wenn ich groß bin, werde ich science fiction autor
Mittwoch, 17. Oktober 2007
Was einem so einfällt, wenn die Seminare gar zu ermüdend sind // Ich würde in 100 Jahren nicht das Wort "heteronorm" benutzen // Und ich würde auch nie versuchen, mehr als 10 Seiten Aristoteles in einem einzelnen Referat vollständig wiederzugeben

Zur Definition guter philosophischer Literatur habe ich folgenden Vorschlag: Sie muss Science Fiction anregen oder (noch besser) vorausahnen können. Wie z.B. Aristoteles, wenn er vor fast zweieinhalb Jahrtausenden von der Möglichkeit spricht, dass automatische Maschinen alle anfallende Arbeit erledigen könnten; oder wenn Thomas von Aquin über die Existenz außerirdischen Lebens spekuliert; oder ähnliches.

Analoges sollte dann auch für politische Literatur gelten; so zum Beispiel Lenin, wenn er in Was tun? die mangelnde Professionalisierung der revolutionären Bewegung in Russland bemängelt, und ausführt, was für Vorteile doch die Arbeitsteilung für eine (wie sie bei ihm heißt) Organisation von Revolutionären hat:

Je kleiner die einzelnen "Operationen" der gemeinsamen Arbeit sind, umso eher kann man Leute finden, die fähig sind, solche Operationen auszuführen (und die meist absolut unfähig sind, Berufsrevolutionäre zu werden), und um so schwieriger wird es für die Polizei, alle diese "Teilarbeiter" zu "schnappen", um so schwieriger wird es für sie sein, aus der Verhaftung eines einzelnen Menschen auf Grund irgendeiner Kleinigkeit ein "Verfahren" zu inszenieren, das die Ausgaben der Staatskasse für "Sicherheit" aufwiegt. [Seite 148f in der voltmedia Ausgabe]

Viele Szenarien bieten sich hier an. Beispielsweise könnte man Kafkas Prozeß dahingehend erweitern, dass Joseph K in die Mühlen eines geheimen (revolutionären) Parallelstaates geraten wäre, den er nicht verstehen und dem er auch nicht angehören kann, von dem er aber auch nicht mehr los und zurück zum Normalstaat kann; oder dass die marodierenden Beamten aus William S. Burroughs The Soft Machine Teil eines Staatsapparates sind, der sich mit dem offiziellen Staat einen Guerillakrieg liefert. Oder irgendsoetwas dergleichen. Aber ich bin sicher, dass das schon mindestens einmal jemandem eingefallen ist, der oder die daraus irgendwas brauchbares gemacht hat.

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Donnerstag, 3. Mai 2007
Ich hasse Platon / Stereolab sind super

l'enfer des formes

de la même manière
que des filles un peu naïves
on se laisse faire
par la tête du pays

on s'en va comme des poltrons
vivant mal leur écartèlement
entre émotion et indifférence
entre révolte et dérision

on a le desir, on se dit il faut agir
mais cette lâcheté inavouable
nous rend bien trop gouvernables

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Freitag, 5. Mai 2006
Inventive people, as professionals debating vigorously different plans for action based on their respective merits only, striving to find a solution that works, nobody of them notices that every idea they bring to the table is complete madness, and that the situation they brought themselves into is one they can neither grasp nor control fully, except by use of deadly force on a gigantic scale; the same goes for the people reporting it, as professionals concentrating on the task at hand, reporting only the tangible, hard facts - things like press releases or data assembled by what they consider to be trustworthy institutions

As the U.S. military struggles against persistent sectarian violence in Iraq, military officers and security experts find themselves in a vigorous debate over an idea that just months ago was largely dismissed as a fringe thought: that the surest -- and perhaps now the only -- way to bring stability to Iraq is to divide the country into three pieces.

[...]

The most radical view, which even now appears to have only a few proponents in the U.S. military establishment, is that the United States should step back and let a civil war occur. In this argument, the U.S. government created a revolutionary situation when it invaded Iraq and brought about a wholesale transfer of power from the country's Sunnis to its Shiites. So, this argument goes, civil war isn't something to be avoided, but rather a necessary part of the process of changing Iraq.

[Thomas E. Ricks, Merits of Partitioning Iraq or Allowing Civil War Weighed, The Washington Post, 30. April 2006]

Today, the mystifying elements are mastered and employed in productive publicity, propaganda, and politics. Magic, witchcraft, and ecstatic surrender are practiced in the daily routine of the home, the shop, and the office, and the rational accomplishments conceal the irrationality of the whole. For example, the scientific approach to the vexing problem of mutual annihilation - the mathematics and calculations of kill and over-kill, the measurement of spread ing or not-quite-so-spreading fallout, the experiments of endurance in abnormal situations - is mystifying to the extent to which it promotes (and even demands) behavior which accepts the insanity. It thus counteracts a truly rational behavior - namely, the refusal to go along, and the effort to do away with the conditions which produce the insanity.

[Herbert Marcuse, One-Dimensional Man, 7: The Triumph of Positive Thinking. One-Dimensional Philosophy ]

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Dienstag, 2. Mai 2006
Patenter Schwachsinn aus berufenem Munde // Warum, Georg Wilhelm Friedrich, warum?

§ 165

Die natürliche Bestimmtheit der beiden Geschlechter erhält durch ihre Vernünftigkeit intellektuelle und sittliche Bedeutung. Diese Bedeutung ist durch den Unterschied bestimmt, in welchen sich die sittliche Substantialität als Begriff an sich selbst dirimiert, um aus ihm ihre Lebendigkeit als konkrete Einheit zu gewinnen.

§ 166

Das eine ist daher das Geistige, als das sich Entzweiende in die für sich seiende persönliche Selbständigkeit und in das Wissen und Wollen der freien Allgemeinheit, [in] das Selbstbewußtsein des begreifenden Gedankens und [in das] Wollen des objektiven Endzwecks, - das andere das in der Einigkeit sich erhaltende Geistige als Wissen und Wollen des Substantiellen in Form der konkreten Einzelheit und der Empfindung; - jenes im Verhältnis nach außen das Mächtige und Betätigende, dieses das Passive und Subjektive. Der Mann hat daher sein wirkliches und substantielles Leben im Staate, der Wissenschaft und dergleichen, und sonst im Kampfe und der Arbeit mit der Außenwelt und mit sich selbst, so daß er nur sus seiner Entzweiung die selbständige Einigkeit mit sich erkämpftm deren ruhige Anschauung und die empfindende subjektive Sitttlichkeit er in der Familie hat, in welcher die Frau ihre substantielle Bestimmung und in dieser Pietät ihre sittliche Gesinnung hat.

Die Pietät wird daher in einer der erhabensten Darstellungen derselben, der Sophokleischen Antigone, vorzugsweise als das Gesetz des Weibes ausgesprochen und als das Gesetz der empfindenden subjektiven Sustantialität, der Innerlichkeit, die noch nicht ihre vollkommene Verwirklichung erlangt, als das Gesetz der alten Götter, des Unterirdischen, als ewiges Gesetz, von dem niemand weiß, von wannen es erschien, und im Gegensatz gegen das offenbare, das Gesetz des Staates dargestellt - ein Gegensatz, der der höchste sittliche und darum der höchste tragische und in der Weiblichkeit und Männlichkeit daselbst individualisiert.

Zusatz. Frauen können wohl gebildet sein, aber für die höheren Wissenschaften, die Philosophie und für gewisse Produktionen der Kunst, die ein Allgemeines fordern, sind sie nicht gemacht. Frauen können Einfälle, Geschmack, Zierlichkeit haben, aber das Ideale haben sie nicht. Der Unterschied zwischen Mann und Frau ist der des Tieres und der Pflanze: das Tier entspricht mehr dem Charakter des Mannes, die Pflanze mehr dem der Frau, denn sie ist mehr ruhiges Entfalten, das die unbestimmtere Einigkeit der Empfindung zu seinem Prinzip erhält. Stehen Frauen an der Spitze der Regierung, so ist der Staat in Gefahr, denn sie handeln nicht nach den Anforderungen der Allgemeinheit, sondern nach zufälliger Neigung und Meinung. Die Bildung der Frauen geschieht, man weiß nicht wie, gleichsam durch die Atmosphäre der Vorstellung, mehr durch das Leben als durch das Erwerben von Kenntnissen, während der Mann seine Stellung nur durch die Errungenschaft des Gedankens und durch viele technischen Bemühungen erlangt.

[G.W.F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, stw 607, 318-320]

[Damit dürfte auch klar sein, dass er im Zusatz zu § 164, Seite 317f, nicht (oder nicht nur) Schlegel paraphrasiert: Es ist über das Verhältnis von Mann und Frau zu bemerken, daß das Mädchen in der sinnlichen Hingebung ihre Ehre aufgibt, was bei dem Manne, der noch ein anderes Feld seiner sittlichen Tätigkeit als die Familie hat, nicht so der Fall ist. Die Bestimmung des Mädchens besteht wesentlich nur im Verhältnis der Ehe; die Forderung ist also, daß die Liebe die Gestalt der Ehe erhalte und daß die verschiedenen Momente, die in der Liebesind, ihr wahrhaft vernünftiges Verhältnis bekommen.]

Ein Grundübel der alten Philosophie: dass sie es nicht dabei bewenden lassen kann, die höchsten Güter der Menschheit für sich und die Ihren zu beanspruchen, sondern darüberhinaus auch noch den davon Ausgeschlossenen ihre unüberwindbare Minderwertigkeit anhand aus den Finger gesogener unumstößlicher Ableitungen aufzeigen und es ihnen in immer neuen Reformulierungen immer wieder unter die Nase reiben und das Spiel so lange weitertreiben muss, bis sie beschließt, mit ihren Opfern nicht einmal mehr reden zu können, weil diese so unendlich weit unter ihr stehen. Und was für Dramen sich abspielen, wenn das im Kampf der Philosophischen Schulen untereinander passiert! Wenn die Analytische Philosophie alles andere als die stumpfsinnige, vollständig dekontextualisierte Analyse von Aussagesätzen (auf Basis einer äußerst fragwürdigen, angeblich metaphysikfreien, Ontologie) zum einzig philosophischen Unternehmen erklärt, und den großen Rest als weder vernünftig noch vernünftig argumentierbar verwirft ...

[Nachtrag: Aber Hegel kann es deutlich besser als er es hier tut; und die Analytische Philosophie ist zum Glück auch nicht mehr das, was sie einmal war. Trotzdem bleibt die Frage, wie Hegel dazu gekommen ist, soetwas zu schreiben, und ob er wirklich geglaubt hat, dass die Verhältnisse von Menschen untereinander so liegen können.]

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Freitag, 24. Februar 2006
Celebrity Death Match: Slavoj Žižek - Philip K. Dick | Paranoide Logik ist die einzig produktive Logik (in der Philosophie und überhaupt)

Item. One of the most effective forms of industrial or military sabotage limits itself to damage that can never be thoroughly proven - or even proven at all - to be anything deliberate. It is like an invisible political movement; perhaps it isn't there at all. If a bomb is wired to a car's ignition, then obviously there is an enemy; if a public building or a political headquarters is blown up, then there is a political enemy. But if an accident, or a series of accidents, occurs, if equipment merely fails to function, if it appears faulty, especially in a slow fashion, over a period of natural time, with numerous small failures and misfirings - then the victim, whether a person or a party or a country, can never marshal itself to defend.

In fact, Arctor speculated as he drove along the freeway very slowly, the person begins to assume he's paranoid and has no enemy; he doubts himself. His car broke down normally; his luck has just become bad. And his friends agree. It's in his head. And this wipes him out more thoroughly than anything that can be traced. However, it takes longer. The person or persons doing him in must tinker and putter and make use of chance over a long interval. Meanwhile, if the victim can figure out who they are, he has a better chance of getting them - certainly better than if, say, they shoot him with a scope-sight rifle. That is his advantage.

[Philip K. Dick, A Scanner Darkly, Vintage Books 1991, 91f]

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Mittwoch, 28. September 2005
Ich kann eh nicht schlafen, also versuche ich es gleich gar nicht //Eine Woche verspätet Alles Gute zum Geburtstag, Bill Murray//

Das ganze erinnert mich an eine kleine Episode, die sich irgendwann im Wintersemester 2004/2005 zugetragen hat. Irgendwie kam das Gespräch auf den Status der (damals noch ausschließlich) FPÖ als Nazipartei, wogegen mein Gesprächspartner strengen Einspruch einlegte; nicht, weil er selber einer ist, sondern weil er der denkwürdigen Ansicht anhängt, zu viel antifaschistisches Gedankengut wäre undemokratisch, man müsse immer die Mitte wahren, Extreme wären immer schlecht. Wie man aber bestimmt, was die Extreme, was die Mitte, ob die Mitte immer in der Mitte zwischen den Extremen, wie die Wegstrecke zwischen allen diesen Elementen zu bestimmen, was überhaupt als politische Ansicht anzusehen ist, konnte er mir nicht verraten (ich war allerdings auch zu wütend, danach zu fragen).

Als weiteren Grund, solche schlimmen Dinge über eine Partei und ihre Mitglieder nicht zu sagen, brachte er vor, es wäre eine unrechte Vorverurteilung konkreter Personen und eine unzulässige Verallgemeinerung. Worauf ich ihm etwas zitiert habe, das ungefähr dem Folgenden ähnelte:

1956 wurde Anton Reinthaller, Chef der VdU-Nachfolgepartei FPÖ. Reinthaller war 1928 (!) der NSDAP beigetreten , 1934 "Führer der NSDAP in Österreich". Im März 1938 war er Minister im kurzlebigen Kabinett Seyß-Inquart, das mit dem deutschen Einmarsch im Rücken Kanzler Schuschnigg ablöste. 1941 brachte es Reinthaller zum SS-Brigadeführer im "Rasse- und Siedlungshauptamt" (!). 1957 einigte sich Reinthaller mit Raab auf einen gemeinsamen Bundespräsidentschafts-Kandidaten. 1958 wurde er von Friedrich Peter als FPÖ-Obmann abgelöst.

Peter trat im Alter von knapp 20 Jahren freiwillig der Waffen-SS bei. Im Russlandkrieg 1941 diente er beim 10. Regiment der 1. SS Infanteriebrigade. Diese Einheit war im Sommer 1941 Teil der "Einsatzgruppen", die hinter der Front hunderttausende Juden systematisch erschossen. Peter hat jede Beteiligung und jedes Wissen geleugnet, obwohl seine Einheit damals nur solche Aktionen durchführte.

[Raab, Kamitz, Rheintaller, Peter, Hans Rauscher, Der Standard, 24.Jänner 2005]

Schließlich trat ein guter Bekannter von mir hinzu, und sagte, er hätte das Buch, das ich ihm geborgt hatte (Generation des Unbedingten von Michael Wildt), gelesen und seiner Einschätzung nach war das alles eine riesige unübersichtliche Bürokratie, ein einziges großes Chaos, deshalb könne man niemanden allein wegen der Mitgliedschaft moralisch verurteilen. Also stand ich vor meinem mittigen Demokraten als Schmähtandler da, der gerade von einem mehr der Wahrheit zugetanen Menschen entlarvt worden war. Meine Einwände, ich würde ja niemandem aus der Mitgliedschaft in der Partei ein Grab schaufeln wollen, sondern lediglich aus derjenigen in der SS, dass diese SS-Einrichtungen es trotz unübersichtlicher Strukturen und wilder Fluktuationen in ihren Zuständigkeitsbereichen sehr wohl fertig gebracht hätten, eine ganze Menge Leute umzubringen, und für den Tod vieler weiterer Millionen vorzuplanen, dass Peter in einer Einheit gewesen war, die den ganzen Tag nichts anderes gemacht hatte, als hinter der Front Leute umzubringen, dass es gerade darum ginge, es nicht zuzulassen, dass sich Mörder hinter irgendwelchen bürokratischen Apparaten verstecken könnten, dass ja die SS (Allgemeine und Waffen-) in Nürnberg zur verbrecherischen Organisation erklärt wurde und deshalb die Mitgliedschaft dort ...

Es war aussichtslos; ich war zu extremistisch, mein Gegenüber war sich sicher, seiner Demokratenpflicht nachzukommen, indem er mich eiskalt ignorierte und ich war völlig verzweifelt, dass dieser Mann Philosophie studiert und glaubt, mit einem so geistlosen Satz wie "die Mitte ist gut, die Extreme sind immer schlecht" bereits die höchste dem Menschen mögliche politische Einsicht bekommen zu haben; und ich war verzweifelt, dass mein guter Bekannter ebenfalls Philosophie studiert und der Meinung ist, komplexe und unübersichtliche Strukturen (die aber im Endeffekt trotzdem dazu führen, dass jemand entscheidet, wo sterben gemacht wird, jemand anderer einen Befehl erteilt, und wieder jemand anderer schießt - so scheiß kompliziert kann das doch nicht sein, Personen für die Planung, Befehlserteilung und/oder Durchführung eines Massenmordes lebenslänglich einzusperren) entbinden die handelnden Personen von jeglicher rechtlicher oder moralischer Verantwortung. Und ich war natürlich verzweifelt, dass ich Philosophie studiere und nicht bei ausreichend klarem Verstand war, diesen Menschen zu argumentieren, was für einen unsäglichen Scheißdreck sie da gesagt hatten.

Es wird spät, ich kann nicht mehr aufhören zu fluchen, es wird Zeit, einen Versuch zu wagen, vielleicht kann ich ja einschlafen. Gute Nacht.

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Mittwoch, 7. September 2005
Ein neuer Tag - ein neues Thema für die Diplomarbeit

Über mehrere Quellen ist mir folgendes zur Kenntnis gekommen: [Rosemary Bechler, Nation as trauma, Zionism as question: Jacqueline Rose interviewed, openDemocracy]

Vorteil: Ich kenne mich zumindest ein bisschen damit aus, sprachlich sollte es keine Probleme damit geben, und vorallem (und das ist der große Unterschied zu den meisten anderen Themen, die mir so einfallen, wenn ich in meinem Bett liege und an die Decke starre) es interessiert mich wirklich und ich kann darüber lesen, ohne einzuschlafen.

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Donnerstag, 12. Mai 2005
Letztens stand auf der Tafel eines Hörsaals links in der Mitte das Wort "Pseudos" (sonst nichts).

Das sogenannte Lektüreseminar von KPL schließt direkt an eine andere von ihm gehaltene Lehrveranstaltung an. Laut dem abgewischten Tafelbild soll es dort diesmal um "Vernunfterkenntnis" gegangen sein; in der viertel Stunde, die ich vor der Tür gesessen bin, habe ich aber lediglich KPL beim Polemisieren gegen "Nachbar in Not" gehört - Deduktion der reinen Feuilletonbegriffe.

Aber es gibt auch erfreuliches zu berichten: Die Sache wird von Woche zu Woche einfacher durchzustehen und übernächste Woche ist wiedereinmal ein Feiertag, und über diese Feiertage werde ich mein Aristotelesreferat endlich schreiben können. Jedenfalls: überstandener Qual ging ich zur U-Bahn und traf dort Kollegen K., der sich mit einer mir unbekannten Person männlichen Geschlechts unterhielt. Es ging offensichtlich um Fragen der universitären Administration, und ich hörte interessiert zu; Kollege K. band mich in das Gespräch ein und als der dritte Kollege erklärte, die gesamten administrativen Aufgaben der Universität Wien wären in ein einziges (dementsprechend funktionierendes) Programm gepackt worden, und Kollege K. meinte, das wäre das universitäre Gegenstück zu SAP, konnte ich sogleich einwenden, dass aber Universitäten wenigstens nicht in Konkurs gehen könnten, was ich aber sofort revidierte, und der dritte Kollege sofort beeinspruchte - denn wie wir alle wissen, sind die österreichischen Universitäten aufgrund ihrer neuerlangten Vollrechtsfähigkeit inzwischen ebenfalls Gegenstand des Insolvenzrechts (ich hoffe die Juristinnen und/oder Juristen unter der werten Leser/innen/schaft haben gegen diese Formulierung nichts einzuwenden). Der dritte Kollege verabschiedete sich und ich schlug mit Kollegen K. die übliche Route ein - U2 Karlsplatz, statt wie üblich U2 Schottenring. Es ging in unserem Gespräch wie üblich um den Eros, die Universitätspolitik und die Diplomarbeit. Ich erzählte ihm, dass ich in meiner Lektüre der Klassiker der politischen Philosophie bei Aristoteles steckengeblieben sei und mich mit dem Gedanken trüge, diesen zum Gegenstand meiner Diplomarbeit zu machen, genauer gesagt - falls ich bis dahin so weit sein werde - einen seiner arabischsprachigen Kommentatoren; oder, im letzteren Falle, eventuell auch jemand anderen aus dem breiten Feld der arabischsprachigen Philosophie, da ich mich außer Stande sähe, eine "traditionelle" Arbeit zu verfassen und daher eher zu einer kommentierten Übersetzung tendieren würde. Er nannte mir daraufhin den Namen eines Professors an unserem Institut, der sich sehr für dieses Gebiet interessiert und auch schon erfolglos versucht hat, einen arabischstämmigen Kollegen darauf zu verpflichten. Diese Begebenheit ließ uns darauf schließen, dass besagter Professor wohl an einer Diplomarbeit wie sie mir vorschwebt, sehr interessiert wäre. Die große Frage ist allerdings, ob das so einfach geht, ob und welche Voraussetzungen ich dafür erfüllen muss, gar nicht zu reden von der alles entscheidenden Frage, ob ich es jemals schaffen werde, so gut Arabisch lesen zu könnnen und mich auch ausreichend in der Fachterminologie, und damit zusammenhängend in der arabischsprachigen Philosophie überhaupt (bzw in dem meinem Thema entsprechenden Feld selbiger), auszukennen.

Fragen über Fragen, aber eine klare Perspektive.

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Donnerstag, 14. April 2005
Manchmal geht mir Philo echt am Oasch

Heute in der Früh, "Reading Wilfrid Sellars's 'Empiricism and the Philosophy of Mind", gehalten von Gastprofessor Willem DeVries.

In dieser Vorlesung sitzen zwei der von mir meistgehassten Leuten des ganzen Instituts (diese zwei und ein dritter sind eigentlich die einzig hassenswerten Dauergäste auf der Philosophie). Einer davon hat anscheinend seinen Popper nicht gelesen, denn er behauptete steif und fest, die Nutzbarmachung der Natur für den Menschen sei Gegenstand der Wissenschaft (und nicht etwa der Technik), denn wenn die Wissenschaft auf vollständige Erkenntnis der Welt ausgerichtet wäre, ginge das ja gar nicht, weil man die Welt nicht vollständig erkennen kann. Dabei benutzte er ständig die Wendungen "aber die Wissenschaft will doch", "aber die Wissenschaft ist doch" und "aber die Wissenschaft will doch beweisen" - und da traf er dann einen Nerv, weil DeVries ihm gleich mitteilte, dass man sich, wenn man von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen die Strenge mathematischer Beweise fordern würde, sich den Blödsinnsargumenten (ich glaube er hat hier sogar ein Schimpfwort benutzt) der Kreationisten ausliefern würde. Anzumerken wäre hier noch, dass er hier episteme und techne durcheinanderbringt, was deshalb lustig ist, weil er in der ersten Stunde ständig gefragt hat "Ist [dieser englischsprachige Begriff hier] im Sinne von [diesem tollen griechischen Wort, das ich kenne] zu verstehen?" - "Tut mir wirklich, ehrlich, aufrichtig leid, aber ich will jetzt echt weitermachen" - [Aber ich kenne noch so viele schöne griechische Wörter!]

Nummer zwei ist ein ganz ein schlauer Bursch und hat schon letzte Woche (halberfolgreich) versucht, den armen Prof. DeVries darauf festzunageln, was Sellars denn für einer ist ("Würden sie sagen, Sellars ist ein [whatever]? Würden sie sagen, Sellars will den Empirismus psychoanalysieren? //Kein Scheiß!//). So auch diese Woche: "Würden sie sagen, Sellars ist ein scientific realist?" - "Ja, von mir aus ..." - "Aber hier im scientific realism Artikel der Stanford Encyclopedia of Philosophy steht, ein scientific realist glaubt [vollkommen wurscht]. Ist das nicht ein Widerspruch?" - [Weißt was, leck mich am Arsch. Wenn dich das hier nicht interessiert, tu uns allen einen Gefallen und schleich dich, aber schütt hier nicht deine untiefen Weisheiten über uns aus.]

Ja, so war das heute.

Nicht unerwähnt soll auch die heutige Sitzung des Lektüreseminars "Also sprach Zarathustra" bleiben. Lehrveranstaltungsleiter K.-P. L. war heute ausnahmsweise nicht anwesend - wird es auch nächste Woche nicht sein - und so wurde heute und wird nächste Woche das Seminar von der Tutorin geleitet. Da K.-P. L. üblicherweise relativ und absolut die meisten Wörter produziert, war abzusehen, dass es also diesmal ohne ihn zu einer etwas regeren Debatte als sonst kommen würde, was auch tatsächlich der Fall war. Obwohl es auch der sehr gut informierte (vorallem aber: sehr interessierte) Kollege nicht verhindern konnte, dass ein großer Teil der Zeit für den Austausch von bonmots draufging, war es doch besser als sonst. //Trotzdem war es insgesamt wie immer recht sinnlos, denn egal auf wie hohem Niveau man sich mit Nietzsche beschäftigt, wenn man sich nicht auch mit richtiger Philosophie beschäftigt, schaut im Endeffekt nichts bei der ganzen Sache heraus.// Interessant war das zweite Referat; dessen Referentin entschuldigte sich nämlich in aller Höflichkeit, dass sie nicht alles so parat hätte, sie würde nämlich gar nicht Philosophie studieren. Trotzdem hat sie das beste Referat bisher abgeliefert. Kein pseudotiefsinniger Scheiß, kein "Naja, wissts eh, bei Nietzsche is das alles nicht so einfach." und vorallem kein "Ich sag euch meine Interpretation, sagts ma ihr eure und wir gehen nach Haus".

Mehr gibt es dazu zum Glück nicht zu sagen.

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Mittwoch, 13. April 2005
Wahrlich, beim Ts-hoiß, o Sokrates, wie könnte es wohl anders sein?

Da es, wie sich gezeigt hat, drei Arten der Lust gibt, wovon die eine echt ist, zwei aber unecht, so ist der Tyrann in das Jenseits der unechten hinübergestiegen, indem er Gesetz und Vernunft geflohen hat, und lebt nun mit gewissen knechtischen und söldnerischen Lüsten; wieviel er aber dabei zu kurz kommt, ist gar nicht leicht zu sagen, außer etwa so. [...] Also wenn einer die Sache umkehrend von dem Könige sagen wollte, wie weit er vermöge der Wahrheit seiner Lust von dem Tyrannen entfernt ist: so wird er nach vollendeter Vervielfältigung finden, daß er siebenhundertundneunundzwanzigmal anmutiger lebt, der Tyrann also unseliger ist in demselben Maß und gleicher Entfernung.

[Platon, Politeia, Buch IX, 587c & e; Übersetzung Friedrich Schleiermacher]

Rezeptionstechnisch ist es eigentlich gar nicht ungeschickt, im einem Buch neben solch wahnwitzigem Unsinn auch unmissverständliche Passagen wie die folgende unterzubringen:

Zu behaupten aber, daß Gottt irgend jemandem Ursache des Bösen geworden ist, da er doch gut ist, dies muß man auf alle Weise durchfechten, daß es nicht jemand sage in seinem Staat, wenn er gut regiert werden soll, noch auch jemand höre, weder jung noch alt, und weder in gebundener Rede noch in ungebundener vorgetragen, weil es weder fromm wäre, wenn es einer sagte, noch uns zuträglich, noch auch mit sich selbst übereinstimmend. - Ich stimme mit dir, sagte er, für dieses Gesetz, und es gefällt mir. - Dies also, sprach ich, wäre eines von den Gesetzen und Vorschriften in bezug auf die Götter, kraft dessen nur so geredet und gedichtet werden darf, daß Gott nicht an allem Ursache ist, sondern nur an dem Guten. (Politeia, Buch II, 380 b & c)

Es gibt also nichts, um deswillen Gott lügen könnte. - Es gibt nichts. - In jeder Hinsicht also ist das Dämonische und Göttliche ohne Falsch. - Auf alle Weise gewiß, sagte er. - Offenbar also ist Gott einfach und wahr in Wort und Tat und verwandelt sich weder selbst, noch hintergeht er andere, weder in Erscheinungen noch in Reden, noch indem er ihnen Zeichen sendet, weder im Wachen, noch im Schlaf. (Politeia, Buch II, 382e)

Und wie mir zu Ohren kommt, ist es gerade die deutschsprachige Platon-Rezeption, die Passagen wie die erste poetisch oder allegorisch verstanden wissen möchte, die Platon als vor Witz und Ironie sprühenden großen Autor der Antike sehen möchte, und nicht etwa als den fanatischen Reaktionär, der er - neben Aristoteles gestellt - ist. Selbstverständlich kann man Platons Gleichstellung von Mann und Frau, die Aristoteles deutlich verneint, ebenso wie seine "Weiber- und Kindergemeinschaft" visionär, radikal, utopisch nennen, dagegen lässt sich aber (wie es beispielsweise Hegel in der Rechtsphilosophie angedeutet hat - wenn ich mich auf die Darstellung Günther Biens in Die Grundlegung der politischen Philosophie bei Aristoteles verlassen kann //Notiz an mich selbst: Hegel!!!//) einwenden, dass das alles bloß dazu dient, die Vielen zur Masse zu machen, die als eine solche dann das philosophische Leben der Wenigen stützt. Jetzt sollten noch ein paar Stellen von Platon kommen, wie abscheulich es ist, zu lügen und wie schwer Unwahrheit bestraft werden soll - schlimmstenfalls mit Ausschluss aus der polis, glaube ich - und wie großartig es ist, im Sinne des Staates zu lügen, und dass doch nichts über einen guten Mythos geht, der zwar immer Lüge ist, aber eben im Dienste des Guten, aber ich habe im ersten Durchgang durch die Politeia keine Notizen gemacht und der nächste und hoffentlich letzte Durchgang steht erst wieder im Sommer oder in den Weihnachtsferien an; dann käme vielleicht noch das eine oder andere darüber, dass man sich als guter Faschist ja immer für einen Mythos und ein wenig poetische Rede erwärmen kann, die man dann auch ernst genug nimmt, dafür ordentlich Blut fließen zu lassen.

Aber ich bin jetzt viel zu müde für irgendwas, deshalb fassen wir zusammen:
Platon = Faschist
alle, die über Politik philosophieren, wie Platon es getan hat = auch Faschisten oder auf dem Holzweg (oder mit einer cleveren, zu cleveren, Metatheorie unterwegs)
Aristoteles = um Welten besser, obwohl in einigen Fragen (Gleichstellung der Frau) hinter Platon, in anderen, damit zusammenhängenden (Sklaven), wenigstens ehrlich
Fußnotenschreiber zu Aristoteles' Politik = ehrbare Leute
sozialistische Fußnotenschreiber zu Aristoteles' Politik = Heldinnen und Helden
Hegel = zu lesen

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Das bin nicht ich. Das ist Bruno Kreisky. Ich für meinen Teil bin 27 Jahre alt und ein kurzsichtiger, leseschwacher, besserwisserischer, aufmerksamkeitsdefizitärer, ungeschickter, linkshändiger, unausdauernder, übergewichtiger, un-unaufgeregter, unkonzentrierter und unangenehmer Schwätzer ohne Führerschein (sowie ohne Ehrgeiz, Handy, Ziel im Leben, Job, eigene Wohnung, …), dafür mit unregelmäßigem Bartwuchs, schlechter Verdauung und dem Wunsch, dem Kapitalismus ein Ende zu bereiten (der Sonnenkönig hängt dort oben wegen seines Gesichtsausdrucks und weil er mein erster und bisher bester Kanzler war). Mein Lebensmotto ist ‹wenn schon, denn schon›, was angesichts meiner Defizite im menschlichen, zwischenmenschlichen und übermenschlichen Bereich niemanden wundert, der mich kennt. Ich tue was ich hier tue schon 2196 Tage. Das letzte Mal hat es hier am 17.08.2010 um 01:07 irgendetwas neues gegeben.
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