn nun die Liebe immer diese ist, sagte sie, auf welche Art und in welcher Handlungsweise gehen im nun diejenigen nach, deren Betrieb und Anstrengung man eigentlich Liebe zu nennen pflegt? Weißt du wohl zu sagen, was für ein Werk dieses ist? - Dann würde ich ja, sprach ich, dich, o Diotime, nicht so bewundern deiner Weisheit wegen und zu dir gehen, um eben dieses zu lernen. - So will ich es dir sagen, sprach sie. Es ist nämlich eine Geburt in dem Schönen, sowohl dem Leibe als der Seele nach. - Man muß weissagen können, sprach ich, um zu wissen, was du wohl meinst, und ich verstehe es nicht. -

So will ich es dir denn deutlicher sagen. Alle Menschen nämlich, o Sokrates, sprach sie, sind fruchtbar sowohl dem Leibe als der Seele nach, und wenn sie zu einem gewissen Alter gelangt sind, so strebt unsere Natur zu erzeugen. Erzeugen aber kann sie in dem Häßlichen nicht, sondern nur in dem Schönen. Es ist aber dies eine göttliche Sache und in dem sterblichen Lebenden etwas Unsterbliches, die Empfängnis und die Erzeugung. In dem Unangemessenen aber kann dieses unmöglich erfolgen; und unangemessen ist das Häßliche dem Göttlichen, das Schöne aber angemessen. Eine einführende und geburtshelfende Göttin also ist die Schönheit für die Erzeugung. Deshalb, wenn das Zeugungslustige dem Schönen naht, wird es beruhigt und von Freude durchströmt und erzeugt und befruchtet; wenn aber Häßlichem, so zieht es sich finster und traurig in sich zusammen und wendet sich ab und schrumpft ein erzeugt nicht, sondern trägt mit Beschwerde seine Bürde weiter. Darum beeifert sich, wer von Zeugungsstoff und Lust erfüllt ist, so sehr um das Schöne, weil es ihn großer Wehen entledigt.

[...]

Die nun, fuhr sie fort, dem Leibe nach zeugungslustig sind, wenden sich mehr zu den Weibern und sind auf diese Art verliebt, indem sie durch Kindererzeugen, Unsterblichkeit und Nachgedenken und Glückseligkeit, wie sie meinen, für alle künftige Zeit sich verschaffen. Die aber der Seele nach, denn es gibt solche, sagte sie, die auch in der Seele Zeugungskraft haben, viel mehr als im Leibe, für das nämlich, was der Seele ziemt zu erzeugen und erzeugen wollen. Und was ziemt ihr denn? Weisheit und jede andere Tugend, deren Erzeuger auch alle Dichter sind und alle Künstler, denen man zuschreibt erfinderisch zu sein. [208e-209a]

[Platon, Symposion, ungefähr 206b-206e und 208e-209a, Übersetzung Schleiermacher]

[Schleiermacher übersetzt εγκυμων mit "zeugungslustig" und das Verb κυεω mit "fruchtbar sein", wörtlich heißt ersteres "schwanger" und zweiteres "schwanger sein", und genau das ist auch gemeint. Ein Mensch (wie sich herausstellt: ein Mann) ist schwanger im Geist oder im Körper; wenn er schwanger ist, will er schöpferisch tätig sein, und zwar im Schönen (andere Übersetzungen ergänzen hier: "in einem schönen Medium"); was das Schöne ist, kommt auf seine Tätigkeit an; will er Gesetze geben, braucht er dazu das richtige Volk, will er Bildung zukommen lassen, braucht er dazu den richtigen Schüler, will er eine Skulptur oder ähnliches schaffen, braucht er das richtige Material, und will er sich fortpflanzen, braucht er dazu die richtige Frau - die dann bloß das Trägermedium seiner Schöpfung ist; ergo: der Mann ist der Urheber von allem, was Gut und Schön ist auf der Welt.]

[Und um zurück zum Anfang zu kommen: wenn man sich die ganze Sache so vorstellt, ist es auch nicht weit hergeholt, sich vorzustellen, dass ein Pflanzensamen dasselbe ist wie tierisches Sperma, und dass aus dem einen wie dem anderen in der entsprechenden "Erde" wieder eine Pflanze oder ein Tier wird.]

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Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 27 Jahre alt und ein kurzsichtiger, leseschwacher, besserwisserischer, aufmerksamkeitsdefizitärer, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter, unkonzentrierter und unangenehmer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Handy, Ziel im Leben, Job, eigene Wohnung, …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs, schlechter Verdauung und dem Wunsch, dem Kapitalismus ein Ende zu bereiten (der Sonnenkönig hängt dort oben wegen seines Gesichtsausdrucks und weil er mein erster und bisher bester Kanzler war). Mein Lebensmotto ist ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich tue was ich hier tue schon 2191 Tage. Das letzte Mal hat es hier am 17.08.2010 um 01:07 irgendetwas neues gegeben.
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